Nicht wirklich gut, aber auch nicht schlecht
Unterschiedliche Erfahrungen bei der Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten für die Pfarrgemeinderatswahlen
Am 13. und 14. März 2010 werden im Erzbistum Freiburg neue Pfarrgemeinderäte gewählt. Die Kandidatensuche ist abgeschlossen. Sie verlief mitunter schwierig, aber vielerorts doch recht erfolgreich und besser als erwartet.
Die Vorzeichen für die anstehenden Pfarrgemeinderatswahlen im Erzbistum Freiburg am 13. und 14. März scheinen auf den ersten Blick nicht gerade günstig. Die anstehende rechtliche, pastorale und geografische Neuordnung der Seelsorgeeinheiten hat im vergangenen Jahr heftige Diskussionen ausgelöst. Dies gilt vor allem dort, wo im Laufe der kommenden Wahlperiode die Zusammenlegung von Seelsorgeeinheiten ansteht oder bestehende Seelsorgeeinheiten sogar auseinandergenommen und neu zusammengesetzt werden.
Auch die Ankündigung, dass die Pfarrgemeinden einer Seelsorgeeinheit ab 2015 zu einer einzigen Kirchengemeinde mit nur noch einem Pfarrgemeinderat und Stiftungsrat fusionieren sollen, ist nicht selten mit Skepsis und Kritik aufgenommen worden. All das, so mutmaßten viele, könnte sich negativ auf die Stimmung in den Gemeinden und Seelsorgeeinheiten auswirken und damit natürlich auch die Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten für die Pfarrgemeinderatswahlen deutlich erschweren.
Zumal die nächsten fünf Jahre gerade für die Pfarrgemeinderäte vielerorts ungewöhnliche Herausforderungen bringen werden: Zum einen müssen sie die anstehenden rechtlichen Veränderungen vorbereiten und durchführen. Zum anderen kommen dadurch aber ganz automatisch auch gewichtige pastorale Fragen ins Spiel. Die künftigen Pfarrgemeinderäte werden darüber nachdenken müssen, wie es künftig gelingen kann, bestimmte Kompetenzen auf die Ebene der neu gegründeten großen Kirchengemeinde zu verlagern und somit die Kräfte sinnvoll zu bündeln, ohne aber das zu gefährden oder zu beschneiden, was in den einzelnen Ortsgemeinden tatsächlich lebendig ist. Mehr noch: sie sollen darauf hinarbeiten, dass sich die unterschiedlichen Ebenen gegenseitig ergänzen und befruchten. Zweifellos eine Herausforderung. Und kein Vergleich zu der überschaubaren Aufgabenstellung von früher.
„Ich habe gedacht, dass es schwieriger wird“
Angesichts der Größe des Erzbistums mit seinen rund 330 Seelsorgeeinheiten und weit über 1000 Pfarrgemeinden ist es kaum möglich, den Verlauf der Kandidatensuche für die Pfarrgemeinderatswahlen insgesamt zu beurteilen. Eine Meldung nach Freiburg musste im Vorfeld der Wahlen lediglich im Blick auf die Form der Zusammenarbeit der einzelnen Pfarrgemeinderäte innerhalb einer Seelsorgeeinheit erfolgen. Und auch das nur dann, wenn sich die Form verändert – zum Beispiel dahingehend, dass bei den anstehenden Wahlen erstmals ein Gemeinsamer Pfarrgemeinderat gewählt wird. Generalvikar Fridolin Keck hatte im Herbst den Verantwortlichen in den Pfarrgemeinden empfohlen, eben diesen Weg zu gehen.
Tatsächlich hat sich der Trend in Richtung Gemeinsamer Pfarrgemeinderat verstärkt, wie von der zuständigen Stelle im Ordinariat zu erfahren war. Gab es in der letzten Wahlperiode rund 50 Gemeinsame Pfarrgemeinderäte, so werden demnächst noch mal etwa 40 dazukommen.
