Offener Umgang
Nein, das Thema geht nicht nur die Kirche in den USA oder Irland etwas an. Zeitweise mochte es so aussehen, als sei die Kirche in Deutschland vom Thema Pädophilie durch Priester nur wenig betroffen. Die jüngsten Nachrichten aus dem Jesuitenorden zeigen, dass dem nicht so ist.
Leider, denn die Folgen und Konsequenzen sind verheerend – für alle Beteiligten: zuerst natürlich für die Opfer und ihre Familien, dann aber auch für das Image des Priesterberufes, für die katholische Kirche insgesamt und die Männerorden im Besonderen. Hinzu kommt: Nach allem, was bislang bekannt wurde, handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um Übergriffe, die der heutige Rektor des „Canisius-Kollegs“, Klaus Mertes SJ, immerhin als „systematisch und jahrelang“ einstuft.
Aber Vorsicht. Das Problem ist nicht, wie uns jetzt manche bereits glauben machen wollen, dass die Vorgänge überhaupt bekannt wurden oder dass der Rektor und die Leitung der deutschen Jesuitenprovinz mit dem Thema bewusst offen umgehen, selbst auf die Gefahr hin, dass der Ruf der betroffenen Jesuitengymnasien dadurch geschädigt wird. Dieser offene Umgang gehört zu den Lektionen, die die Kirche in anderen und früheren Fällen gerade auch in den USA gelernt hat. Und zwar deshalb, weil die Art und Weise des Umgangs vielerorten selbst zu einem Teil des Problems geworden war.
Das Ausmaß der bekanntgewordenen Fälle zeigt nicht nur die Zahl der Opfer, die sich bislang gemeldet haben. Das Ausmaß zeigt auch das, was nach Einschätzung von Pater Mertes die Tatsache begünstigt hat, dass es zu den Straftaten kommen konnte: „fehlende Beschwerdestrukturen, mangelnder Vertrauensschutz, übergriffige Pädagogik, übergriffige Seelsorge, Unfähigkeit zur Selbstkritik, Tabuisierungen und Obsessionen in der kirchlichen Sexualpädagogik, unangemessenen Umgang mit Macht, Abhängigkeitsbeziehungen.“
Wenn diese Analyse zutreffend ist, zeigt dies, dass man es auch, aber nicht nur mit individuell zu ahndenden Straftaten zu tun hat. Hier muss sich einiges ändern, damit man kirchlicherseits auf dem Gebiet der Sexualpädagogik und allem, was dazu gehört, sicheren Boden unter die Füße bekommt.
Autor: Klaus Nientiedt
Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 6 vom 07.02.2010
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