Des Kürbis’ Kern

Warum Halloween immer beliebter wird und die Kirchen herausfordert

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Halloween boomt: In der Nacht auf Allerheiligen verkleiden sich auch hier zu Lande immer mehr Menschen, überall sind leuchtende Kürbisse zu sehen. Doch das Fest ist nicht unumstritten. Was steckt wirklich dahinter? Das fragt das Konradsblatt den Freiburger Volkskundler Werner Mezger sowie den Theologen und Religionswissenschaftler Joachim Valentin.

Konradsblatt: Herr Professor Mezger, Herr Doktor Valentin, Halloween – was ist das eigentlich?

Mezger: Halloween nimmt Elemente von sehr verschiedenen Bräuchen auf. Es ist ein bisschen Erntedank, wenn man an die Kürbisse denkt. Daneben hat es etwas von Allerheiligen, weil es Riten rund um den Tod aufgreift. Die im Rheinland üblichen Heischebräuche um Sankt Martin klingen an, wenn Kinder mit der Parole „Trick or treat“ (zu deutsch: „Süßes her oder ihr bekommt Saures!“) von Haus zu Haus ziehen. Und nicht zuletzt hat Halloween auch karnevaleske Akzente durch die Verkleidungen und Gruselkostüme.

Die Ursprünge von Halloween liegen im vorchristlichen, keltischen Irland. Was war damals der Kern dieses Brauches?

Mezger: Wenn man das so genau wüsste! Verbreiteter Meinung nach geht Halloween auf vorchristliche Rituale um den keltischen Jahresanfang „Samhain“ zurück. Es sei, so die populären Erklärungsmuster, ein Brauch gewesen, der mit Geistern und der Wiederkehr von Toten zu tun hatte.

Valentin: Es ist anzunehmen, dass das Christentum diese Brauchformen nicht zerschlagen, sondern integriert hat, etwa durch die Verlegung des Allerheiligenfestes auf den 1. November durch Papst Gregor IV. Von daher stammt schließlich der Name des Festes: „Halloween“ kommt von „All Hallows’s Eve“, also dem „Abend vor Allerheiligen“.

Sie formulieren mit Blick auf die Anfänge sehr zurückhaltend ...

Mezger: Ich bin mit solch mythischen Ursprungsspekulationen grundsätzlich vorsichtig. Für mich ist eher das Erklärungsmodell als solches interessant, dass man ein aktuelles Phänomen gewissermaßen dadurch legitimieren will, dass man es bis in graue Vorzeit zurückprojiziert.

Was lässt sich über die jüngere Vergangenheit sagen?

Valentin: Im mittleren und späten 19. Jahrhundert sind viele Iren aufgrund von Hungersnöten in die USA ausgewandert. Sie haben das Fest mitgenommen und dort populär gemacht. Was wir heute an Halloweentraditionen in Europa finden, ist wiederum ein Import aus Amerika – ein Reimport, wenn man so will.

Was ist eigentlich der Inhalt von Halloween? Hat das Fest ein Thema, eine Botschaft?

Valentin: Wenn Halloween eine offenkundige Botschaft hätte, wäre es nicht so erfolgreich. Denn zu einer klaren Aussage muss man Stellung nehmen, und das fällt vielen heute ja schwer. Es stecken allerdings einige Grundthesen in dem Fest. So thematisiert Halloween die Frage nach dem Jenseits. Natürlich würden die Wenigsten, die an Halloween ein Gruselkostüm anziehen, sagen: „Ich glaube an Geister“ oder gar „an ein Leben nach dem Tod“. Die Auseinandersetzung mit dem Thema geschieht nicht auf einer hochtheologischen Ebene. Aber immerhin wird die Möglichkeit, dass etwas Geisterhaftes im Diesseits erscheint, karnevalesk durchgespielt.

Warum ist Halloween so erfolgreich?

Mezger: Zum einen bedient Halloween natürlich die Multi-Optionsgesellschaft. Es bietet von allem etwas, man kann auswählen und muss sich inhaltlich doch nicht festlegen. Der eine fühlt sich vielleicht vom Horrorelement besonders angesprochen; andere haben einfach Lust, sich zu verkleiden oder ihre Wohnung in Halloweenmanier zu gestalten. Insofern ist Halloween ein klassischer Spiegel der vielen Möglichkeiten, die der moderne Erlebnismarkt uns eröffnet. Damit hängt eine weitere Qualität von Halloween zusammen: Weil Halloween so eine offene Spielfläche bietet, grenzt es niemanden aus. Bei bodenständigen Festen und Bräuchen gibt es Ausgrenzung sehr wohl: Wer nicht dazugehört, bekommt das deutlich zu spüren. Nicht von ungefähr kommt es bei lokalen Festen immer wieder zu Aggressivitäten von Randgruppen – bei Halloween eher selten.

Valentin: Nicht aus Zufall ist Halloween in seiner jetzigen Form in den USA entstanden, also in einer von Anfang an pluralen Gesellschaft. Dort hat Halloween eine integrierende Funktion über-nommen, über konfessionelle und kulturelle Grenzen hinweg. Dass Halloween bei uns gerade seit den 90er-Jahren so stark gefeiert wird, dürfte also auch etwas mit der Nachwendesituation zu tun haben, mit den stärkeren Wanderungsbewegungen innerhalb Europas, die ein nicht explizit europäisch-christliches „Fest“ eher begünstigen.

