Gestärkt ins Leben gesandt

Freiburger Pastoralkongress zum Thema Jugend und Firmung

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Wer sich der anspruchsvollen Aufgabe „Firmpastoral“ stellt, sollte keine Berührungsängste haben und der Lebenswelt junger Leute offen begegnen. Um die ging es beim Pastoralkongress im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg.

„Versucht nicht, uns zu verstehen! Ihr könnt uns erforschen, Statistiken aufstellen, Thesen aufstellen und sogar daran glauben. Aber verstehen werdet ihr uns nicht. Wir sind anders …“
Unmissverständlich deutlich klingt dieser Protest eines (nicht näher bekannten) jungen Menschen gegen die immer neuen Studien und Umfragen rund um „die Jugend“ von heute; gegen das, was die vermeintliche „Generation Golf“, „Praktikum“ oder „Internet“ denkt und fühlt, von der Zukunft erwartet oder auch nicht.
Doch können Erwachsene – vor allem solche, die vielleicht nicht (mehr) ständig mit Jugendlichen zu tun haben – die Lebens- und Erfahrungswelten junger Leute auf diese Weise nicht möglicherweise besser verstehen? Die eigene Jugend liegt ja oft schon lange zurück; was das Leben von Heranwachsenden ausmacht, Familie, Schule, Ausbildung, Freizeitgestaltung, hat sich mittlerweile völlig verändert, auch die Zukunftserwartungen und -aussichten im beruflichen Umfeld. Warum also das Phänomen „Jugend“ nicht auch theoretisch in den Blick nehmen, mittels wissenschaftlicher Untersuchungen wie etwa der vom gleichnamigen Mineralölkonzern herausgegebenen „Shell-Jugendstudie“?
„Wer Firmpastoral machen will, muss sich mit den Lebenswelten von Jugendlichen auseinandersetzen“, stellte denn auch Wolfgang Müller, Leiter des Referats für Pastorale Grundaufgaben im Erzbischöflichen Seelsorgeamt, zum Auftakt des diesjährigen Pastoralkongresses des Erzbistums fest. „Sei gesendet … Herausforderung Firmpastoral“, so der Titel der Veranstaltung, zu der rund 170 Teilnehmer/innen aus dem ganzen Bistum im Erzbischöflichen Seelsorgeamt in Freiburg zusammengekommen waren.
Was bewegt Jugendliche heute? Was denken sie von der Kirche und welche Erwartungen bringen sie ihr entgegen? Und wie kann Kirche Jugendliche ansprechen und integrieren?
Was die erste Frage betrifft, empfiehlt sich tatsächlich ein Blick in die jüngsten Jugendstudien, wie das Referat von Diözesanjugendpfarrer Joachim Burkard zeigte, in dem er einige Aspekte dieser Lebensphase zwischen Kindheit und „Erwachsensein“ vorstellte.

