„Gottesraum“ ist überall

Die Erzdiözese Freiburg hat erstmals einen Kunstpreis vergeben

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Otfried Kallfass hat den Kunstpreis der Erzdiözese erhalten. Dem 42-Jährigen wurde die erstmals ausgeschriebene Auszeichnung für sein Werk „Pappmons­tranz“ zugesprochen. Alle 30 Wettbewerbsbeiträge sind noch bis 25. Januar in Freiburg zu sehen.

Das Kribbeln war deutlich zu spüren. „Irgendwann hatte ich den Eindruck, die Spannung herausnehmen zu müssen“, schmunzelte Robert Zollitsch. Und so wich der Erzbischof spontan von seinem Redemanuskript und der vorgesehenen Programmfolge ab – und gab vorab den Namen des Preisträgers bekannt.
Die allgemeine Neugier bei der Preisverleihung war verständlich: Denn hier wurde wirklich ein wenig Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal hat die Erzdiözese Freiburg einen Kunstpreis vergeben. Und vielleicht wird damit ja eine Tradition begründet, die den Dialog von Kunst und Kirche dauerhaft voranbringen kann.
Derzeit ist es um dieses Verhältnis nicht besonders gut bestellt. Zwar war die Kirche jahrhundertelang die Auftraggeberin für Künstler schlechthin. Doch seit Beginn der Neuzeit entfernten sich Kirche und zeitgenössische Kunst voneinander, „bis hin zu Konkurrenz, Gegnerschaft und gegenseitigem Desinteresse“, wie Erzbischof Zollitsch sagte. Als „Drama unserer Zeitepoche“ hatte einst Papst Paul VI. diesen „Bruch“ bezeichnet.

Verstärktes Bemühen um den Dialog von Kunst und Kirche

Im Erzbistum Freiburg soll sich an diesem unbefriedigenden Zustand etwas ändern. Seit einiger Zeit suchen die Verantwortlichen verstärkt den Dialog mit Kunstschaffenden. So gibt es seit 2004 eine diözesane „Kommission für Kunst und Kultur“ unter Vorsitz von Weihbischof Paul Wehrle, die seither auch hier zu Lande zu einem „Aschermittwoch der Künstler“ einlädt. 2007 legte man außerdem mit dem Heft „Glaube sucht Ästhetik“ eine beachtenswerte Analyse des eigenen Kulturengagements vor.
Weiteren Auftrieb soll die Begegnung von Kirche und zeitgenössischer Kunst jetzt durch den Kunstpreis erhalten. Für 2008 wurde er zum ersten Mal ausgeschrieben, künftig soll es einen Drei-Jahres-Rhythmus geben.

300 Konzepte wurden zunächst eingereicht

Bei der ersten Auflage hatte man das Thema „Gottesraum“ vorgegeben. Die Resonanz darauf war groß: mehr als 300 Konzepte wurden eingereicht. Eine international und hochkarätig besetzte Jury wählte aus diesen Einsendungen 30 Werke für die Endrunde des Wettbewerbs aus. Die so bestimmten Künstlerinnen und Künstler haben ihre jeweiligen Konzepte ausgeführt und in drei Ausstellungen (in Karlsruhe, Hegne und jetzt in Freiburg) präsentiert (Konradsblatt 39/2007).
Erst am letzten Ausstellungsort fiel die Entscheidung. Gewonnen hat schließlich die „Pappmonstranz“ des gebürtigen Breisachers Otfried Kallfass. Der 42-Jährige lebt heute als Gymnasiallehrer in Hamburg. Um die Frage nach dem „Gottesraum“ ins Bild zu setzen, hat er eine barocke Strahlenmonstranz aus dem Mainzer Domschatz detailgetreu aus Wellpappe nachgebaut, an verschiedene Orte gebracht und fotografiert.
Die Jury habe es sich nicht leicht gemacht, führte deren Vorsitzender, Norbert Rademacher, Professor an der Kunsthochschule Kassel, aus. Otfried Kallfass habe bei seiner Pappmonstranz große Kunstfertigkeit und Hingabe an den Tag gelegt. Außerdem habe die Jury sein inhaltliches Konzept überzeugt, bei dem er den sakralen Gegenstand an unspektakuläre Orte getragen habe. Damit mache er deutlich: „Gottesraum“, die Präsenz Gottes, ist überall.
Rademacher hob hervor, dass die 29 anderen Werke nicht als „Verlierer“ zu betrachten seien. „Wir sehen hier ausschließlich hervorragende Arbeiten“, erklärte der Professor. Tatsächlich lohnt es sich nach wie vor, die Ausstellung in den eindrucksvollen Räumen des Morat-Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft zu besuchen. Denn es ist überaus aufschlussreich, manchmal auch beunruhigend, wo die Künstler den „Gottesraum“ verortet haben. Einige gehen vom Kirchengebäude aus, andere wählen den Weg über die Natur, die Schöpfung. Mehrere Arbeiten empfehlen die Konzentration auf sich selbst – sei es im persönlich gebastelten „Gottesraum“ oder in einer begehbaren Skulptur.

Mehrere Arbeiten drücken Zweifel und Leere aus

Mehrfach trifft der Besucher auf kritische Auseinandersetzungen mit Bild- und Glaubenstraditionen. Doch liegt hier kein Schwerpunkt der Arbeiten, schon gar nicht auf der Provokation. Eher schon sind Zweifel, Leere und Gottverlassenheit als Grundton wahrzunehmen.
Die Verantwortlichen werden diese Stimmen aus dem Kreis der Künstler aufmerksam registrieren. „Die Kirche von Freiburg will sich von heutigen Kunstschaffenden zu einer theologischen Themenstellung anregen, ja wirklich etwas sagen und zeigen lassen“, versicherte Erzbischof Zollitsch. Zugleich trage der Preis dazu bei, „dass die Frage nach Gott wach gehalten wird“.
Somit gab es am Ende der Veranstaltung fast ausnahmslos Gewinner. Norbert Rademacher drückte es so aus: „Die Diskussion zwischen Kunst und Kirche hat heute ein neues, wunderbares Kapitel bekommen.“

Autor: Stephan Langer

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 2 vom 11.01.2009

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 2 vom 11.01.2009