Das Licht als Brücke

Eine „szenische Begegnung“ von Hildegard von Bingen und der Dichterin Erika Burkart in der Bibliothek von St. Peter

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Vor zwei Jahren hatte Hans J. Ammann, früherer Theaterintendant in Konstanz und Freiburg, in St. Peter das Spiel „Der Ackermann und der Tod“ aufgeführt. Jetzt wagte er mit „Ich wasche mein Auge mit Licht“ ein neues Experiment. Veranstalter waren das Geistliche Zentrum und die Katholische Akademie.

Zwei Frauen begegnen sich, die sich eigentlich nie begegnen können: Die eine, Hildegard von Bingen, lebte vor gut 1000 Jahren am Rhein. Die andere, Erika Burkart, im 20. Jahrhundert in der Schweiz. Die Begegnung in der Klosterbibliothek von St. Peter wird denn auch nur durch die Texte der beiden Frauen möglich: Hildegard von Bingen schrieb im Kloster ihre Visionen auf, Erika Burkart ihre Gedichte. In dem Spiel werden sie einander gegenübergestellt.

Fragen und Antworten

Die Schauspielerinnen Mirjam Zbinden und Ariane Gaffron schlüpfen dabei in die Rollen der Nonne und der Dichterin. Der ovale Saal der Bibliothek ist ihre Bühne, die Zuschauer sitzen längs an der Seite. In der Mitte ein massiver Tisch, auf ihm Köpfe aus Holz – vielleicht ein Symbol für die Generationen, die beide voneinander trennen. Denn die Lebenssituationen, in denen sich die zwei befinden, sind ganz andere: Auf der einen Seite Erika Burkart, die in ihren Texten das Suchende und Fragende, die Zerrissenheit der heutigen Zeit verkörpert. Regisseur Hans J. Ammann zitiert sie in seiner Einführung: „Der Schöpfungsriss, ich erinnere mich keiner Zeit, in der ich nicht an ihm gelitten hätte.“ Dazu Hildegard, die im Einklang lebt mit sich und Gott. Es ist oftmals kein Dialog, was sich im barocken Umfeld abspielt, sondern ein Frage-Antwort-Spiel: Von heute kommt die Frage, aus der Vergangenheit die Antwort – eine Antwort des Glaubens. Manchmal hört sich das fast naiv an, es entfaltet aber seine Kraft.
Erika Burkart fällt dieser Glaube schwer. Sie sieht, so eine Textzeile, die „Engel nur noch von hinten“. Sie will die Nähe zur Natur, sie verweist aber auch auf den Abstand, der sich heute zwischen Mensch und Natur gebildet hat: Die Dichterin spricht vom „verwüsteten Garten“ und dem „zerstörten Planeten Erde“.

Fremdes und Verbindendes

Eine einfache Sache ist diese Begegnung nicht, das wissen die Initiatoren: „Es war und ist dem Team duchaus bewusst: Zwei Fremde stehen sich gegenüber“, sagt Ammann, „ein Experiment“, sagt Arno Zahlauer, der Leiter des Geistlichen Zentrums. Aber eines, das ihn reizt, es zu versuchen – und eines auf das sich an den zwei Abenden über 200 Zuschauer einlassen.
Diese müssen sich zum Teil erst einhören in die Sprache von Hildegard, aber auch in die von Erika Burkart. Es ist eine Lyrik, bei der der Sinn nicht immer gleich begreifbar ist, sondern erst beim Hinhören begreifbar wird, auch auf das, was zwischen den Zeilen steht. Fast schon programmatisch zitiert Ariane Gaffron Erika Burkart gleich zu Anfang: „Gute Gedichte entstehen um ihrer selbst willen.“ Sehr viel leichter machten das Verstehen die Spielerinnen: Sie ließen viel Platz dafür, sprachen die Texte eindringlich. Nicht immer leicht, wenn man manchmal auf dem Boden liegt, mit dem Gesicht nahe am Parkett, wie Hildegard in einigen Szenen. Auch die Musik, Sara Giger spielte auf der Galerie des Saales mit der Traversflöte, gab Zeit, das Gesagte wirken zu lassen.
Doch bei allen Unterschieden und bei allem Fremden, das sich da gegenübersteht. Es gibt Verbindendes: Schließlich lebte auch Hildegrad in einer Zeit der Umbrüche, in der Papst und Kaiser um die Vorherrschaft kämpften. Auch sie muss Unsicherheiten aushalten. Vielleicht klappt deshalb dieses Zwiegespräch über die Jahrhunderte so gut.
Verbindendes drückt auch der Titel aus: „Ich wasche mein Auge mit Licht.“ Dieses Licht kommt im Schaffen beider Frauen zum Ausdruck, es ist eine der Brücken über die sie zueinander finden können. Hildegard sieht sich in ihren Visionen selbst als Medium, als Kristall, durch das das göttliche Licht strahlt. Erika Burkart empfindet Licht als eine Metapher nicht für die theologische, sondern vielmehr für eine poetische Offenbarung, so Ammann.

Zueinander und voneinander

Dass es Berührungspunkte zwischen beiden Frauen gibt, machen die Spielerinnen auch im Raum deutlich: Anfangs platzieren sie sich an beiden Enden im Saal, Hildegard legt sich flach auf den Boden. Im Laufe des Zeit kommen sie in die Mitte, lehnen sich an den Tisch oder stehen beieinander. Am Ende verbleibt zwar jede wieder in ihrer Welt – aber diese ist eine andere geworden.

Autor: Thomas Arzner

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 41 vom 11.10.2009

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 41 vom 11.10.2009