Das Miteinander kann stark machen
Pfarrgemeinderatswahlen 2010: In Hartheim zeigen sich die Chancen eines Gemeinsamen Pfarrgemeinderates wie auch die Problematik der Strukturreformen
Ein Wechselbad der Gefühle erlebten die Pfarrgemeinderäte der Seelsorgeeinheit Hartheim (Dekanat Breisach-Neuenburg) in den letzten Jahren. Der positiven Erfahrung im Gemeinsamen Pfarrgemeinderat folgte die Nachricht von der geplanten Zusammenlegung mit der Nachbarseelsorgeeinheit.
Was von außen betrachtet wie ein kleiner, naheliegender Schritt zur Veränderung erscheint, kann für diejenigen, die direkt beteiligt sind, eine erhebliche Anstrengung bedeuten. Einen Kraftakt. Zumal dann, wenn es um die Veränderung von Traditionen und Gewohnheiten geht.
Das gilt in allen Lebensbereichen. In der Familie, im Berufsleben, in Vereinen. Erst recht im Bereich der Kirche. In den gewachsenen Pfarrgemeinden und in den Seelsorgeeinheiten, wo seit Jahren jedwede Veränderung in erster Linie als Bedrohung empfunden wird. Als Verlust, Rückbau und Abschied.
Und diese Empfindung ist auch nachvollziehbar. Denn sie entspricht oft genug der Realität. „Den Aufbruch gestalten“, lautete der Titel der Ende 2005 in Kraft gesetzten Pastoralen Leitlinien der Erzdiözese Freiburg. „In der Praxis bedeutet das oft: Die Not verwalten“, beklagt Severin Stief. „Und zwar durch neue geografische Zuschnitte.“
Severin Stief ist Vorsitzender des Pfarrgemeinderates der Seelsorgeeinheit Hartheim. Des Gemeinsamen Pfarrgemeinderates, wohlgemerkt. Der Theologe, der beruflich in der Lehrerausbildung tätig ist, gehört zu denjenigen, die sich schon früh für ein Miteinander über die Pfarreigrenzen hinweg eingesetzt haben. Dasselbe gilt für seine Stellvertreterin, Christiana Schmidt. „Die Seelsorgeeinheit Hartheim war wohl die erste Seelsorgeeinheit, die es überhaupt im Erzbistum Freiburg gegeben hat“, betont sie.
In der Tat arbeiten die Pfarrgemeinden St. Peter und Paul, Hartheim; St. Stephan, Bremgarten, und St. Martin, Feldkirch, bereits seit über zehn Jahren zusammen: gemeinsame Sitzungen der drei Pfarrgemeinderäte, eine gemeinsame Firmvorbereitung, gute Kontakte der Frauengemeinschaften untereinander und anderes mehr. „Es gab viele Verbindungen“, meint Christiana Schmidt.
Gewachsene Traditionen und „unsichtbare Grenzen“
Im Herbst 2005 bekam dieses Miteinander freilich noch einmal eine neue Qualität. Nach intensiven Beratungen einschließlich einer Klausurtagung beschlossen die drei Pfarrgemeinderäte, von der damals neuen Möglichkeit der Bildung eines Gemeinsamen Pfarrgemeinderates für die gesamte Seelsorgeeinheit Gebrauch zu machen. Dafür sprach, neben der gewachsenen Zusammenarbeit, beispielsweise die Tatsache, dass Hartheim, Feldkirch und Bremgarten bereits seit 1974 auch eine einzige politische Gemeinde bilden.
Zudem handelt es sich bei der Seelsorgeeinheit Hartheim mit gerade mal 2600 Katholiken um eine äußerst kleine Seelsorgeeinheit. Entsprechend klein sind die dazugehörigen Pfarreien. Die einzelnen Pfarrgemeinderäte bestanden aus zehn, acht und sechs Mitgliedern. Unter solchen Umständen schien alles für die Bildung eines Gemeinsamen Pfarrgemeinderates zu sprechen. Von außen betrachtet.
Für diejenigen, die direkt beteiligt waren, wurde die Etablierung des neuen Gremiums aber eben doch zum Kraftakt. Denn so nah die drei Pfarrgemeinden geografisch beieinander liegen und so intensiv sich in den Jahren zuvor die Zusammenarbeit gestaltete – es gibt geschichtlich gewachsene Traditionen. Und es gibt auch „unsichtbare Grenzen“, wie Severin Stief betont, der „erst“ seit sieben Jahren in Feldkirch wohnt und somit die Situation immer auch durch die Brille des Außenstehenden betrachten konnte.
Mit ihrer Entscheidung, künftig einen Gemeinsamen Pfarrgemeinderat zu bilden, gehörten die drei Pfarrgemeinden der Seelsorgeeinheit Hartheim im Herbst 2005 noch zu einer recht kleinen Minderheit im Erzbistum Freiburg. In der kommenden Wahlperiode wird die Zahl der Gemeinsamen Pfarrgemeinderäte zwar steigen, aber doch in geringerem Maße als manche erwartet haben. Bei den Pfarrgemeinderatswahlen an diesem Sonntag wird immer noch in deutlich weniger als einem Drittel der rund 330 Seelsorgeeinheiten ein gemeinsames Gremium gewählt.
