Klänge zwischen Zeit und Ewigkeit

750 Jahre „Hosanna“ im Freiburger Münster

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Am 18. Juli 1258 wurde die „Hosanna“ gegossen – eine der klangvollsten und schönsten Glocken ihrer Zeit. Seit 750 Jahren prägt sie das Geläut des Freiburger Münsters. Im Folgenden stellt Glockeninspektor Kurt Kramer das berühmte „Geburtstagskind“ vor.

„Die Glocke bezeichnet man auch als das Herz des Turmes, als die Zunge des Turmes, als seine Sprache. Und das Volk liebt und versteht die Sprache, in der die Kirchtürme ihre Gedanken ausdrücken. Es lässt sich von ihr rühren, bewegen, erheben, erschrecken, begeistern, trösten und meistern.
Aber der Münsterturm offenbart noch viel wirksamer sein verborgenes Innenleben. Er fängt an zu singen, und sein Gesang ist wie der Donner der Gewitter und wie das Rauschen vieler Ströme; er hallt durch das weite Tal und wogt empor an den Wänden der Berge. Und am Freitag um 11 Uhr predigt seine ,Hosanna‘ mit einer Donnerstimme, die seine Felsenbrust erbeben macht; … da zieht ein Zittern und Beben durch seinen ganzen Körper, und ein melodisches Singen und Klingen scheint seine Pyramide in Musik aufzulösen.“
Als Bischof Paul Wilhelm von Keppler seine Liebeserklärung an die „Hosanna“ in diese eindrucksvollen Worte goss, hatten Glocken bereits fünftausend
Jahre Geschichte geschrieben. Das Christentum hatte sie mit den Gebetszeiten, der Liturgie ihrer Gottesdienste und dem Alltagsleben der Menschen verwoben. Ihr Rhythmus ordnete die Zeiten des Gebetes, der Arbeit und der Muße.

Eine der ältesten Angelusglocken Europas

Einer, der ihr Läuten sehr ernst nahm, war Thomas von Aquin. Am Hofe von König Ludwig IX., so erzählt eine Legende, war Thomas gerade dabei, in den Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles zu lesen und die Lösung für ein schwieriges Problem aufzuschreiben. Da ertönte die Glocke und rief Thomas zum Gebet. Er eilte zur Kapelle, ohne das begonnene Wort zu Ende zu schreiben. Als Thomas vom Gebet zurückkam fand er das Wort in goldenen Buchstaben vollendet vor. Diese Legende will uns wohl sagen, dass der vom Läuten der Glocke vorgegebene Rhythmus von Gebet, Arbeit und Muße, die Arbeit fließen und mit Gottes Hilfe wie von alleine gelingen lässt.
Franz von Assisi war nach seiner Begegnung mit dem Sultan Melek el-Kamil im Jahre 1219 vom Gebetsruf des Muezzin so sehr beeindruckt, dass er die Gläubigen seiner Gemeinden an das Gebetsläuten und das Gebet am Morgen, Mittag und Abend erinnerte. Und bei seinem Tode haben der Legende nach die Glocken der Kirche von San Stefano in Assisi von alleine zu läuten begonnen.
In Freiburg hatten die Menschen offensichtlich von den Anliegen der heiligen Franz von Assisi und Thomas von Aquin läuten hören. Denn nur wenige Jahre später erklang im „schönsten Turm der Christenheit“, im Freiburger Münster, die bedeutendste Glocke des 13. Jahrhunderts und eine der ältesten Angelusglocken Europas. Am 18. Juli 1258 auf dem Münsterplatz gegossen, ist die Hosanna klangvolles Beispiel einer Übergangsglocke vom Zuckerhut zur gotischen Dreiklangrippe, wie die ab dem 14. Jahrhundert gegossenen Glocken bezeichnet werden.
Erste Hinweise auf Glocken im Freiburger Münster finden wir in der Zeit des konradinischen Kirchenbaues um 1120 bis 1130. Et-was mehr als ein Jahrhundert später wurde die „Hosanna“ gegossen und einige Jahrzehnte später der Glockenstuhl erbaut.
Schon im Jahre 1281 wurde die „Hosanna“ durch die Predigtglocke ergänzt und im Jahre 1300 kam die Betzeitglocke hinzu. Drei Glocken in einer für diese Zeit außerordentlichen Größe bedurften schon eines massiven Glockenstuhles.
Auf einer Urkunde von 1301, anlässlich einer Spende, sind in einem Nebensatz auch der Turm und die Glocken erwähnt: „... und daz ander undenan in dem nüwen turne, da die gloggen inne hangent.“ Spätestens 1301 hingen demnach die „Hosanna“, die Predigt- und die Betzeitglocke im Tannen-Glockenstuhl.
Noch vor Fertigstellung des Turmes, am 18. Juli 1258 in der Zeit des Zähringer Grafen Konrad I. von Freiburg, wurde die „Hosanna“ im oder vor dem Münster von einem Glockengießer aus dem Raum Basel in der damals „hochmodernen“ Übergangsform gegossen. Die Übersetzung ihrer vor allem für die marianische Frömmigkeitsgeschichte bedeutenden Inschrift lautet: „Im Jahre des Herrn 1258, den 18. Juli, wurde die Glocke gegossen. O König der Herrlichkeit, komme mit Frieden. Erklingt mein frommes Geläut, hilf deinem Volke, Maria.“
Vor allem in Notzeiten hatte die „Hosanna“ besondere Läuteaufgaben zu erfüllen, wie wir in einem Städtischen Ratsprotokoll von 1546 nachlesen können: „Uf des bischofs von Costantz schreiben und begeren ist erkennt, das man die grosse glocken im münster in disen sorglichen kriegsläufen alle 2 tag einmal leuten und auf der canzel ausgerufen werde: so wann man sie leutet, das jeder mensch, er sei uf der gassen oder in seinem haus, das er an gott gedenk und ine pitte, das er seinen zorn gnediglich abwenden wolle.“

