„Es war ein Beruf – und zugleich ein Hobby“

Nach mehr als drei Jahrzehnten geht Glockeninspektor Kurt Kramer in den Ruhestand

border=0

Das Glockenfest zum Jubiläum der Freiburger „Hosanna“ (Konradsblatt 27/2008) war sein letzter offizieller Auftritt. Jetzt ist Glockeninspektor Kurt Kramer in Ruhestand gegangen.

Es gibt Menschen, die man gemeinhin als „Institution“ bezeichnet. Im Fußball ist das sicher Franz Beckenbauer, der „Kaiser“. Für Bücher, klar, da gibt es den „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki. Und wenn es um bildende Kunst geht, kommt man derzeit an Gerhard Richter, Markus Lüpertz und Neo Rauch nicht vorbei.
All diesen Persönlichkeiten ist gemeinsam: sie haben Außerordentliches geleistet, ihre Meinung wird hoch geschätzt – eine Zeit ohne sie kann und mag man sich nicht so recht vorstellen.
Genau deshalb gehört auch Kurt Kramer in diese Reihe. Mehr als drei Jahrzehnte war er die Institution schlechthin in Sachen „Glocken“. Nicht nur hier zu Lande setzte er Maßstäbe, sondern in ganz Europa war er der erste Ansprechpartner zu diesem Thema. Liebevolle Spitznamen wie „Glockenpapst“ oder „Monsieur Bimbam“ geben davon Zeugnis.
Und jetzt die eigentlich undenkbare Zäsur: Kurt Kramer ist in Ruhestand gegangen. Trotz seiner großen Verdienste hat er nicht viel Aufsehen darum gemacht. Das würde auch nicht zu ihm passen. Schon zu seiner aktiven Zeit hat er immer nur beiläufig davon erzählt, auf welchen Kirchtürmen in aller Welt er gerade gewesen ist, welche Schätze er dabei gehoben hat, welches internationale Projekt er wieder erfolgreich anstoßen konnte.
So bescheiden kann einer nur sein, wenn er ganz in seiner Tätigkeit aufgeht – wenn er seine Erfüllung gefunden hat und eigentlich wenig darüber hinaus braucht. „Die Glocken waren mein Beruf“, sagt Kurt Kramer: „und zugleich sind sie mein Hobby geworden.“ Seine Beschäftigung mit diesem einzigartigen Klangkörper war deshalb bei Feierabend oft noch lange nicht beendet. In seiner Freizeit forschte er weiter, eignete sich ein immenses Wissen an.
Zudem hat Kurt Kramer das Talent, all dies gut, lebendig und sogar unterhaltsam zu vermitteln. Wer einmal einen seiner Vorträge erleben durfte, erinnert sich noch lange daran. Genauso finden seine Bücher eine begeisterte Leserschaft; sofort nach Erscheinen ist jetzt Kramers neuer Band über die „Hosanna und das Geläut des Freiburger Münsters“ in die Konradsblatt-Bücherbestenliste eingestiegen. Und zuletzt kamen tausende Besucher zu den Glockentagen nach Freiburg; ein weiteres Mal hatte Kurt Kramer aus dem Expertenforum früherer Tage ein gelungenes Kulturfest für ein breites Publikum gemacht.
Doch auch diese stimmige Geschichte brauchte so etwas wie ein Erweckungserlebnis. Kurt Kramer hatte zwar auch Musik studiert, arbeitete aber zunächst als Architekt im Erzbischöflichen Bauamt. An Glocken hatte er zunächst nie wirklich groß gedacht, erzählt er schmunzelnd. Bis ihn sein damaliger Chef, Baudirektor Hans Rolli, Anfang der 1970er-Jahre einmal in die Gießerei mitnahm. Dort schlug er Glocken an und ließ Kramer den Ton schätzen. Und siehe da, der junge Kollege lag jedes Mal richtig. Kurz darauf kam die Anfrage, Glockensachverständiger zu werden …
Heute sagt Kurt Kramer: „Die Glocken wurden mein Lebenstraum, den ich eigentlich nie hatte.“ Und natürlich werden sie ihn auch im Ruhestand nicht loslassen. Beim Spaziergang kann es zum Beispiel sein, dass er unbewusst seinen Schritt beschleunigt. Das liegt dann oft daran, dass er gerade ein Geläut vernommen hat, das eigentlich schöner klingen müsste – und er bereits an Lösungen tüftelt. „Meine Frau merkt sofort, wenn ich in Gedanken wieder auf einem Kirchturm bin“, lacht Kurt Kramer.

Autor: Stephan Langer

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 32 vom 10.08.2008

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 32 vom 10.08.2008