Die Verantwortlichen in der Seelsorgeeinheit Hartheim lassen im Rückblick allerdings keinen Zweifel daran, dass ihre Entscheidung richtig war. Nicht nur, weil die Zusammenarbeit der nunmehr 15 Mitglieder des neuen Gemeinsamen Pfarrgemeinderates – sieben aus Hartheim und jeweils vier aus Bremgarten und Feldkirch – reibungslos verlief. Es ist viel mehr daraus geworden. „Wir haben in unserem Kreis ein Gefühl der Gemeinschaft und der Zusammengehörigkeit entwickelt“, unterstreicht Severin Stief.
Was auch mit der Not der beteiligten Gemeinden zu tun hat. Im Zuge der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Pastoralen Leitlinien wagten die Pfarrgemeinderäte über die rein organisatorischen Fragestellungen hinaus eine Analyse der pastoralen Situation. Was sie dabei wahrnehmen konnten, war – wie überall im Erzbistum – eine Entwicklung des Rückgangs und die Begrenztheit der eigenen Kräfte.
„Auf diesem Weg hätten wir weitermachen können“
Zum anderen wurden aber auch die Stärken der drei kleinen Gemeinden in bestimmten pastoralen Feldern deutlich: im Bereich der Caritas, bei den Frauengemeinschaften und in der Ministrantenarbeit. Eben diese Bereiche wurden dann einmütig als künftige Schwerpunkte der pastoralen Arbeit in der Seelsorgeeinheit benannt. Die Angst vor weiterer Auszehrung wandelte sich mit der Zeit zu der Überzeugung: Das Miteinander macht uns stark.
Eine Überzeugung, die sich freilich nicht ohne Weiteres vom Gremium des Pfarrgemeinderates auf die Menschen in den Gemeinden übertragen lässt. Deutlich wurde dies, als der Pfarrgemeinderat vor drei Jahren auf Wunsch des älter gewordenen Pfarrers beschloss, die Zahl der Gottesdienste während der Kar- und Ostertage zu verringern. Der Gründonnerstag, der Karfreitag und die Osternacht sollten mit jeweils nur noch einem Gottesdienst in einer der drei Pfarrkirchen gefeiert werden. Ein nahe liegender und sinnvoller Gedanke, der aber trotzdem viele Diskussionen erforderte – weil er eben auch mit dem Abschied von der Fülle der Gottesdienste in der eigenen Kirche verbunden war. „Es gab lange keine deutliche Mehrheit dafür“, meint Christiana Schmidt.
Die Akzeptanz dieser kleinen „Liturgiereform“ an den Kar- und Ostertagen, werteten die Pfarrgemeinderäte der Seelsorgeeinheit Hartheim zu Recht als Erfolg ihrer gemeinsamen Arbeit. Und als Ermutigung, auch auf anderen pastoralen Feldern stärker über den eigenen Kirchturm hinauszublicken. „Auf diesem Weg hätten wir jetzt weitermachen können“, meint Severin Stief.
Was heißt hier „hätten“? Dass der Vorsitzende angesichts der Zukunft im Konjunktiv redet, mutet seltsam an, hat aber seine Berechtigung. Denn in der Seelsorgeeinheit Hartheim wird exemplarisch die ganze Problematik des derzeitigen Strukturwandels im Erzbistum Freiburg deutlich. Ein Strukturwandel, der mit dem Begriff „Weiterentwicklung der Seelsorgeeinheiten“ umschrieben wird, aber in der Regel vor allem eines bedeutet: Die schmerzhafte Vergrößerung der pastoralen Räume.
Denn nachdem der Leiter der bisherigen Seelsorgeeinheit Hartheim, Pfarrer Bernhard Kleiser, im vergangenen Sommer gesundheitsbedingt in Ruhestand ging, warteten die drei Gemeinden vergeblich auf die Zuweisung eines Nachfolgers. Bei einem Gespräch im Erzbischöflichen Ordinariat bekamen sie schließlich „reinen Wein eingeschenkt“, wie Severin Stief es ausdrückt: „Es kommt niemand mehr.“
Stattdessen sieht die Planung das Ende der kleinen Seelsorgeeinheit Hartheim und deren Fusion mit der benachbarten, etwa dreimal so großen Seelsorgeeinheit Bad Krozingen vor. Deren Leiter Gerhard Disch ist bereits jetzt ein vielbeschäftigter Pfarrer. Gleichzeitig ist er Dekan des Dekanats Breisach-Neuenburg. Sieben Pfarreien wird es künftig in seiner Seelsorgeeinheit geben. Ein Vikar, ein nebenberuflicher Diakon und hauptamtliche Laien stehen ihm zur Seite. Ein pensionierter Priester hilft bei den Gottesdiensten aus.
