Nackt, ehrlich, verletzlich
Gott im Gefängnis: Ausstellung in Heidelberger Kirchen
„Gott im Gefängnis“ heißt eine Ausstellung, die noch bis zum 28. März in der Heidelberger Jesuitenkirche und der Heiliggeistkirche zu sehen ist. Die Fotografien zeigen Häftlinge der Justizvollzugsanstalt „Fauler Pelz“ in Heidelberg.
Der Mann in seinem Zimmer – gänzlich nackt. Das Gesicht sieht man nicht, nur den Rücken. Neben ihm das einfache Bett. Das Bild ist für manchen eine Zumutung. Auch deshalb, weil es überlebensgroß in einer Kirche hängt. In der Jesuitenkirche in Heidelberg. Sie ist einer von drei Ausstellungsorten der Schau „Gott im Gefängnis“.
Ein Jahr lang trafen sich der katholische und der evangelische Gefängnisseelsorger, Hermann Bunse und Peter Stetzelberger, und die Fotografin Gülay Keskin mit Untersuchungshäftlingen der Justizvollzugsanstalt „Fauler Pelz“ in Heidelberg. Ein Jahr lang haben sie die Gefangenen begleitet, mit ihnen über ihr Leben, die Bibel, persönliche Schuld und religiöse Erfahrungen gesprochen. Aus diesen Treffen entstanden Texte. Nach diesen gestaltete die Fotografin Keskin zusammen mit den Gefangenen aber auch mit Männern und Frauen im Justizvollzugsdienst die Fotos.
Protest und Schweigen in der Gruppe
Gülay Keskin hatte schon vor Beginn die Ahnung, dass es „nicht gemütlich“ werden wird. Die Gespräche waren denn auch, so erzählt sie, von einer unwahrscheinlichen Ehrlichkeit geprägt. Teilweise so ehrlich, offen und schonungslos, dass es auch Gefangenen zu viel wurde. So hätten einige laut protestiert, als einer von ihnen über seine Sexualität erzählte: Im Beisein einer Frau – der Fotografin – könne man solche Dinge nicht sagen, so die Inhaftierten. Aber nicht selten habe es auch Situationen gegeben, in denen die Gruppe geschwiegen habe, ergänzt Gefängnissseelsorger Bunse – weil das Erzählte unter die Haut ging.
Den Schwarz-Weiß-Bildern sieht man diese Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit an. Einige sind so hart, dass man sich an ihnen stoßen kann und sie lassen erahnen, dass im Leben der Abgebildeten einiges schiefgelaufen ist.
Hoffnung auf die neue Chance – nach dem Knast
Aber trotz der Härte: Die Menschen auf den Bildern sind verletztlich. Nackte Haut erscheint auf den Fotos. Nackt und bloß: Diejenigen, vor denen sich die Gesellschaft schützen will, sie stehen hier selbst schutzlos. Wie ein Mann, der den Stein auffängt, sich krümmt und dessen Adern unter der Haut hervortreten. Oder die Hände, die ein Familienfoto halten, Erinnerung an die Frau und das Kind. Dazu ein Liebesgedicht: „Meine wach gewordene Seele wünscht sich nichts sehnlicher als Dich.“ Hoffnung scheint hier hervor, die Hoffnung auf eine neue Chance – nach dem Knast.
Die Bilder hängen in zwei Heidelberger Kirchen: Der evangelischen Heiliggeist- und der katholischen Jesuitenkirche. In der Ersteren wurde ein Betonlabyrinth um die Fotos gebaut, das sie gefangen nimmt. In der Jesuitenkirche hängen die Bilder in den Seitenschiffen. Die Kirche selbst ist hell und freundlich, die letzte Renovation liegt erst wenige Jahre zurück. Die Gefangenen, die Schuld auf sich luden, schweben hier wie frei, über den Köpfen der Besucher. Vielleicht eine Provokation, wie der völlig Nackte, der da in seinem Zimmer sitzt. Aber neben ihm hängt noch ein Nackter: Jesus im Kreuzweg, seiner Kleider beraubt. Die Bilder der Gefangenen weisen damit auf die Zumutungen hin, die der Glaube an Christus an uns stellt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst und verzeihe auch denen, die Dir Böses getan haben.
Autor: Thomas Arzner
Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 11 vom 14.03.2010
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