„Aber die Glocke geben wir nicht her …“

Wie schon zur Zeit der Schwedenkriege, so lesen wir, auch in den Jahren 1672 bis 1678 zur Zeit der französischen Besatzung immer wieder von gigantischen Summen, die zur Auslösung der Glocken und vor allem der „Hosanna“ zu zahlen waren. Als Folge davon war die Münsterfabrikkasse im Jahre 1715 wegen der Glockenauslösung „fast mittellos“. Fritz Geiges beschreibt die Liebe der Freiburger zu ihrer „Hosanna“ wohl am eindringlichsten: „... nehmt unser Gold und Silber, und wir kehren auch noch die Taschen um, dass der letzte Kreuzer herausfällt; aber die Glocke geben wir nicht, sie hat stets ihren Mund, zwar nicht zu eurer Freude, aber zu Ehre Gottes und zum Heile der Stadt aufgetan, und dabei soll es auch ferner bleiben.“
Um die gigantischen Lösegelder aufzubringen, mussten die Mittel einiger Benefizien aufgebraucht und Messkelche eingeschmolzen werden. Wir können heute nur noch ahnen, welch tiefe Bedeutung die Hosanna im Bewusstsein der Freiburger Bürgerschaft gehabt haben muss, wenn das Einschmelzen von Messkelchen kein Tabu war, um die Hosanna auszulösen.
In Versen zum Neujahr 1883 erklingt die „Hosanna“ so:

„Von dem hohen Münsterthurme
Tönt die Glocke weit hinaus,
Ruft mit tiefem, ernstem Klange
Gläubige zum Gotteshaus.
Und noch tönet ihre Zunge,
Die metallne, voll und Hehr,
Und noch ruft sie fromme Beter
Zum Liebfrauenmünster her.
Bring den Frieden, Himmelskönig!
Sagt ihr Spruch – o spräch er wahr,
Friede – Friede sei auf Erden
Auch in diesem neuen Jahr!“

Am 8. November 1841 bat das Münsterpfarramt in einem Brief an das „Hochwürdigste Erzbischöfliche Ordinariat“ um Genehmigung neuer Glocken. Ein großes Festgeläute wurde bei der Glockengießerei Rosenlächer in Konstanz bestellt und in den Jahren 1841 bis 1843 gegossen.
Nur wenige Jahrzehnte später hat ein großer Sohn der Stadt Freiburg, Reinhold Schneider, Anlass zu großer Sorge: „Verlieren die Glocken ihre Gewalt über den Lärm, die Türme ihre Herrschaft über die Dächer, so ist keine Hoffnung und kein Leben mehr.“
Reinhold Schneiders Sorgen teilte Domkapellmeister Carl Schweitzer. Im Gutachten vom 27. April 1917 versuchte er mit beeindruckenden Argumenten, die „Hosanna“ und das neue Rosenlächer-Geläute vor der Ablieferung für Kriegszwecke zu retten. Er schreibt: „Dem Alter nach die ehrwürdigste und an Größe die mächtigste ist die ,Hosanna‘ (1) … Nachdem diese Glocke bis auf den heutigen Tag erhalten blieb, muss sie als eines der ältesten Denkmäler deutscher Gießerkunst sowie mit Rücksicht auf ihren kunst- und kultur-historischen Wert und ihre Wichtigkeit für die Baugeschichte des Münsters unbedingt erhalten blei-ben.“

