Gleich vor Gott und gleich vor dem Gesetz

Rajakumari Michaelsamy kämpft um Rechte für die indischen Dalits

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Aus Anlass des „Monats der Weltmission“ des bischöflichen Hilfswerkes „missio“ (Aachen) war die indische Menschenrechtlerin Rajakumari Michaelsamy in Deutschland unterwegs – und auch beim Konradsblatt zu Besuch.

Vor Gott sind alle Menschen gleich. Nicht aber vor den Menschen. Das klingt, für sich genommen, fast banal. Bei Rajakumari Michaelsamy hingegen wirkt es unerhört – und empörend. „Bei uns herrscht eine der übelsten Formen von Apartheid“, sagt die 31-jährige Inderin, „wir haben keine Rassentrennung, wir haben die Kasten.“ Dabei entscheide die Geburt, wer Privilegien genießt und wer Sklavenarbeit verrichten muss.

Stigma von „Unreinheit“ und „Unberührbarkeit“

Zwei Wochen lang war die 31-jährige Menschenrechtlerin aus Chennai (früher: Madras) im Auftrag des bischöflichen Hilfswerkes „missio“ (Aachen) in Deutschland unterwegs. Als Agentin in eigener Sache: dem Einsatz für die Rechtlosen und Ausgegrenzten ihrer Heimat. Für die hat sie, unterstützt von „missio“, jetzt in England noch ein Aufbaustudium im Bereich „Menschenrechte“ absolviert. Auf indische Verhältnisse angewandt heißt das: Schwerpunkt „Kastenwesen“.
Das indische Kastensystem ist mehr als 3000 Jahre alt. Es gründet auf dem hinduistischen Weltbild, das die Bevölkerung hierarchisch in vier Gruppen unterteilt, mit hunderten von Untergruppen. An der Spitze stehen die Priester (Brahmanen), gefolgt von den Kriegern (Kshatriyas), Händlern (Vaishyas) und Bauern (Shudras).
Ganz unten, noch unter den Kasten, stehen die Dalits. Seit Jahrtausenden werden sie von der Gesellschaft gezwungen, die allerniedrigsten, so genannten „unreinen“ Tätigkeiten zu verrichten, etwa die Arbeiten mit Tierhäuten, das Beerdigen von Toten, das Aufsammeln von Exkrementen von der Straße. Deshalb gelten sie im hinduistischen Wertesystem als „rituell unrein“ und leiden unter dem Stigma der „Unberührbarkeit“.
Offiziell hat die indische Verfassung das Kastensystem abgeschafft und die Gleichheit aller vor dem Gesetz vorgeschrieben. Aber für indische Hindus hat die Zugehörigkeit zu einer Kaste nach wie vor große Relevanz – was Aufgaben, Rechte, Pflichten und Fähigkeiten betrifft. Und nicht nur für Hindus: Auch bei Sikhs und Muslimen spielen die Kasten samt ihrer unterschiedlichen Vorschriften für alle Lebensbereiche eine wichtige Rolle. Und – leider – auch die Christen machen da bislang keine Ausnahme.
Im Bundesstaat Tamil Nadu, wo Rajakumari Michaelsamy herkommt, sind rund 65 Prozent der Katholiken Dalits. Doch unter Priestern und Ordensleuten beträgt ihr Anteil weniger als fünf Prozent. „Das Kastensystem ist vor allem ein soziales, gesellschaftliches Problem – auch innerhalb der katholischen Kirche. Aber unsere Bischöfe sprechen es nicht an“, sagt Rajakumari Michaelsamy.
Was um so schlimmer ist, als Dalits, die zum christlichen Glauben übertreten, mit diesem Schritt sogar ihre letzten Chancen verspielen. So ist der indische Staat zwar verpflichtet, den Kastenlosen bestimmte Förderungen zukommen zu lassen – aber ein Dalit, der Christ geworden ist, hat darauf keinen Anspruch mehr. Denn Christen sind keine „Kastenlosen“, sie gelten als eigene Gruppe, unabhängig von ihrer Herkunft. Mit der Taufe gehen christliche Dalits ihrer staatlichen Fördermöglichkeiten verlustig – „und haben damit faktisch kaum eine Chance, zu einer wenigstens minimalen Bildung und Ausbildung zu kommen“, erklärt Michaelsamy die verwirrende „Logik“ des indischen Systems.

Kampf für mehr Problembewusstsein in der „Dalit-Frage“

1990 hat die katholische Kirche ein Programm aufgelegt, um Dalits zu fördern und gegen ihre Diskriminierung in der Kirche vorzugehen. Was immerhin ein erster Schritt sei, wie der Gast aus Indien meint. „Aber wir müssen noch viel mehr Bewusstseinsarbeit leisten für die Probleme der Dalits“, sagt Rajakumari Michaelsamy, „auf allen Ebenen, in der Gesellschaft wie innerhalb der Kirche.“ Und auch jenseits des indischen Subkontinents – deswegen ist sie unterwegs: in deutschen Kirchen, Gemeinden und Weltkirche-Abteilungen. „Wenn die Dalit-Frage international an Fahrt gewinnt, dann haben wir eine Chance, das Tabu zu brechen.“

Autor: Brigitte Böttner

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 43 vom 23.10.2005

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 43 vom 23.10.2005