Symbol auf Friedensmission

Eine Woche lang stand Karlsruhe im Zeichen der Glocke

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Nicht nur für Experten wollten sie planen, hatten die Organisatoren der „Europäischen Glockentage“ beschlossen. Das Programm ließ denn auch keine Wünsche offen. Krönender Abschluss war der öffentliche Guss einer „Friedensglocke“ für das Straßburger Münster auf dem Karlsruher Rathausplatz.

Zusammengekommen waren sie wie üblich: beim Glockenläuten. Doch als der letzte Schlag verklungen war, fehlte doch etwas: die Glocke. Der kleine Tisch vor dem Altar war leer. „Eigentlich sollte hier jetzt die ,Bonifatiusglocke‘ stehen“, erläuterte der Dekan von Karlsruhe und Pfarrer von St. Stephan, Dieter Holderbach. „Aber vielleicht kommt sie ja noch...“ Sie kam noch, und mit ihr die passende Stimmung – rechtzeitig zum Beginn der „Europäischen Glockentage“ in Karlsruhe. Ein ökumenischer Gottesdienst in den beiden Karlsruher Stadtkirchen gab den Auftakt.
Nicht weniger als das „weltweit größte Glockenereignis“ hatten die Organisatoren der diesjährigen Veranstaltung bei der Planung im Sinn gehabt – und schließlich ein Programm von über 80 Veranstaltungen aufgefahren. Und weil die Veranstaltung, die im Abstand von sieben Jahren stattfindet, nicht nur einigen wenigen Experten vorbehalten bleiben sollte, war das Programm bewusst breit angelegt: Von Märchenlesungen für Kinder und Theaterstücken für Familien, über Filme und Kunstausstellungen, Kabarett und Konzerte bis hin zu Fachvorträgen. Auch die Party fehlte nicht – etwa beim abendlichen „Rock around the Glock“, der zünftig in der staatlichen Keramikwerkstatt „Majolika“ stattfand.