Mehrmals war die „Hosanna“ in Gefahr

Die „Hosanna“ blieb. Ebenso die fünf größten Glocken des Rosenlächer-Geläutes. Aber selbst diesen Glocken drohte neues Unheil. Carl Schweitzer musste, inzwischen im Ruhestand, am 28. Januar 1941 erneut um seine Münsterglocken – vor allem um die von Rosenlächer – kämpfen. „Es wäre unbegreiflich, wenn dieses Kunstwerk durch Entfernung der einen oder anderen Glocke zerstört würde. Es wird immer schwierig, ja nahezu unmöglich sein, ein so großes Geläute in solcher Klangschönheit wieder herzustellen.“
Vergeblich. Was der Erste Weltkrieg übrig ließ, was die verhee-renden Bombenangriffe auf Freiburg nicht schafften, der Zeitgeist hat alle Reste des Rosenlächer-Geläutes hinweggefegt. Das größte und schönste Geläute der Familie Rosenlächer und Badens, von der bedeutendsten Glockengießerdynastie unserer Region gegossen, wurde im Jahre 1959 endgültig ausgelöscht.
In Bildern und historischen Rundfunktonaufnahmen blieb uns das Geläute erhalten. Nicht nur der Kenner ahnt, was unwiederbringlich verloren ging.
Dennoch: Auch das jetzige 16-stimmige Münstergeläute von Freiburg zählt zu den schönsten neueren Geläuten Deutschlands. Dafür sorgte die hohe Glockenform- und Glockengießerkunst des Friedrich Wilhelm Schilling, einem der großen europäischen Glockengießer des 20. Jahrhunderts. Er hat ein Geläute konzipiert und gegossen, das in seiner liturgischen und klanglichen Vielfalt seines Gleichen in Europa sucht. Die „Hosanna“, mit ihrem Ton es’, passt wunderbar in das Geläute.
In unseren Tagen scheint „Das Lied der Glocke“ zu verklingen. Egoismus gepaart mit geschäftiger Gedankenlosigkeit schaffen, was weder Revolutionären noch Kriegsherren gelang: die Glocke als Bindeglied zwischen dem „Ich“ und der Gemeinschaft in Frage zu stellen. Wo läutet in
unseren Gemeinden noch eine Glocke dem Verstorbenen das Scheidzeichen? Wo schafft die Evangelien-, Wandlungs- oder Vaterunserglocke die Verbindung zu denen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen können? Natürlich kommt der „Göttin Vernunft“ das Gebimmel widrig vor, das so störrisch gegen den „Zeitgeist“ anläutet.
Für Marie Luise Kaschnitz ist mit den beiden Weltkriegen das alte Europa untergegangen. Und sie wundert sich in ihrem Epos Europa: „Nur die Glocken, die Sturm singen und Frieden singen, die Tod singen und Weihnacht singen. Die rätselhaften, unausdeutbaren Glocken rufen noch immer.“
Wird unsere „Hosanna“, werden die Glocken in unserem industriellen und technischen Getöse weiterklingen? Ich kann mir vorstellen, dass ihre Klänge gerade in diesen lärmüberfluteten Zeiten dringender denn je gebraucht, vielleicht sogar noch an Bedeutung gewinnen werden. Denn zwischen all dem Lärm und der Unrast unserer Zeit, schenken uns ihre Klänge Zeit für das im wahrsten Sinne des Wortes Unbegreifliche.
Vom „schönsten Turm der Christenheit“ läutet die für mich schönste Glocke des 13. Jahrhunderts. Wenige Tage nach dem 550. Todestag des seligen Bernhard von Baden, feiert unsere „Hosanna“, traditionsbewusst wie sie ist, an einem Freitag, ihren 750. Geburtstag. Vieles hat sich seither am Münster verändert. Die „Hosanna“ blieb die Konstante, der Fels in der Brandung des Zeitgeschehens und Zeitgeistes. Dieses Erbe zu bewahren und als Herausforderung und Mahnung mit auf den Weg in neue Zeiten zu nehmen, wird Herausforderung sein, die Schiller am Schuss seiner Glocke so eindringlich formulierte.

„Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf:
Hoch überm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Donners, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt.
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr’ im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt.
Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock’ mir aus der Gruft,
Dass sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft !
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt.
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.“

Autor: Kurt Kramer

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 25 vom 22.06.2008

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