Baupläne für das Bildungshaus

Was bringt die „Bildungsreform 2004“ für die Schulen im Land?

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Geht es nach der Kultusministerin, wird in diesem Herbst an den Schulen in Baden-Württemberg „ein neues Kapitel aufgeschlagen“. Mit dem neuen Schuljahr beginnt die „Bildungsreform 2004“. Erste Eindrücke vom neuen und „anderen“ Lehren und Lernen.

Wenn an diesem Montag in Baden-Württemberg die Schule wieder losgeht, wird für Urlaubsgeschichten vermutlich keine Zeit sein. Denn im Schuljahr 2004/2005, so der erklärte Wille im Kultusministerium des Landes, wird gründlich reformiert. Damit gilt für alle Beteiligten, Lehrende wie Lernende: Ab sofort geht es nicht mehr nur ums Lernen; „umlernen“ oder besser: „anders lernen“ sind angesagt.
Die „Bildungsreform 2004“ gilt für alle Schulen in Baden-Württemberg und hat viele Elemente; einige haben schon in den vergangenen Jahren Einzug gehalten, mit der reformierten Oberstufe oder der Einführung der Grundschulfremdsprache und des achtjährigen Gymnasiums („G 8“).
Doch jetzt soll das Ganze „in eine umfassende Bildungsreform aus einem Guss münden“, wünscht sich Annette Schavan. Umgehend erklärte die Kultusministerin von Baden-Württemberg das kommende Schuljahr 2004 zum „historischen Jahr der tief greifendsten Bildungsreform im Schulwesen“ des Landes; ein Anspruch, zu dem sich die bundesweite Vorreiterrolle Baden-Württembergs in Sachen Schulreform erst recht gut macht.
Mit der flächendeckenden Einführung des achtjährigen Gymnasiums ist die Jahrgangsstufe 13 in Baden-Württemberg ab sofort ein Fall für das Geschichtsbuch. Dafür kommen neue Fächerverbünde mit „anwendungsorientiertem“ Ansatz hinzu, die den klassischen Kanon ergänzen sollen, so zum Beispiel „Naturwissenschaft–Technik“ (NwT). Mittels einer „Kontingentstundentafel“ sollen die Schulen künftig Schwerpunkte setzen können, in verschiedenen Klassenstufen oder innerhalb von Fächergruppen.
Einen „Lehrplan“ gibt es nicht mehr; das Nachfolgemodell heißt „Bildungsplan“ und soll vor allem eines bieten: mehr Freiheit und mehr Eigenständigkeit für die Schulen. Anders als vormals die Lehrpläne schreiben die neuen Bildungspläne nicht mehr vor, was Lehrerinnen und Lehrer lehren müssen, sondern was Schülerinnen und Schüler am Ende bestimmter „Bildungsabschnitte“ können sollen. Die Lern- oder Unterrichtsziele werden mittels so genannter „Bildungsstandards“ beschrieben.

Fähigkeiten ausbilden statt Inhaltswissen pauken

Die „Bildungsabschnitte“ dauern zwei Jahre, dann wird das Unterrichtsergebnis überprüft. Allerdings nicht, indem einfach Wissensinhalte abgefragt werden; die Schülerinnen und Schüler sollen sich auch bestimmte Fertigkeiten angeeignet haben und über fachliche, personale, soziale und methodische Fähigkeiten verfügen, so genannte „Kompetenzen“. Neben Fachwissen müssen sie sich also künftig auch Methoden aneignen: Wie sie sich ein Thema selbstständig erarbeiten und wie man das Ergebnis angemessen präsentiert; wie man eine Gruppenarbeit organisiert; wie man ein Referat hält oder etwas frei vor der Klasse vorträgt ...
Zwei Drittel der Unterrichtszeit sind für die in den „Bildungsstandards“ festgelegten Lernziele vorgesehen. Das übrige Drittel steht den Schulen zur Verfügung: für eigene Unterrichtsformen, etwa mit aktuellen oder regionalen Bezügen. Eine Freiburger Schule kann die Fünft- und Sechstklässler zum Beispiel einen Vormittag lang zu einer Führung ins Freiburger Münster schicken, ein Gymnasium in Emmendingen am 9. November einen Besuch bei der jüdischen Gemeinde planen etc. Langfristig soll jede Schule ihr eigenes „Schulcurriculum“ entwickeln: ein Konzept, in dem sie selbst Lernziele oder Lernprozesse definiert und so ihr eigenes Profil ausbildet.
Das alles betrifft selbstverständlich auch den Religionsunterricht. Georg Gnandt, Vorsitzender der Standardkommission Katholische Religionslehre/Allgemeinbildende Gymnasien der beiden baden-württembergischen (Erz-)Bistümer Freiburg und Rottenburg-Stuttgart, hat an der Entwicklung der „Bildungsstandards“ für den Religionsunterricht mitgewirkt. „Mit dem Bildungsplan 2004 wird das Rad nicht neu erfunden, aber es werden doch wichtige neue Akzente gesetzt“, findet er. „Den Schulen werden mehr Freiräume und mehr Eigenständigkeit eingeräumt.“
Der Preis der neuen Freiheit: Mit den Lehrplänen ist auch ein Stück vorgegebener Struktur verschwunden. Von den eher beschreibenden „Bildungsstandards“ führt kein direkter Weg zum Unterricht – sondern möglicherweise erst einmal zu Verunsicherung bei Lehrerinnen und Lehrern, die sich fragen: Was soll ich denn künftig konkret in meinen Stunden machen?
Gnandt erläutert das Problem mit einem Bild: Mit den „Bildungsstandards“ hätten die Kommissionen „Legosteine produziert“. „Es gibt aber keinen vorgeschriebenen Plan, was genau mit diesen Steinen gebaut werden soll. Sinnvoll wird das erst, wenn die Steine zusammengesetzt werden und daraus ein Ganzes entsteht.“ Die Legosteine lägen jetzt in den Händen der Schulen und ihrer Fachschaften; an ihnen sei es, den „Bauplan“ für das „Legohaus“ zu entwerfen – soll heißen: Konzepte für den Unterricht zu erarbeiten.
Mehr als 600 Schulen haben in den vergangenen zwei Jahren einen Testlauf absolviert und einzelne Elemente der Bildungsplanreform erprobt. Ein Unterfangen, das durchaus erfolgreich vonstatten gehen kann, wie Marlies Berg zu berichten weiß. Die Religionslehrerin unterrichtet am Faust-Gymnasium in Staufen, an dem der neue Bildungsplan im vergangenen Jahr erprobt wurde.
Dort hat sich Marlies Berg mit ihren beiden Fachkolleginnen zusammengesetzt „und als erstes überlegt, wie sich die Standards sinnvoll auf das Schuljahr verteilen lassen. Die nächste Frage war, an welchen Inhalten wollen wir welche Standards durcharbeiten“. Um dem Ganzen die nötige Nachhaltigkeit zu verschaffen, muss Gelerntes von Zeit zu Zeit wieder aufgefrischt oder scheinbar schon Bekanntes wiederholt werden.