Dass die Katholiken in Hartheim, Bremgarten und Feldkirch die anstehenden Veränderungen als besonders hart erfahren, hat aber womöglich auch damit zu tun, dass sie bisher im Vergleich zu anderen Gemeinden regelrecht verwöhnt waren. Ein Pfarrer für drei Dörfer mit insgesamt nur 2600 Katholiken – das gibt es im Erzbistum Freiburg kaum noch ein zweites Mal. Dazu kommt die Tatsache, dass die Seelsorgeeinheit Hartheim sozusagen zufällig noch zu einem weiteren Pfarrer kam. Thomas Dietrich, seines Zeichens Leiter der Abteilung Sozialpastoral im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg, wohnt seit einigen Jahren im Feldkircher Pfarrhaus. Uns so wie er von Anfang an bereit war, bei den Gottesdiensten in Hartheim, Bremgarten und Feldkirch auszuhelfen, so lässt er sich auch in die komplizierten Planungen der Sonntagsgottesdienste einbinden, die jetzt von Bad Krozingen aus erfolgen.
„Weil die neue Realität kommt, wirkt sie jetzt schon“
Für Thomas Dietrich, der die Situation und die Stimmung in der Seelsorgeeinheit Hartheim sowohl von außen als auch von innen betrachten kann, hat das Ganze etwas Paradoxes: „Das Verrückte ist, dass ausgerechnet eine Seelsorgeeinheit, die so weit fortgeschritten war, jetzt dran glauben muss“, meint er und verweist auf ein grundsätzliches Problem der Strukturreformen im Erzbistum Freiburg und anderswo: „Die Entwicklung überholt ständig die guten Schritte. Das zermürbt. Der Kopf wird nicht frei.“
Das Erzbischöfliche Ordinariat wollte die Fusion der beiden Seelsorgeeinheiten schnell vollziehen. Auf Drängen des Gemeinsamen Pfarrgemeinderates der Seelsorgeeinheit Hartheim wurde sie jetzt bis 2015 verschoben. Was nichts an dem untergründigen Groll nicht nur der Mitglieder des Pfarrgemeinderates ändert. „Weil die neue Realität kommt, wirkt sie jetzt schon“, meint Thomas Dietrich.
Dies bestätigt sich auch im Blick auf die Pfarrgemeinderatswahlen an diesem Sonntag. Auf der einen Seite stand für die Verantwortlichen die erfreuliche Tatsache, dass sich zwei Drittel der Mitglieder des bisherigen Pfarrgemeinderates wieder aufstellen lassen. Ein deutliches Zeichen für die erfolgreiche Arbeit und das gelungene Miteinander in der zurückliegenden Wahlperiode. Auf der anderen Seite ist es nicht gelungen, ausreichend neue Kandidatinnen und Kandidaten zu finden. Für die 15 Plätze im künftigen Gemeinsamen Pfarrgemeinderat stehen nur 14 Personen zur Verfügung. „Obwohl wir viele Gespräche geführt haben“, wie Christiana Schmidt betont.
Die Ehrenamtlichen in der Seelsorgeeinheit Hartheim sind sich darüber bewusst, was in den kommenden Jahren alles auf sie zukommen wird. Die Zusammenarbeit mit den Gremien der Seelsorgeeinheit Bad Krozingen, in der es noch getrennte Pfarrgemeinderäte gibt, muss in Gang kommen, die Gottesdienste müssen abgestimmt werden. Zudem gilt es, die rechtlichen Schritte zur Vereinigung der beiden Seelsorgeeinheiten in die Wege zu leiten. Am Ende, spätestens 2015, steht dann gemäß den Vorgaben des Erzbistums eine einzige große Kirchengemeinde mit einem Gemeinsamen Pfarrgemeinderat und einem Gemeinsamen Stiftungsrat. Immerhin: Die ersten Monate der Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Nachbarseelsorgeeinheit Bad Krozingen haben die Hartheimer Pfarrgemeinderäte als positiv und motivierend erfahren. „Sie nehmen unsere Anliegen sehr ernst und sind um uns bemüht“, meint Christiana Schmidt.
Die größte Herausforderung dürfte indes darin bestehen, sich nicht in all den organisatorischen und strukturellen Aufgaben zu verlieren, sondern immer wieder auf die wichtigste Frage zurückzukommen: wie es gelingen kann, in den Gemeinden und Seelsorgeeinheiten in lebendiger, attraktiver und profilierter Weise Kirche zu sein. Deshalb werden die Pfarrgemeinderäte der Seelsorgeeinheit Hartheim auch weitere Kraftakte in Kauf nehmen, um ihre festgeschriebenen inhaltlichen Ziele weiterzuverfolgen und vor allem im Bereich der Caritas, der Frauengemeinschaften und der Ministrantenarbeit neue pastorale Akzente zu setzen. „Wenn wir nach außen wirken wollen, müssen wir glaubwürdige Angebote schaffen“, betont Severin Stief.
Autor: Michael Winter
Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 11 vom 14.03.2010
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