Der Jubilarin eine Schwester

Glockenguss krönte den 750. Geburtstag der Freiburger “Hosanna”

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Unmittelbar vor dem Diözesantag hat Freiburg ein großes Glockenfest gefeiert. Anlass war der 750. Geburtstag der „Hosanna“ aus dem Münstergeläut. Höhepunkt des Festprogramms wurde ein nächtlicher Glockenguss auf dem Münsterplatz.

Es gibt ja Stars oder besser: Sternchen, die nur ungern auf ihren Jahrgang angesprochen werden. Ein echter “Promi” hat das freilich nicht nötig. Die „Hosanna“ etwa bekannte sich schon bei ihrem Guss ganz offen zu ihrem Alter. Aufs Jahr und – damals eine Seltenheit – auf den Tag genau ist ihr Geburtstag auf der Glockenzier festgehalten: am 18. Juli 1258 wurde sie im oder vor dem Freiburger Münster gegossen. Jegliche Eitelkeit ist der prominenten Jubilarin bis heute fremd. Es dürfte sie wohl auch nicht wurmen, dass sie Erzbischof Robert Zollitsch jetzt schmunzelnd als “eine der ältesten und schwersten Freiburgerinnen” bezeichnet hat.
Glockenexperten wissen inzwischen so ziemlich alles von der „Hosanna“: etwa dass sie den Schlagton „es´“ hat, 3,2 Tonnen wiegt bei einem Durchmesser von 1,6 Metern. Und sie erklären uns, dass wir es mit einer der ältesten Angelus-Glocken Deutschlands zu tun haben, dass sie in ihrer Zeit in Europa die herausragende Glocke einer völlig neuen Form war, also gewissermaßen ein „Trendsetter“.
Die Menschen im 13. Jahrhundert wussten von all diesen technischen Daten wenig. Aber sie haben mit Sicherheit gespürt, welch großes Geschenk sie mit dieser Glocke erhalten hatten. “Bereits als die ‘Hosanna’ vor 750 Jahren zum ersten Mal angeschlagen wurde, waren die Freiburger bis ins Mark getroffen und von ihrem Klang fasziniert”, so Erzbischof Zollitsch: “Solch einen tiefen Ton, eine solche Melancholie kannten sie von anderen Glocken bisher nicht.”
Entsprechend groß war der Einsatz der Menschen, ja ihre regelrechte Liebe für diesen einzigartigen Klangkörper. Mehrmals wurde die „Hosanna“ in Kriegszeiten geraubt – und ein ums andere Mal zahlten die Freiburger Lösegeld, um sie zurück zu bekommen. Sogar Messkelche hat man zu diesem Zweck eingeschmolzen. „Nehmt unser Gold und Silber ... aber die Glocke geben wir nicht“, hat Fritz Geiges im 19. Jahrhundert einmal formuliert. „Wir können nur ahnen, welch tiefe Bedeutung die `Hosanna`im Bewusstsein der Freiburger Bürgerschaft gehabt haben muss“, schreibt Glockeninspektor Kurt Kramer in seinem neuen Buch über die „Hosanna“.
Bei allem Wandel: die Glocke fasziniert die Menschen weiterhin. Wenn das Geläut der Kathedrale einsetzt, „das vom tiefen Ton der `Hosanna`-Glocke untermalt und geprägt wird, wird der Münsterplatz von einer ganz eigenen, fast sakralen Atmosphäre erfüllt“, schreibt Dompropst Weihbischof Paul Wehrle in seinem Vorwort zu Kramers Buch.
Wie sehr die „Hosanna“ zu begeistern vermag, zeigte sich jetzt auch an der großen Schar der Gratulanten und Festgäste, die zu ihrem 750. Geburtstag nach Freiburg gekommen waren. Tausende kamen zu dem Glockenfest, das von der Dompfarrei, der Stadt Freiburg, dem Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen und der Erzdiözese Freiburg veranstaltet wurde.
Die Verantwortlichen um Kurt Kramer hatten ein umfangreiches Programm auf die Beine gestellt – das größte Glockenfest hier zu Lande seit den Europäischen Glockentagen vor vier Jahren in Karlsruhe. Dazu gehörten Gottesdienste, Konzerte („Glöckliche Musik“), Führungen, Vorträge, zuvor eine Akademietagung. Mit einer der beeindruckendsten Momente war, als Kinder und Jugendliche aus fünf Erdteilen die “Hosanna” anschlugen und dazu eigene Friedenstexte vortrugen.
Auch ein Abschied wurde genommen. Zu Beginn der Glockentage vollendete Kurt Kramer sein 65. Lebensjahr, mit dem Glockenfest trat er in den Ruhestand. Erzbischof Zollitsch nahm dies zum Anlass, dem weithin geschätzten Sachverständigen seinen großen Dank und seine Anerkennung auszusprechen. Zu Recht trage Kramer die liebevollen Spitznamen “Glockenpapst” oder “Monsieur Bim-Bam”, so Zollitsch: “Er hat die Glockenkunde aus einem Nischendasein herausgeführt.”
Abschluss und Höhepunkt des Freiburger Glockenfestes war dann der nächtliche Glockenguss auf dem Münsterplatz. Dabei wurde eine Glocke für das ökumenische Kirchenzentrum in Freiburg-Rieselfeld gegossen.
Auch hier nahmen Tausende Anteil. Bereits am Nachmittag, als die Mitarbeiter der Karlsruher Glockengießerei Bachert den Schmelzofen anfeuerten, drängten sich die ersten an die Absperrgitter. Um 22 Uhr bevölkerten dann schätzungsweise 3 000 Zuschauerinnen und Zuschauer den Münsterplatz. Sie konnten eine spekatkuläre Erfahrung machen: Feuer, flüssige Bronze, sprühende Funken – kaum anders als ein Glockenguss im Mittelalter war.
Am Schluss erklang wieder die „Hosanna“. Man konnte meinen, die große alte Dame freue sich, nun eine neue, kleine Schwester zu haben. Ob sie beide in 750 Jahren noch zusammen erklingen werden?

Autor: Stephan Langer

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 27 vom 06.07.2008

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