Raum für Entwicklung

Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Dieser berühmte Satz Martin Bubers bringt auf treffend-schlichte Weise eine zeitlose Wahrheit zum Ausdruck: Wir Menschen sind auf ein Gegenüber angelegt, leben aus Begegnungen. Wir erfahren und entwickeln uns nicht für uns allein, sondern im Dialog mit anderen.
Wenn wir auf das schauen, was uns die Evangelien vom Lern- und Lebensweg Jesu erzählen, war das auch bei ihm nicht anders. Von Anfang an ist sein Unterwegssein von Begegnungen geprägt. Menschen, die Heilung suchen, Menschen, die von Jesu Botschaft fasziniert sind, aber auch solche, die ihn in seinem Wirken anfragen, treten einer nach dem anderen auf und kommen mit Jesus in Begegnung. Manche davon sind dauerhaft mit ihm unterwegs. Aber viele kreuzen Jesu Weg nur ein einziges Mal. Und oft sind es gerade diese Begegnungen „am Wegesrand“, die nicht nur für die jeweilige Person, sondern für Jesus selbst eindrucksvolle und verändernde Wirkung entfalten.

Er will endlich Ruhe finden. Aber sie lässt nicht locker …

Das berühmteste Beispiel ist wohl die Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau (Matthäus 15, 21–28; Markus 7, 24–30): Als Jesus sich mit seinen Jüngern aus Galiläa ins benachbarte Ausland zurückzieht, um Ruhe zu finden, begegnet ihm eine Heidin, die leidenschaftlich um die Heilung ihrer kranken Tochter bittet. Sie schreit hinter ihm her und wirft sich ihm schließlich mitten in den Weg. Doch Jesus reagiert ungewohnt schroff: Er sieht sich nur zum eigenen jüdischen Volk gesandt, nicht zu den Heiden. „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden (das meint: den Heiden) vorzuwerfen“ (Matthäus 15, 24). Doch die Heidin lässt nicht locker. Sie greift das demütigende Bild Jesu auf und argumentiert: Aber auch die Hunde ergattern etwas von den Brotkrümeln, die unter den Tisch fallen. Diese Schlagfertigkeit überzeugt Jesus. Er schenkt der Tochter der Frau Heilung. Denn in dem, was ihm die Ausländerin aufzeigt, geht dem jüdischen Rabbi Jesus die Weite seiner eigenen Sendung auf. Er begreift, dass sein Heil allen Menschen gilt – ob sie aus dem Volk Israel stammen oder aus den Völkern der Welt.
Es gibt weitere solcher impulsgebenden Begegnungen auf dem Weg Jesu. Da ist die blutflüssige Frau, die sich in ihrer Not durch die Menschenmenge hindurch an ihn herandrängt und mit ihrer Berührung bewirkt, dass Jesu heilende Kraft in Fluss kommt und wirksam werden kann (Matthäus 5, 25–34). Da gibt es Maria aus Betanien, die sich, nachdem ihr Bruder Lazarus gestorben ist, Jesus mitsamt ihrer Trauer vor die Füße wirft (Johannes 11, 32–38). Als Jesus sieht, wie Maria weint, wird er selbst „erregt und erschüttert“, beginnt zu weinen und geht zum Grab, um Lazarus zurück ins Leben zu rufen. Die Begegnung mit Marias Tränen bringt Jesus in innere und äußere Bewegung: Sie führt ihn zu seiner eigenen Trauer und zu lebenserweckendem Handeln.
Die Reihe ließe sich fortsetzen. Immer wieder erzählen die Evangelien von kurzen, aber bedeutsamen Begegnungen auf dem Weg Jesu, die ihn in seiner Sendung anfragen, mit seiner göttlichen Kraft in Berührung bringen. Dass er solche Impulse gerade in der Begegnung mit Menschen jenseits seines vertrauten Jüngerkreises erfuhr, ist wohl kein Zufall.

Sehnsüchte und Fragen – und eine neue Sicht auf die Welt

Es spiegelt nicht nur die Wahrheit wider, dass wir Menschen andere Menschen brauchen, um in die eigene Identität hineinzuwachsen. Es belegt auch eine wohl allgemein menschliche Erfahrung: Ein Mensch, der von außen in mein kleines Universum aus Beziehungen und Selbstverständlichkeiten „einbricht“, kann mich ganz anders anfragen als diejenigen, die mich täglich umgeben. Er fordert mich dazu heraus, mich selbst mit fremden Augen zu sehen und zu fragen: Was macht mich aus? Was treibt mich an? Könnte ich nicht noch eine ganz andere sein? Eine solche Begegnung hilft mir, die Konturen meiner Identität, die Ausrichtung meines Wegs neu auszuloten. Gerade das setzt Energie frei und öffnet Raum für Entwicklung.
Jesus konnte durch vielfältige Weg-Begegnungen die Dimensionen seiner Identität und göttlichen Berufung immer weiter entfalten. Bei uns ist das nicht anders. In diesem Sinn wünsche ich uns ein waches Herz für die Menschen, die unsere Wege kreuzen. Ihre Sehnsucht, Fragen, Visionen, ihre so andere Sicht auf die Welt und das Leben könnte etwas von dem zur Entfaltung bringen, was Gott an Lebensmöglichkeit in uns gelegt hat.

Die Autorin ist Dozentin für Neues Testament an der Fachakademie zur Ausbildung von Gemeindereferent/innen, Freiburg

Autor: Susanne Ruschmann

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 6 vom 07.02.2010

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