Die kleinen Brüder des Euro
Wie Zweitwährungen Betriebe vor Ort stärken sollen
Fünf Jahre nach dem Start des Euro drucken immer mehr Regionen eine eigene Zweitwährung. Davon sollen örtliche Betriebe profitieren. Über 20 Initiativen gibt es in Deutschland. In der Praxis muss sich die Idee beweisen.
Gerade hat wieder ein alteingesessener Laden in Schopfheim aufgegeben. Haushaltswaren kauft niemand mehr beim kleinen Händler um die Ecke, sondern im Discounter, im Billigmarkt auf der grünen Wiese oder gleich im Internet. Doch immer mehr örtliche Gewerbetreibende wollen sich das nicht länger bieten lassen. „Wir haben jahrelang zugesehen, wie Geschäft für Geschäft das Handtuch wirft“, betont Jürgen Blaas, Inhaber des Naturkostgeschäfts „Grünkern“ am Bahnhofsplatz von Schopfheim. Er sieht nicht ein, warum Produkte zum Niedrigpreis um die halbe Welt transportiert werden müssen, warum Firmen ihre Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, und noch dazu etwas dorthin mitnehmen – ihr Geld. Deshalb hat sich Jürgen Blaas beim „DreyEcker“-Bündnis angemeldet.
Verhindern, dass das Kapital aus der Region abwandert
An seiner Kasse akzeptiert er weiterhin ganz normal den Euro. Aber ab sofort hat er darin auch ein Extrafach für den „DreyEcker“ eingerichtet, der seit Ende Januar als neue Regionalwährung für das Wiesental dient. „Wir wollen damit einen regionalen Wirtschaftskreislauf in Gang setzen, der die Geschäfte vor Ort unterstützt,“ erläutert Heinz Rellermeier, der Vorsitzende des eingetragenen Vereins, der das Projekt in Zusammenarbeit mit der Waldorfschule betreut.
Dabei ist die Lage in Südbaden zum Glück alles andere als trostlos. Das Stadtzentrum von Schopfheim lebt noch, es gibt Arbeitsplätze und einen engagierten Gewerbeverein, der ebenfalls den lokalen Einkauf ankurbeln will. Der „DreyEcker“ geht nur einen kleinen Schritt weiter. Wer mit dabei sein möchte, wechselt Euro im Verhältnis 1:1 in „Drey-Ecker“ um – nur soviel, wie man voraussichtlich in der nächsten Zeit ausgeben will. Heinz Rellermeier unterstreicht: „Ich kann mein Geld damit ganz bewusst steuern“ – nicht nur einmal, sondern mehrfach.
Denn wer bei Jürgen Blaas Lebensmittel mit „DreyEckern“ bezahlt, gibt ihm damit den Auftrag, auch selbst wieder in genau den Läden einzukaufen, die den „DreyEcker“ annehmen. Blaas wird also seine Produkte beim örtlichen Biobauern beziehen. Oder er zahlt seinen Angestellten einen Teil ihres Gehalts in „Drey-Eckern“ aus, die dann ihrerseits wieder den Kreislauf bedienen.
Nur eines kann er nicht: das Geld auf seinem Konto einzahlen und es, wie man oft sagt „dort für sich arbeiten lassen“. Regiogelder bringen nämlich keine Zinsen, denn der „Taler“ soll ja „wandern“, damit er nicht nur einem, sondern möglichst vielen nützt. Eine eingebaute „Umlaufsicherung“ sorgt dafür: in jedem Quartal muss gegen eine geringe Gebühr eine neue Wertmarke aufgeklebt werden, sonst gilt der Schein nicht mehr – das ist ein Ansporn, ihn vor Quartalsende auszugeben.