Der Weltjugendtag läuft außer Konkurrenz

Tatsächlich scheint auch bei jungen Leuten heute „der Job“ beziehungsweise der Weg dorthin den größten Raum einzunehmen: „Jugendzeit ist zur Schulzeit geworden“, charakterisierte Joachim Burkard diese Entwicklung. Jugendliche wissen, dass Bildungsweg und Bildungsabschluss die berufliche Zukunft maßgeblich beeinflussen – entsprechend hoch ist der Leistungsdruck. Die reformierte und verkürzte Oberstufe am Gymnasium – Stichwort „G 8“ – trägt ihren Teil dazu bei. Trotzdem bietet selbst ein hervorragendes Zeugnis keine Garantie auf einen vergleichbaren Ausbildungsplatz oder eine aussichtsreiche Stelle.
Zeitgleich zur „geistig-intellektuellen“ vollzieht sich im Jugendalter eine phasenweise rasante körperliche Entwicklung, „und zwar in einer Gesellschaft, in der Sexualität enttabuisiert ist“, wie Burkard anmerkte. Was die persönliche Haltung der Jugendlichen betrifft, seien diese – trotz der offenkundigen (medialen) Vermarktung von Sexualität – diesbezüglich eher auf der Suche nach bleibenden Werten, wie entsprechende Studien belegen: Der Wunsch nach freund- und partnerschaftlicher Treue nimmt da­rin nach wie vor einen hohen Stellenwert ein.
Insgesamt spiele die Suche nach Orientierung, Sicherheit und Gewissheit in dieser Lebensphase eine große Rolle, erläuterte Joachim Burkard. Im Umkehrschluss bedeute das: Auch die Meinung und das Verhältnis zur Kirche hänge „entscheidend an der Glaubwürdigkeit der Personen, die für sie stehen“. Persönliches Profil und Konturen – die „Marke“, das „Original“ – würden geschätzt. Motto: „Beim Papst weiß man, was man hat – und das ist erst einmal positiv“, wie der Freiburger Jugendseelsorger hervorhob.
Was kirchliches Leben und Feiern betrifft seien junge Menschen durchaus anschlussfähig, wenn ihr Lebensgefühl und ihre Bedürfnisse angesprochen würden. Vor allem über Musik, ihr wichtigstes Ausdrucksmedium. Hinzu kommt der tiefsitzende Wunsch nach Zugehörigkeit: Junge Leute wollen ihre eigene Identität entwickeln, wollen frei und unabhängig sein. Daneben sind sie immer auf der Suche nach Erlebnissen, neudeutsch „Events“. Burkard: „Für uns als Kirche stellt sich vor diesem Hintergrund die dringende Frage: Gelingt es uns, hier noch eine Andock-Möglichkeit für Jugendliche zu schaffen? Anders gefragt: Wie lange ist das Neue Geistliche Lied noch neu?“
Bei den Experten aus der (Medien-)Wissenschaft scheint der „Eventmanager“ Kirche jedenfalls ein respektables Ansehen zu genießen: Sie beschrieben den Weltjugendtag 2005 in Köln als Kombination aus „Megaparty“ und „Glaubensfest“ – und bescheinigten der katholischen Kirche als Institution bei dieser Veranstaltung einen „klugen“ Umgang mit der Zielgruppe Jugend.