Wenn die Glocken nicht mehr läuten, dräut nichts Gutes

„Friede sei ihr erst Geläute“, hieß das Motto bei der Eröffnung mit dem emeritierten Freiburger Erzbischof Oskar Saier und dem Bischof der evangelischen Landeskirche Baden, Ulrich Fischer. Wie es einer konfessionsverbindenden Feier geziemt, wurde nur ein Teil des Wortgottesdienstes in St. Stephan begangen; dann zog die Versammlung in einer Prozession zur evangelischen Stadtkirche am Marktplatz, allen voran die „Bonifatiusglocke“.
„Glocken sind ein Zeichen für Gottes Anruf an uns: ,Mensch, schläfst du noch? Willst du nicht aufwachen?’“, so der evangelische Bischof in seiner Predigt. „Bis heute wecken Glocken Menschen in dieser Weise aus dem Schlaf – das gilt ganz wörtlich – und sie ermutigen uns, selbst Freudenboten und Freudenbotinnen Gottes zu sein.“
„Nicht mehr die Glocken läuten hören können: Das erinnert mich an meine Kindheit, als zu Beginn des Zweiten Weltkriegs die Glocken von den Kirchtürmen geholt und eingeschmolzen wurden“, sagte Alterzbischof Oskar Saier. „Wenige Monate später war dann das Krachen der Bomben zu hören.“ Vor dem „düsteren Hintergrund entsetzlicher Kriege in Europa“ dürften die Glocken als „Rufer zu Frieden und Zuversicht“ hierzulande wie in Europa „nie mehr zum Verstummen gebracht werden“, betonte Saier.
In der anschließend eröffneten Ausstellung „Bim Bam Bum – Glocken erzählen ihre Geschichte“ in der Krypta der evangelischen Stadtkirche bekam auch die aus Seehausen bei Murnau angereiste „Bonifatiusglocke“ Gelegenheit, von ihrem Schicksal zu berichten. Nach ihrem Standort in der gleichnamigen Kapelle auch „Ramsach-Magnus-Glocke“ genannt und vermutlich um das Jahr 800 auf der Insel Iowa im Norden Schottlands gefertigt, war sie zugleich die Älteste unter den Ausgestellten.
„Mich hatten irische Wandermönche im Gepäck“, erzählt dort die im Vergleich zu ihren jüngeren Kolleginnen eher kleine, beinahe viereckige Glocke. „Um das Jahr 744 schrieb der heilige Bonifatius an den Abt seines Klosters in Irland, dass er eine wie mich für seine Pilgerreise durch fremde Länder brauche.“ Prinz Bernhard von Baden hatte die „Agatha“- und die „Verenenglocke“ aus dem berühmten Salemer Rokoko-Geläute nach Karlsruhe mitgebracht.
„Die Glocke ist nicht erfunden worden, irgendwann war sie einfach da“, behauptet Kurt Kramer, Glockeninspektor der Erzdiözese Freiburg und Vorsitzender des Beratungsausschusses für das Deutsche Glockenwesen. Ob erfunden oder entdeckt: das vermutlich chinesische Urläuten (vor vielleicht 5000 Jahren) fand weltweite Resonanz. Im Laufe der Jahrtausende wuchsen die vormals zierlichen Glöckchen zu monströsen Klangkörpern heran und machten sich auf dem ganzen Erdball breit. Funde von Ausgrabungen und die Geschichtsschreibung haben uns Spuren dieser Reise überliefert: Von den alten Ägyptern, die ihren verstorbenen Kindern auf dem Weg ins Reich der Toten Glöckchen mit ins Grab gaben über die Römer, die damit ihr Forum beschallten oder ihre Haustiere schmückten – gleiches tat übrigens auch ihr Erzfeind Hannibal, dessen erster Elefant beim Anmarsch über die Alpen bimmelte.
Wenngleich die Glocke häufig ein Herrschaftszeichen war und sich vor allem Tyrannen und Diktatoren ihrer Wirkung zu bemächtigen trachteten – das Verhältnis der Glocke zur Macht ist keineswegs ungebrochen. Erkennbar unter anderem daran, dass sich vor allem fanatische Machthaber häufig als die größten Glockenzerstörer aufführten. Beispielhaft etwa die Nazis, die rund 80000 Glocken vernichteten und nach dem „Endsieg“ nur noch zwölf Glocken in Deutschland läuten lassen wollten.
Von Anfang an stand der Klang der Glocken jedoch auch für die menschliche Sehnsucht nach Harmonie und Frieden. Die Glocken gehören seit Urzeiten zu den religiösen Kulturen der Erdgeschichte. Ihr Klang stand für freudige wie bedrohliche Ereignisse, vermeldete Fest- wie Gefahrenzeiten, Geburten und Todesfälle.
Die Glocke – ein vielschichtiges und vieldeutiges Zeichen, deren schillernde Symbolgeschichte sich vor allem in der Kunst niedergeschlagen hat. Auch durch die Sammlung der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe zieht sich ein illustrer „Glockenweg“. Als gewissermaßen schon klassisches Beispiel in Sachen Glocken wird dort der heilige Antonius angeführt, etwa in einer Darstellung von Martin Schaffner aus dem Jahr 1517. Der Legende nach soll sich der fromme Wüstenvater mit Krückstock und Glocke gegen acht Ungeheuer zur Wehr gesetzt haben, die ihn bedrängten.