„Trotzdem gehe ich kein Risiko ein“, sagt Jürgen Blaas – genau wie seine Kunden kann er die „Zweitwährung“ jederzeit wieder zurücktauschen. Dann allerdings gegen einen Abschlag von fünf Prozent. Für 100 „DreyEcker“ gibt es nur noch 95 Euro. Vom Rest sind zwei Euro für den Druck neuer Scheine bestimmt, drei Euro werden für einen guten Zweck verwendet.
Was vielleicht anfangs in der Theorie ein wenig verwirrend klingt, hat sich in der Praxis schon einige Male bewährt, denn die Idee ist gar nicht so neu. „Zweitwährungen sind immer wieder aufgetaucht, vor allem in Zeiten, in denen es wirtschaftlich nicht so gut ging“, weiß Otmar Donnenberg, Wirtschaftsberater und ebenfalls beim „DreyEcker“ engagiert. Es gab sie in Europa zu Zeiten der großen Inflationen, außerdem in Japan, Australien und Argentinien. Schon seit 1908 benutzen in Deutschland rund 20000 Mitarbeiter und Bewohner der Bodelschwingh’schen Anstalten das „Bethel-Geld“. Die „WiR-Bank“ in Basel, 1934 als kleiner Tauschring gegründet, hat 60000 Mitglieder und arbeitet mit einer bargeldlosen, regional gebundenen Währungseinheit, die pro Jahr dem Wert von vielen Millionen Schweizer Franken entspricht.
Erfolgreiches Vorbild: der „Chiemgauer“ aus Bayern
In der Region um das oberbayerische Prien am Chiemsee feiert der „Chiemgauer“ seit 2003 großen Erfolg. Was als Schülerprojekt in der Waldorfschule begann, listet mittlerweile rund 580 beteiligte Betriebe auf. Von den Spenden aus Rücktausch und Umlaufsicherung profitieren die Ortsvereine – die Jugendfußballer genauso wie Musikanten, Schulen und Pfarrgemeinden. Allein im vergangenen Jahr konnten sie sich über einen Anteil an der Gesamtsumme von 16800 Euro freuen. Das verleitet wiederum die Vereinsmitglieder dazu, in „Chiemgauer“-Geschäften ein- zukaufen und „Chiemgauer“- Handwerker zu beauftragen. Durchschnittlich 90000 „Chiemgauer“ zirkulieren so in der Gegend.
Von solchen Zahlen sind die Wiesentaler freilich noch ein ganzes Stück entfernt. Sie wollen bewusst langsam beginnen „und dann daran weiterwachsen“, so Wirtschaftsfachmann Otmar Donnenberg. Im „Dreiland“ bilden 41 Betriebe und sieben Vereine den Grundstock, vom Autohändler bis zum Architekten, vom Friseur in Schopfheim bis zum kleinen Programmkino in Lörrach. „Was wir noch brauchen, sind mehr Geschäfte des täglichen Bedarfs, wie Bäcker und Metzger zum Beispiel“, wünscht sich Silke Schaubhut, die sich in ihrer Schopfheimer Gesundheitspraxis auf die ersten „DreyEcker“ freut. Die Erfahrung zeigt: Je leichter Verbraucher das neue Geld wieder loswerden können, desto mehr Menschen beteiligen sich insgesamt am Projekt „Regiogeld“.