Was Hänschen nicht lernt, kann Hans später lernen

Darüber hinaus müssten die neuen Standardplänen verbindlich sein: „Wenn ich eine Klasse nach einem Jahr abgebe, muss sich die Kollegin oder der Kollege darauf verlassen können, dass auch alles so gemacht wurde, wie es im Plan steht.“ Theoretisch hätte das zwar schon bei den Lehrplänen gelten sollen, „aber die Verbindlichkeit untereinander ist jetzt stärker“, findet die Religionslehrerin.
Wenn die Fachvertreter der Schulen künftig stärker zusammenarbeiten müssen, klingt das erst einmal nach einer großen Portion Mehraufwand. Die Zusammenarbeit – wenn sie funktioniert – kann aber auch entlastend sein, glaubt Berg. Ihr Freiburger Kollege Georg Gnandt sieht das ähnlich. „Wenn wir im Zug der Reform unser Einzelkämpfertum als Lehrkräfte ein Stück weit aufgeben müssen, ist das ein Vorteil“, sagt Gnandt, der am deutsch-französischen Gymnasium in Freiburg katholische Religion und Hebräisch unterrichtet. „Dass die Fachschaften in den Schulen künftig auch konzeptionell arbeiten können, halte ich für einen wichtigen Fortschritt.“ Schließlich sollten die neuen Standards Freiräume ermöglichen, sie dürften gerade nicht zu „standardisiertem“ Unterricht führen.
Nicht weniger als „eine Umkehrung der Verhältnisse“ erkennt der Schulleiter des Gymnasiums in Achern, Paul Droll, in den neuen Bildungsstandards. „Der Blick richtet sich stärker als vorher auf die Frage, was Schülerinnen und Schüler heute brauchen, um morgen zu bestehen.“ Statt den Lehrplan zu „entrümpeln“, wie häufig gefordert, gehe es jetzt eher darum, auch mögliche spätere Bildungsinstanzen im Blick zu behalten und das Pensum gegebenenfalls auf spätere Lernzeiten zu verschieben – gemäß dem Begriff des „Lebenslangen Lernens“, wie Paul Droll erläutert.
Von dem erweiterten Methodenspektrum im Unterricht verspricht sich Marlies Berg vor allem mehr Selbstständigkeit bei den Schülerinnen und Schülern. Erste Erfolge ließen sich schon jetzt in der (reformierten) Oberstufe beobachten: „Die lernen sehr schnell, worauf es bei einer guten Präsentation ankommt: auf eine saubere Gliederung, auf die Leitfrage, eine Straffung des Themas, wie es dargeboten werden muss und so weiter.“ An die Gruppenpräsentationen der Sechstklässler im vergangenen Schuljahr kann sich die Lehrerin noch gut erinnern: „Das ist schon toll, zu sehen, was 12-Jährige auf die Beine stellen können!“

Selbstbestätigung und Berufszufriedenheit bei Lehrenden

Sie werden in Zukunft also einiges zu tun haben – Lernende wie Lehrende. Für alle fängt eine neue Zeitrechnung an, denn auch die 45-Minuten-Einheiten sind kein Dogma mehr. Georg Gnandt sieht das „Projekt Reform“ trotz mancher Vorbehalte optimistisch: Den Unterricht gemeinsam zu konzipieren und mit anderen am Profil der Schule zu arbeiten, könne auch zu einer neuen Identität mit dem Berufsfeld, zu Selbstbestätigung und Berufszufriedenheit führen, meint er. „Wobei ich mir durchaus der Tatsache bewusst bin, dass mit allen Neuerungen auch deutliche Belastungen verbunden sind. Manche sehen das mit gemischten Gefühlen, aber viele haben sich schon mit großem Engagement an die Umsetzung gemacht.“

Der neue Bildungsplan im Internet unter: www.schule-bw.de/ unterricht/bildungsstandards

Autor: Brigitte Böttner

Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 37 vom 12.09.2004

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