Ins „Firmcamp“ oder zur persönlichen „Gefährtin“

Mit dem „Highlight“ Weltjugendtag sind gemeindliche „Alltagsereignisse“ wie Katechese und Feier der Firmung indes kaum zu vergleichen. Den „garstig breiten Graben“ zwischen Kirche, Firmliturgie und jugendlicher Feier- und Lebenskultur bezeichnete der Freiburger Dogmatiker Bernhard Nitsche denn auch schlicht als „Kulturbruch“.
Was die Schwierigkeiten im Blick auf die (Jugend-)Seelsorge nicht mindert: Gemessen an ihrer Aufgabe sei die Firmpastoral zugleich „holy and heavy“ – ein „heiliges“ und „schwieriges“ Unterfangen, erklärt Nitsche. Denn der Anspruch der Firmung sei denkbar hoch: als Sakrament der „Lebenswende“ und als Ritus der „Initiation“, die in die Gemeinschaft der Kirche einführe und den Firmanden, die Firmandin zum mündigen Mitglied derselben mache. Nach dem Glauben der Kirche vollende die Firmung die Taufe und besiegele sie; der junge Mensch wird in die Gemeinde integriert, sein Mündig- und Erwachsenwerden religiös begleitet; er oder sie wird zum persönlichen (Glaubens-)Zeugnis befähigt und für die Kirche gesandt.
In der Tat stellt sich die neutestamentliche Grundlage des Firmsakraments in Varianten dar: In einigen Paulusbriefen erfolgt die Geistmitteilung in der Taufe, der „Wiedergeburt aus Wasser und Geist“ beziehungsweise im Zusammenhang der Erwachsenentaufe mit anschließender Mahlgemeinschaft („Taufeucharistie“, vgl. Römer und 1 Korinther).
Nach der Überlieferung von Hebräerbrief und Apostelgeschichte war die frühchristliche Taufe mit einer Handauflegung verbunden. Bei der Bekehrung – und anschließenden Taufe – des Paulus (vormals Saulus) kann sie laut Apostelgeschichte sogar zu einer neuen Weise des „Sehens“ führen: „Paulus fällt es ,wie Schuppen von den Augen‘“, so Bernhard Nitsche, „er erlebt seine Initiation als ,Erleuchtung‘.“ Und wird im Anschluss gesandt: als Apostel für die Völker.
Der biblischen Vielfalt entsprechend unterscheiden sich auch die jeweiligen Konzepte der Firmpastoral im deutschsprachigen Raum. Ebenso das dafür empfohlene Firmalter: Gehen Jugendliche in Österreich oder im Bistum Mainz schon mit etwa zwölf Jahren zur Firmung, setzt die Diözese Würzburg/Münsterschwarzach ein Zeitfenster von 13 bis 16 Jahren an. Das Erzbistum Freiburg empfiehlt das Alter 15 bis 16 Jahre, während die Schweiz den Empfang des Sakraments „ab 18 aufwärts“ befürwortet.
Insbesondere die Firmtheologie des Zweiten Vatikanischen Konzils habe den Aspekt der „Sendung“ hervorgehoben (Dekret über die Apostolische Sendung, AA 3; vgl. Lumen Gentium 32f.), erläuterte Nitsche. Damit werde die Gabe des Geistes in Taufe beziehungsweise Firmung zur „Aufgabe und Hingabe“. Die Begabungen eines/einer jeden Einzelnen seien „Gnadengaben des Heiligen Geistes, damit sie anderen nützen“, wie der Dogmatiker mit Bezug auf den ersten Korintherbrief (Kapitel 12–14) darlegte. In der Firmung als „geistlich-biografischem Empowerment“ – als „lebenswendender Stärkung“ – würden die jungen Menschen somit zum Eintritt in die Nachfolge Jesu berufen und befähigt. „Die Nachfolge Jesu wiederum mutet christliche Zeugenschaft für das Evangelium zu.“
Nach den gesellschaftlich-theologischen Impulsen der Vormittagsreferate widmeten sich die Arbeitskreise am Nachmittag der praktischen Umsetzung. Dabei wurden Firmkonzepte und -ansätze aus verschiedenen Seelsorgeeinheiten (SE) im Erzbistum vorgestellt, so beispielsweise ein erlebnispädagogisches „Firmcamp“ (SE Radolfzell), Modelle aus der geschlechtsspezifischen Jugendarbeit mit Mädchen oder Jungen („Nacht des Feuers“, SE Walldorf-St. Leon-Rot und Sasbach a. K.) sowie der Jugendarbeit (SE Karlsruhe-Durlach). Um die Rolle als Firmpatin oder Firmpate geht es im Konzept des „persönlichen Gefährten“ bezeihungsweise der „Gefährtin“ (SE Gundelfingen-Zähringen). Das Behindertenreferat des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes gab Anregungen zum Austausch über die Firmkatechese mit Menschen, die ein körperliches oder geistiges Handycap haben.

Firmung? – Hauptsache! Der Kopf ist dabei …

Ein dichtes Programm für einen Tageskongress, an dessen Ende folglich nurmehr festzuhalten blieb: Es gibt (noch) viel zu tun – machen wir uns an die Arbeit! Und gehen am besten so souverän ans Werk wie der zum Anlass geladene Kabarettist Martin Schley: „Firmung? Ist auf jeden Fall wichtiger als Erstkommunion – da ist der Kopf dabei.“

Autor: Brigitte Böttner

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 11 vom 14.03.2010

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