Auf der anderen Seite stehen demnach aber immer noch weit über 200 Seelsorgeeinheiten, in denen die Pfarrgemeinderäte getrennt gewählt werden. Und auch die Mehrheit der kleinen Filialgemeinden hat sich noch einmal für ein eigenes Gremium entschieden.
Was die Kandidatensuche angeht, so erscheint die Situation völlig unterschiedlich. Und das gilt nicht nur diözesanweit, sondern auch innerhalb einzelner Dekanate, also sozusagen von Ort zu Ort. „Wir haben Seelsorgeeinheiten, in denen es ganz gut lief und andere, in denen es eher zögerlich voranging“, weiß Maria Schmitt, die Dekanatsratsvorsitzende des Dekanats Schwarzwald-Baar.
Ein direkter Zusammenhang zwischen Erfolg oder Problemen bei der Kandidatensuche und den viel diskutierten Strukturveränderungen und Zusammenlegungen scheint für Maria Schmitt allerdings zweifelhaft. So gibt es beispielsweise in Donaueschingen viele Kandidaten für den Pfarrgemeinderat, obwohl dort zum Jahreswechsel eine sehr weitreichende Veränderung vollzogen wurde: Aus den beiden Stadtgemeinden St. Johann und St. Marien wurde eine einzige neue Pfarrgemeinde, die auch einen neuen Namen hat: Heilige Dreifaltigkeit.
„Ich habe gedacht, dass es schwieriger wird“, so lautet die Einschätzung des Konstanzer Dekanatsreferenten Ralph Haas im Blick auf die Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten. Und auch er macht die Probleme, die es mancherorts gibt, nicht in erster Linie an den strukturellen Veränderungen fest. Vielmehr verweist Haas auf „ganz normale“ Umbruchsituationen wie beispielsweise den Weggang eines Pfarrers, den viele „alteingesessene“ Pfarrgemeinderäte zum Anlass nehmen, ihr Engagement zu beenden und Platz für neue Mitglieder zu machen – die dann freilich erst gefunden werden müssen.
Jetzt erst recht noch einmal für die eigene Gemeinde antreten
Für Peter Bitsch, den Dekanatsreferenten im neuen Großdekanat Karlsruhe, steht fest, dass unter bestimmten Voraussetzungen die Kandidatensuche auch in diesen Umbruchzeiten erfolgreich sein kann. „Es gibt bei uns Seelsorgeeinheiten, die null Probleme haben“, betont er. „Alte hören auf, neue kommen dazu.“ Der Erfolg hängt Bitsch zufolge davon ab, ob es in der betreffenden Seelsorgeeinheit mit ihren Pfarrgemeinden so etwas wie eine „positive Zusammenarbeitsatmosphäre“ gibt – sprich: ein gutes, offenes und vertrauensvolles Miteinander im Hauptamtlichenteam, zwischen den Hauptamtlichen und den Ehrenamtlichen sowie den Ehrenamtlichen untereinander. Die Strukturdiskussionen hält der Karlsruher Dekanatsreferent dagegen für nicht besonders ausschlaggebend für den Erfolg bei der Kandidatensuche. „Das wird eher dort hervorgeholt, wo es aus anderen Gründen nicht läuft“, meint er.
Auch im Dekanat Acher-Renchtal gibt es Pfarreien, „die seit Wochen ihre Liste mehr als voll haben“, meint der dortige Dekanatsreferent Martin Müller. Er weiß freilich auch um Gemeinden, denen es nicht gelingt, wenigstens ebenso viele Kandidaten zu benennen wie Sitze im Pfarrgemeinderat zu vergeben sind. „Dazwischen gibt es alles“, so Müller. Der Unmut über die strukturellen Veränderungen ist für den Acherner Dekanatsreferenten offensichtlich. Er geht allerdings davon aus, dass sich
dieser Unmut mancherorts sogar positiv auf die Kandidatenfindung ausgewirkt hat – nach dem Motto: „Jetzt werde ich erst recht noch einmal für meine eigene Pfarrgemeinde antreten.“
Auch Christiane Martin, Dekanatsreferentin im Dekanat Heidelberg-Weinheim, geht davon aus, dass die Strukturdebatten und die Vorgaben aus Freiburg gerade die „alten Hasen“ in den Pfarrgemeinderäten frustriert haben. „Bei immer größer werdenden Seelsorgeeinheiten fürchten die Leute um die Identität vor Ort“, meint sie. Aber das könne für manche auch motivierend wirken: „Es gibt Leute, die sich gerade jetzt für den Pfarrgemeinderat aufstellen lassen, weil sie bewusst die nächsten Jahre mitgestalten wollen“, so Christiane Martin.
