„... unerbittlich als Laie reden“
Mit Staunen habe ich vor Kurzem eine Rede von Friedrich Dürrenmatt gelesen, die er anlässlich einer Feier zum 100. Geburtstag von Albert Einstein gehalten hat. Dürrenmatt, der bekannte Schweizer Autor von Schauspielen wie „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“, hat sich mit seinem Werk eingemischt in die öffentliche Diskussion wichtiger gesellschaftlicher Fragen.
So auch in seiner Rede am 24. Februar 1979 zum 100. Geburtstag von Albert Einstein, dem wohl genialsten Denker des 20. Jahrhunderts, der nicht nur die Physik, sondern auch das Denken über das Gottes- und Menschenbild nachhaltig verändert hat. Sein Satz „Gott würfelt nicht“ ist fast zum geflügelten Wort geworden. Einstein drückt damit aus: Auch Gott hält sich an die Spielregeln, das heißt an die Naturgesetze und greift nicht willkürlich in die Abläufe der Natur ein. Ein persönlich gedachter Gott, der sich um Einzelschicksale kümmern und sie lenken soll, hat in diesem Denken keinen Platz. Wunder (im Sinn von Durchbrechung der Naturgesetze) kann es da nicht geben. Vielleicht noch Zufälle und „Sprünge“ in der Evolution – so lange, bis auch hier Forscher die dahinter noch verborgenen Gesetzmäßigkeiten entdeckt haben. Dies erhoffen sich jedenfalls viele Naturwissenschaftler.
Wissenschaftliches Denken gegen Schönheit des Glaubens?
Wo bleibt noch Raum für Gott? Wo bleibt die Stimme der Glaubenden? Wie können Christen sich einmischen in diese immer lauter werdende öffentliche Diskussion? Trotz aller Reden von einer Rückkehr der Religion, tourten vor einiger Zeit Busse mit der Aufschrift durchs Land: „Es gibt keinen Gott.“
Manchmal habe ich den Eindruck: Wir Christen, auch weil wir durch Schule und Berufsausbildung im (natur-)wissenschaftlichen Denken erzogen sind und wissen, wie beeindruckend die Ergebnisse dieses Denkens sind, verhalten uns wie gelähmt: Wer hat nun recht? Was ist Wahrheit? Wer deutet die Welt und die Wirklichkeit richtig? Diese verständliche und eher zuhörende Zurückhaltung vieler Christen verbindet sich mit ehrlichem Fragen und Suchen: Können wissenschaftliches Denken und die Schönheit des Glaubens an einen Schöpfergott nicht doch verbunden sein?
So stieß ich vor Kurzem zufällig auf die Rede von Friedrich Dürrenmatt, die er vor Wissenschaftlern der angesehenen Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich gehalten hat. Mich überraschte das Selbstbewusstsein, mit dem er auftrat. Dürrenmatt war weder Wissenschaftler noch Physiker. Er trat auf als Laie, der sich einmischt in die Diskussion der Fachleute, die diese gerne unter sich und in ihrer eigenen Fachsprache führen.
Er beginnt: „Meine Damen und Herren, der Grund, weshalb ich die Einladung der Eidgenössischen Technischen Hochschule angenommen habe, einen Vortrag über Einstein zu halten, liegt darin, dass heute die Mathematik, die Naturwissenschaften und die Philosophie derart ineinander verflochten sind, dass sich auch Laien mit diesem gordischen Knoten befassen müssen.“
Öffnet die „Ghettos der Sachgebiete“!
Der sprichwörtliche Gordische Knoten steht sinnbildlich für die Überwindung einer schwierigen, kaum zu lösenden Situation. Dürrenmatt fährt fort: „Denn überlassen wir die Physiker, die Mathematiker und die Philosophen sich selber, treiben wir sie endgültig in die Ghettos ihrer Fachgebiete zurück, wo sie hilflos und unbemerkt den Raubzügen der Techniker und der Ideologen ausgeliefert sind … Ich werde darum … unerbittlich als Laie reden.“
Was für ein Selbstbewusstsein! Dass man auf einem Fachgebiet Laie ist, bekennt man meist entschuldigend und in der ängstlichen Erwartung, dass ein Fachmann kommen könnte und einem klarmacht, wie wenig Ahnung man von doch eigentlich sehr komplizierten Vorgängen hat. Dürrenmatt aber redet bewusst und „unerbittlich“ als Laie. Ich frage: Sollten wir Christen neben der manchmal berechtigten, zuhörenden Zurückhaltung nicht auch gelegentlich „unerbittlich“ von unserer Erfahrung mit Gott und von seiner Fügung und Führung in unserem Leben erzählen und auch von dem, was wir als ein uns geschenktes Wunder erleben? Wäre dies nicht auch eine Hilfe für jene, die allein nicht aus den „Ghettos ihrer Fachgebiete“ herausfinden? Umgekehrt helfen die kritischen Fragen von Naturwissenschaftlern uns Christen, die Grenzen unserer Weltdeutung zu erkennen. Also – gegenseitige Hilfe.
Der Autor ist Dekan (evang.) i. R. und lebt in Wittnau bei Freiburg
Autor: Ernst Weißer
Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 11 vom 14.03.2010
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