Die besonderen Privilegien des „Antoniusschweins“

Dem gleichen Thema widmet sich auch ein Kupferstich von Martin Schongauer, die den heiligen Antonius mit seinen Merkmalen, auch Attribute genannt, zeigt: Stab und doppeltes Patriarchenkreuz sowie Glocke und Schwein. Doch erst das Glöckchen im Ohr machte eine gewöhnliche Sau des Mittelalters zum privilegierten „Antoniusschwein“, das frei herumlaufen und überall fressen durfte.
Um die „Kunst auf der Glocke“ ging (und geht es noch bis zum 17. Oktober) bei einer Ausstellung im Landesgewerbeamt. Eigentlich sind es gleich zwei eigenständige Ausstellungen, welche die „Gemeinschaft Christlicher Künstler Erzdiözese Freiburg“ hier auf die Beine gestellt hat. Im ersten Teil sind die Einsendungen zum Wettbewerb für die Gestaltung der Friedensglocke zu sehen. Ausführlich beschreiben die Karlsruher Künstler Barbara Jäger und Omi Riesterer anhand eigener Arbeiten außerdem, wie eine solche Glockenzier auf den Klangkörper kommt (dazu Seite 40). Die zweite Ausstellung zeigt Arbeiten der Künstlergemeinschaft, die sich mit dem Thema „Friede“ auseinandersetzen (ein ausführlicher Bericht dazu folgt in der nächsten Konradsblatt-Ausgabe).
Gerade bei einem so alten Instrument wie der Glocke durften neben den optischen Leckerbissen natürlich auch die musikalischen in Karlsruhe nicht fehlen. Zu den Höhepunkten des umfangreichen Angebotes gehörten die Aufführungen einer Vertonung von „Schillers Glocke“ von Andreas Romberg sowie ein neues Werk des Neusser Musikers Gregor Linßen.
Im Zentrum dieser eigens für die Glockentage angefertigten Komposition steht eine etwa einen Meter hohe „Sterbeglocke“ aus der Karlsruher Glockengießerei Bachert. Sie tragt die lateinische Aufschrift „Nunc dimittis...“ – nach dem Ausspruch des biblischen Simeon: „Nun lässt du, Herr, deinen Diener in Frieden scheiden...“ Die Percussion wird als Improvisation dreier Musiker „von Hand“ beziehungsweise mit Schlagzeug-Besen ausgeführt.
In Straßburg beziehungsweise beim Wortgottesdienst in der Karlsruher Pfarrkirche St. Bernhard kam die Glocke erstmals zum Einsatz. Nicht weniger als dreimal war sie gegossen und zweimal zerstört worden: im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg. Keine schien besser geeignet, um die Botschaft vom Frieden ins Volk zu schmettern.

Signal für Frieden und Feier, Geborenwerden und Sterben

Deutsche und französische Jugendliche hatten die Gesänge der „Friedensfeier“ mit der Gruppe AMI aus Neuss und der „Musikwerkstatt“ Freiburg einstudiert.
„Glocken erzählen viel vom Menschen und von den Beziehungen des Menschen: von Mensch zu Mensch und vom Menschen zu Gott“, so Heinz Vogel, Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Freiburg-Weingarten. Seit Jahrtausenden vertrauten Menschen auf die heilende Kraft der Glocke, die Unheil abwenden und Gefahren wie Krieg oder Seuchen melden sollte. „Gleichermaßen war sie den Menschen Freudenbotin: als Stimme des Friedens und Signal von Festzeiten.“ Als Totenglocke schließlich verweise sie auf die Endlichkeit und Begrenztheit allen menschlichen Lebens und Strebens.
„Sind Zeichen, Symbole, Gesten schon notwendig im alltäglichen Leben, so sind sie noch notwendiger, wenn es um das Unsagbare, um das Hintergründige, und nicht zuletzt um das Göttliche in unserem Leben geht“, formulierte es Weihbischof Paul Wehrle beim lateinischen Hochamt zum Abschluss der „Europäischen Glockentage“ in St. Stephan. „Zu diesen Zeichen und Symbolen gehört seit alters her die Glocke. Ihre zentrale Aufgabe ist das Läuten, das uns zusammenruft: zum Gottesdienst, bei dem es darum geht, dem die Ehre zu geben, der Ursprung und Ziel allen Lebens ist.“
Zwischen den vielen und widersprüchlichen Stimmen der heutigen Zeit habe sich das Geläut der Glocken „einen eigenen Rang, einen eigenen Klang und eine spezifische Aussagekraft erhalten“, so der Weihbischof. „Wenn die Kirche sich oft schwer tut, wie sie einladend auf die Menschen zugehen soll, dann kommt dem Klang der Glocke eine Symbolkraft zu: einladend, erinnernd, aufmunternd und auch ermahnend in verschiedenen Stunden und Situationen des Lebens.“

Autor: Brigitte Böttner

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 40 vom 03.10.2004

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