Rettung aus den Trümmern Haitis

Caritas international und das Erdbeben im Inselstaat

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Das Erdbeben in Haiti hat Tausende von Todesopfern gefordert und Millionen um ihre Bleibe gebracht. Das Ausmaß der Katastrophe ist so groß, dass es auch erfahrene Katastrophenhelfer, wie die Mitarbeiter von Caritas international in Freiburg, vor neue Herausforderungen stellt.

Alexander Bühler schnappt sich den letzten freien Stuhl im Raum. Noch während er sich setzt, zieht er ihn nah an den Tisch, reckt den Oberkörper nach vorne und hält den Kopf direkt über das Telefon: Er will jedes Wort hören, das aus den Lautsprechern dringt. Bis vor ein paar Stunden war er selbst da, wo jetzt der Gesprächspartner Friedrich Kirchner sitzt: In Léogane, einer 80000-Einwohner-Stadt auf Haiti.
Gespannt hört Bühler sich jetzt in Freiburg, in der Zentrale von Caritas international, an, was sein Kollege am anderen Ende der Leitung erzählt. Friedrich Kirchner ist knapp 8000 Kilometer weit weg, noch dazu mitten im Erdbebengebiet. Trotzdem ist er gut zu verstehen, nur manchmal kommt sein Schwäbisch abgehackt aus dem Telefon oder klingt etwas verzerrt. Der Helfer gibt einen Blick über die Lage am Anfang seines Tages, bei ihm ist es gerade mal 7 Uhr morgens, in Freiburg ein Uhr mittags: sechs Stunden Zeitverschiebung. Er erzählt von der Arbeit des „Basic Health Post“, der kleinen Ambulanz, die sie aufbauten und in der etwa 300 Patienten behandelt würden. Dass sie langsam von der täglichen in eine wöchentliche Planung übergingen, dass die übersehbaren Abschnitte länger werden. Aber das alles trotzdem noch ziemlich chaotisch sei. Die fünf Zuhörer im Zimmer hören aufmerksam zu, machen sich Notizen, stellen Rückfragen.

„Froh, dass ich dort helfen konnte“

Für Alexander Bühler war wenig Neues dabei: Natürlich kennt der 38-Jährige die Situation seiner Kollegen, schließlich war er etwa zehn Tage auf Haiti. „Als Kommunikator“, sagt der Mann mit der auffälligen schwarzen Brille. In Haiti arbeitete er als Journalist in Caritas-Auftrag, machte Bilder und schrieb einen Blog im Internet. Er konnte aber auch mithelfen und den Kollegen beistehen. „Darüber war ich ziemlich froh.“ Die letzten Tage hat er zwei Stunden am Stück geschlafen, an diesem Morgen ist er um 6.30 Uhr in Frankfurt gelandet und gleich nach Freiburg weitergefahren.
Bühler holt seinen Laptop aus der Tasche, öffnet ihn, streicht über die Tastatur: „Das ist Leichenstaub“, sagt er, „der hängt dort drüben überall in der Luft.“ Weil eben viele tote Körper nicht begraben werden können und teilweise auf offener Straße verwesen. Dem Geruch ist er schon kurz nach seiner Ankunft auf dem Flughafen in Port-au-Prince begegnet: „Macht die Fenster hoch, sonst kommt er ins Auto“, sagte der Fahrer von der Diakonie, der das Caritas-Team mitnahm. Richtig gerochen hat er ihn dann zum ersten Mal auf dem Platz vor den Überresten einer Schule in der Nähe von Léogane. Zwei Frauen lagen da, die toten Körper aufgedunsen. „Es war kein schöner Anblick.“ Sein Begleiter erklärte ihm, dass in den Trümmern der Schule noch 200 tote Kinder liegen. „Bei dem Erdbeben starben unter anderem deshalb so viele Menschen, weil es mitten am Nachmittag, um 16.53 Uhr war.“ Da sei noch der Unterricht in den Schulen gelaufen. „Es wurde eine ganze Generation von Schülern und Lehrern ausgelöscht.“
In Haiti sei meist mit Beton gebaut worden, weil der billig war und stabil gegen Hurrikane – aber mit katastrophalen Folgen bei Erdbeben. Später erzählte ihm ein Pfarrer in der Ortschaft Petit Goave, etwa 60 Kilometer von Port-au-Prince entfernt, dass die Kirche beim Einsturz Menschen unter sich begraben habe, die wegen des Bebens aus ihren Häusern auf die Straße geflüchtet waren. Die Caritas Haiti kämpfe nicht nur damit, dass viele ihrer Mitarbeiter getötet wurden – unter anderem der Caritas-Präsident und Erzbischof in der Hauptstadt. Schwierig sei vor allem die Kommunikation untereinander, die jetzt erst wieder richtig aufgebaut werden müsste.
Im Caritas-Camp in Léogane, die Stadt wurde der UNO zufolge zu 70 bis 80 Prozent zerstört, sagt Bühler, seien momentan etwa 100 ausländische Helfer: nicht nur Deutsche, sondern auch Holländer, Engländer, Franzosen, Italiener, Südafrikaner Amerikaner und Mexikaner.