Worauf sie im Alltag achtgeben sollten, können die Organisatoren zum Beispiel über den Verband „Regionetzwerk“ erfahren, in dem sich die meisten der deutschen Initiativen zusammengeschlossen haben. Tipps könnte auch Verena Zwölfer aus Karlsruhe geben, wo seit zwei Jahren der „Carlo“ heimisch geworden ist. Wenn die Realschullehrerin zu diesem kleinen Jubiläum zurückblickt, dann stellt sie durchaus selbstkritisch fest, wie viel Aufwand und ehrenamtliche Arbeit drinsteckt. Trotzdem seien „nur“ rund 50 Geschäfte mit von der Partie, und höchstens eine kleine Öffentlichkeit weiß überhaupt davon. Aber immerhin „4000 bis 5000 Euro halten wir jeden Monat im Kreislauf.“ Auch wenn der Strom des „Carlo“ keineswegs gleichmäßig verläuft. „Ich selbst bekomme fast gar keine ,Carlos‘, andere schwimmen darin“, berichtet Daniel Wolff, der in der Karlsruher Oststadt einen Fahrradladen betreibt. „Vielleicht bewegen wir uns auch zu sehr innerhalb unserer Szene und müssten noch viel mehr Werbung nach außen machen.“
Nur schnell Scheine drucken allein genügt nicht
Das ändert nichts daran, dass die beiden vom Konzept nach wie vor überzeugt sind. „Von denen, die am Anfang eingestiegen sind, sind noch fast alle mit dabei“, sagt Verena Zwölfer, während sie die Wertmarken für den Monat März auf die frischen, bunten Papierscheine klebt.
Auch andernorts gedeihen die selbst gedruckten Blüten: Stuttgart hat seit Herbst sein „Rössle“-Geld, der Raum Pforzheim / Bad Liebenzell / Calw das „Nahgold“. Schon bald wollen sich weitere „Geschwister des Euro“ dazu gesellen. Rund um Heitersheim war bis Ende 2006 der „Markgräfler“ im Angebot, momentan liegt das Projekt jedoch auf Eis. Der dortige Wirtschaftskreislauf hatte sich als zu klein erwiesen. Demnächst soll aber ein neuer Versuch gestartet werden. Womöglich in Kooperation mit dem „Freitaler“ in Freiburg, an dem eine Gruppe um den Religions- und Sozialkundelehrer Johannes Weiermann schon seit einiger Zeit arbeitet. Losgehen soll es dort noch in diesem Frühjahr. „Als Motive haben wir die Zunftwappen von den Freiburger Münsterfenstern gewählt“, erzählt Weiermann. So wird die Verbindung zur Region schon auf den Geldscheinen sichtbar. Beim „Regio im Kraichgau“ wird es ähnlich sein: der Bürgerverein Sinsheim hat als künftiger Herausgeber die ersten Entwürfe mit dem badischen „Hecker“ verziert.
„Nur schnell Scheine drucken reicht aber nicht!“, betont Richard Krauch vom Sozialforum Ortenau. „Man braucht auch sehr großen wirtschaftlichen und politischen Sachverstand.“ Sein „Ortenauer“ wird von den derzeit geplanten Regiogeldern als eines der letzten an den Start gehen, vermutlich erst im Jahr 2008. Aber das stört den Wirtschaftsingenieur nicht. Er will vorher möglichst alle Entscheidungsträger seiner Region mit ins Boot holen. Deshalb führt er Gespräche mit der Stadt Offenburg, und mit vielen Gruppierungen und Verbänden, unter anderem auch mit der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB): „Es liegt noch mehr drin in der Idee, als man bisher hat beweisen können. Dafür muss man sich mehr Zeit lassen und sich von Anfang an größer aufstellen.“ Immerhin hat er sogar schon den badischen Landesbischof Ulrich Fischer gewonnen. In einem Grußwort schreibt dieser: „Regionalisierung ist ein notwendiges Gegengewicht zur Globalisierung“, und genau deshalb könne „der ,Ortenauer‘ unter ökonomischen wie sozialen Gesichtspunkten zeichenhaft einen wichtigen Beitrag zu einer gelingenden Regionalisierung leisten.“
Darauf vertraut auch das „DreyEcker“-Team. „Wir haben etwas angestoßen, das kann man nicht mehr stoppen“, unterstreicht Heinz Rellermeier bei einer Tasse Kaffee im Laden von Jürgen Blaas. „Jeder Einzelne von uns beeinflusst die Wirtschaft, man muss weiterschauen als nur bis zur Schuhspitze.“
Wer weiß, vielleicht eröffnet in Schopfheim demnächst sogar wieder ein Geschäft für Haushaltswaren.
Autor: Christian Selbherr
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