Mezger: Der Erfolg von Halloween ist wohl auch in einem gewissen Zusammenhang mit einer von der Forschung in letzter Zeit beobachteten generellen Karnevalisierung der Welt zu sehen. Fastnacht, Fasching, Karneval, ursprünglich auf wenige Tage beschränkt, haben sich inzwischen stark ausgeweitet. Heute gibt es Sommerkarneval, den karibischen Karneval in London, den Karneval der Kulturen in Berlin, karnevalsähnliche Events wie die „Loveparade“, den „Christopher Street Day“. Diesem Trend entspricht auch Halloween. Und noch ein Weiteres: Halloween wird als Fertigangebot geliefert, als geschnürtes Eventpaket sozusagen, via Internet. Eine geschäftstüchtige Industrie bietet heute alles an, was man zu Halloween braucht – wenn es sein muss, sogar eine komplett organisierte Party.

In den Kirchen wird geklagt, früher hätten die Menschen Allerheiligen gefeiert – heute Halloween. Hängt das wirklich zusammen?

Mezger: Allerheiligen ist in den Köpfen und Herzen der Menschen offenbar nicht mehr genug verankert, um unserem Bezug zu den Verstorbenen einen angemessenen Handlungsrahmen zu geben. Emotionales Totengedenken verbindet sich inzwischen eher mit anderen Festen – zum Beispiel mit Weihnachten, wo insbesondere der Nachmittag von Heiligabend von vielen zum Gräberbesuch genutzt wird. So gesehen ist Halloween ein Füllsel für jenes Vakuums, das die allgemeine Abkehr von Allerheiligen hinterlässt. Und damit darf man es letztlich auch als einen Ausdruck von Suche deuten – selbst wenn das vordergründig gar nicht so scheinen mag.

Valentin: Die Gestaltung des Allerheiligenfestes ist heute ja eher dürr. Gerade für Familien mit Kindern und Jugendlichen ist es keine attraktive Feier – vor allem, da man ja heute oft gar nicht mehr zum Grab der eigenen Verwandten gehen kann, weil man an einem anderen Ort wohnt. Dass es Halloween gibt, zeigt, dass ein unterschwelliges Bedürfnis zur rituellen Thematisierung des Todes da ist. Es sucht sich eben neue Formen.

Wie sollten die Kirchen darauf reagieren?

Mezger: Sie sollten eben das Suchen hinter dem Halloween-brauch ernst nehmen und das Ganze nicht vorschnell als bloßen Auswuchs der Spaßgesellschaft abtun. Bekanntlich finden immer solche Brauchelemente hohe Akzeptanz, die irgendwelchen Lebensgefühlen Ausdruck geben. Wenn die Kirchen Halloween schlicht als einen Spiegel der Befindlichkeit vieler Menschen begreifen und versuchen würden, die Leute mit wohl überlegten Angeboten da abzuholen, wo sie mit Halloween angekommen sind, dann wäre das gut.

Valentin: Ein Feldzug gegen Halloween wäre abträglich. Die Kirche sollte vielmehr ein offenes Ohr für das Phänomen haben, denn darin drückt sich wirklich ein Fragen aus. Außerdem kann ich mir vorstellen, bestimmtes Halloweenbrauchtum in die Liturgie oder in eher vorliturgische Formen wie etwa Andachten oder Meditationen zu integrieren. Vielleicht erreicht man damit Menschen, die von der Allerheiligenliturgie nicht angesprochen werden – und denen man so eine Brücke zu den traditionellen Formen bauen kann.

Wie kann das konkret aussehen?

Valentin: Das müsste man ausprobieren. Es gilt, Formen zu entwickeln, die sensibel die Symbole von Halloween und damit auch die Themen aufnehmen. Ein Ansatz dafür ist ja schon gemacht, wenn man an die Kürbisse auf den Erntedankaltären denkt. Ein solches Experimentieren ist im Übrigen nichts Ungewöhnliches. Es ist ja in den allermeisten Fällen so, dass Brauchtum nicht verordnet wird, sondern von unten wächst; lokale Marienverehrung und Wallfahrten sind zum Teil gegen herrschende Theologie und lehramtliche Aussagen entstanden.

Halloween in der Kirche? Gibt es da nicht auch Grenzen?

Valentin: Doch, natürlich. Die Kirche kann Halloweenelemente nur mit der nötigen Kritik aufgreifen. Für die Vorstellung, dass es Geister gibt, vor denen man erschrecken muss, gibt es beispielsweise in der christlichen Tradition keine Anknüpfungspunkte. Überhaupt der Geisterglaube, der Spiritismus; das ist nichts ursprünglich Christliches, sondern ein Phänomen der Neuzeit. Genauso wenig lassen sich die Horrorelemente in die christliche Liturgie integrieren. Es geht im Übrigen ja auch nicht darum, einfach unkritisch ein Bedürfnis zu befriedigen; das anzubieten, was ohnehin schon alle machen. Sondern in veränderter Sprache jene Antworten zu geben, die die Kirche auf diese Grundfragen des Menschseins immer schon hat.

Interview: Stephan Langer

Autor: Redaktion

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 44 vom 02.11.2003

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