Je röter, desto zerstörter ist das Gebiet

Die Caritas war nach eigenen Angaben die erste Hilfsorganisation, die nach dem Beben in der Stadt half. „Die Situation dort hat alle miteinander zusammengeschweißt. Es gibt eine sehr starke Solidarität. Alle sind einfach nur nett zueinander. Das braucht man aber auch, sonst hält man den Aufenthalt dort nicht aus.“ Nach einer halben Stunde bricht Alexander Bühler das Gespräch ab: Er müsse sich unbedingt einmal hinlegen, wenn nötig einfach auf den Bürofußboden. Bevor es aber soweit ist, räumt er einen Stapel Landkarten weg, die im Weg liegen. Mit dem Blick bleibt er kleben: Es sind Satellitenkarten von Port-au-Prince. Auf dem Papier sind rote und orangene Kästchen: Je röter, desto zerstörter ist das Gebiet. „Hier ist der Flughafen“, sagt er und zeigt mit dem Finger darauf, bis der Schlafsack kommt und er sich einmummeln kann.
Eine dieser Karten hängt auch am Schwarzen Brett im langen Gang, an dem die Büros aufgereiht sind. Direkt daneben geht es ins Büro von Oliver Müller, dem Leiter von Caritas international. Müller sitzt an einem ovalen Tisch, an dem während der vergangenen zwei Wochen viele Besprechungen waren und viele Entscheidungen gefällt werden mussten. Dass es anstregend war, sieht man ihm an: Die Haare sind etwas zerzaust, er reibt sich öfters die Augen. Der 44-Jährige ist seit 2006 Chef des Hilfswerkes, war vorher einige Jahre Referent und Referatsleiter. Haiti ist nicht seine erste Katastrophe. „Aber ich erinnere mich nicht an ein Erdbeben, wo die Situation hinterher so lange so prekär blieb.“ Unter anderem liege das an der bitteren Armut, die dieses Land schon vor der Katastrophe im Griff hielt. „Deshalb wird die Nothilfephase viel länger dauern.“ Beim Tsunami in Indonesien hätte die Armee viel Schutt weggeräumt und geholfen. „Aber in Haiti geht das nicht, sie haben keine Armee.“
Den Wiederaufbau wollen sie partnerschaftlich mit der Caritas vor Ort bewältigen. Allerdings: Caritas Haiti sei zu klein, um alles aus eigener Kraft schaffen. Und es gebe zu viele Opfer. Deshalb würden sie ein Büro vor Ort einrichten, um langfristig helfen zu können.
Die Koordination sei momentan ein riesiges Problem, weil eben die Kommunikationsmittel fehlten. Außerdem müssten sie die verschiedenen Vorstellungen der nationalen Caritasverbände, die sich in Haiti engagieren, unter einen Hut bringen. „Ich sehe da keine richtig tief greifenden Unterschiede, aber Nuancen.“ An diesen hätten sie zu arbeiten. Müller lobt noch sehr die deutschlandweite Sonderkollekte. „Sie war ein Segen.“ Überhaupt spürten sie in Deutschland eine große Bereitschaft zur Hilfe. Die Spendengelder würden sie in die Lage versetzen, viel zum Wiederaufbau beitragen zu können.
Alexander Bühler sieht etwas erholter aus, als er nach seinem Mittagsschlaf auf der Dachterrasse steht, den Kaffee in der Hand. Gleich hat er einen Termin mit einem Psychologen, der ihm Hilfestellung gibt, die Erlebnisse der vergangenen zehn Tage zu verarbeiten. Denn der Aufenthalt in Haiti wird nicht spurlos an Bühler vorbeigehen, auch wenn der nicht zimperlich ist: Er habe schon einige brenzlige Situationen erlebt, unter anderem im Kongo, als die Rebellen auf die Stadt Goma zu kamen und er dort eingeschlossen war, sagt er. „Aber der Kongo war wesentlich harmloser als das, was ich in Haiti erlebt habe.“

Autor: Thomas Arzner

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 6 vom 07.02.2010

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 6 vom 07.02.2010