Nicht wirklich gut, aber auch nicht so schlecht, wie manche befürchtet haben – dieses vorsichtige Fazit im Blick auf die Kandidaten für die Pfarrgemeinderatswahlen erscheint am ehesten zutreffend.
Auch Stefan Bonath, der Geschäftsführer des Diözesanrats und Leiter des Referats Pastorale Entwicklung und Projekte im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg, tendiert in diese Richtung. Er geht aufgrund eigener Nachfragen davon aus, dass sich die Gemeinden und Seelsorgeeinheiten grob in drei Gruppen aufteilen lassen. „Bei einem Drittel bis 40 Prozent gibt es keine Schwierigkeiten“, so Stefan Bonath. Und auch er ist sicher, dass dies vor allem an den handelnden Personen vor Ort liegt. An „tollen Haupt- und Ehrenamtlichen mit einem guten Austausch untereinander“, wie er betont. Eine ähnlich große Zahl von Gemeinden und Seelsorgeeinheiten schafft nach Bonaths Einschätzung „gerade so die Hürde“ – das heißt: es gibt in etwa so viele Kandidatinnen und Kandidaten wie Plätze im Pfarrgemeinderat oder etwas weniger. Bei etwa 15 Prozent der Gemeinden schätzt der promovierte Theologe die Probleme als „richtig heftig“ ein. Bedingt allerdings wiederum in erster Linie durch Schwierigkeiten, die „individuell“ verursacht sind.
Ein umstrittenes Hindernis zur Kandidatur hat das Erzbischöfliche Ordinariat gerade erst vor zwei Wochen entschärft: Entgegen der bisherigen Vorschrift ist es Frauen und Männern, die bei der Pfarrgemeinde oder Seelsorgeeinheit angestellt sind, nicht mehr grundsätzlich verboten, für den Pfarrgemeinderat zu kandidieren. Allerdings darf der Beschäftigungsumfang sechs Stunden nicht überschreiten. Anlass für diesen Kompromiss waren zahlreiche Anfragen sowohl bei der Rechtsabteilung des Ordinariats als auch bei der Geschäftsstelle des Diözesanrats.
Der Rückgang betrifft alle Gremien und Kreise
Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? Das ist Interpretationssache. Die Mühe, die es zuweilen kostet, neue Kandidaten zu gewinnen, hat gerade für diejenigen etwas Bedrückendes, die schon lange Jahre im Pfarrgemeinderat mitgearbeitet und dabei überwiegend gute und bereichernde Erfahrungen gemacht haben.
Auf der anderen Seite betrifft der allgemeine Rückgang des kirchlichen Lebens in der Regel sämtliche Gruppierungen, Gremien und Kreise in den Gemeinden. Insofern ist es keine Überraschung, dass auch die Pfarrgemeinderäte davon nicht verschont bleiben. Und auch wenn die anstehende oder bereits laufende strukturelle Neuorganisation der Seelsorgeeinheiten die Kandidatensuche offenbar nicht entscheidend beeinflusst – ein negativer Faktor ist sie trotzdem. Auf diesem Hintergrund erscheint es erstaunlich und auch ermutigend, dass an den meisten Orten nach wie vor viele Frauen und Männer bereit sind, sich im Pfarrgemeinderat, also an verantwortlicher Stelle, für ihre Gemeinde zu engagieren.
Autor: Michael Winter
Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 6 vom 07.02.2010
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