Zum Gespräch gibt es keine Alternative

In Kehl erhitzt der geplante Bau einer Moschee die Gemüter

Der islamische Verein in Kehl will das ehemalige französische Kino zu einem Kulturzentrum mit Gebetshaus einschließlich Kuppel und Minarett umbauen. Der Gemeinderat stimmte dem Baugesuch grundsätzlich zu. In der Bevölkerung gibt es aber Proteste. Die Kirchen versuchen, das Gespräch zwischen Christen und Muslimen in Gang zu bringen.

Die Unterschriftenlisten, die zurzeit in einigen Metzgereien und Bäckereien in der badischen Grenzstadt Kehl ausliegen, sind eindeutig: „Deutschland soll christlich bleiben!“ – Die Vorderseite zeigt ein Foto des ehemaligen französischen Kinos im Stadtteil Kreuzmatt, auf dem die Umrisse einer Moschee mit Minarett eingezeichnet sind. Auf dem angehefteten Flugblatt warnt die „Christliche Mitte“ in plakativ-reißerischer Art vor dem Horrorszenario einer drohenden Islamisierung in Deutschland: „Der Verfassungsschutz warnt: Der Islamismus könnte das Sicherheitsproblem Nummer eins in Deutschland werden.“
Mit dem Flugblatt protestieren Kehler Bürger gegen den geplanten Bau eines türkischen Kulturzentrums mit Gebetshaus. Bauherr ist der Islamische Verein Kehl, der bereits im Sommer 1999 das ehemalige französische Kino für 450 000 Mark von der Bundesverwaltung kaufte. Das Kino befindet sich in einem Stadtviertel, in dem Angehörige der früher in Kehl stationierten französischen Armee wohnten. Die Anwohner erfuhren damals nach eigenen Angaben erst durch die Zeitung von dem Kauf.
Als sich dann der Sozialausschuss und der Stadtentwicklungsausschuss des Stadtrats im Dezember vergangenen Jahres über den Bauantrag des islamischen Vereins berieten, löste das in der Stadt eine kontroverse und teilweise sehr polemische Diskussion aus. Die Stadträte hatten grundsätzlich nichts gegen den Bauantrag. Dieser sieht vor, den Grundriss des bestehenden Kinogebäudes nicht wesentlich zu verändern, es aber um zwei Etagen aufzustocken und mit einer Glaskuppel zu versehen. Entstehen sollen so ein Mehrzweckraum, ein Kurs- und Gebetsraum, jeweils getrennt für Männer und Frauen, eine Zwei-Zimmer-Wohnung sowie ein Gästeappartement. Daneben soll auf dem Grundstück ein 17,50 Meter hohes Minarett errichtet werden. Baurechtlich sei die Nutzung nicht zu beanstanden, befand der Ausschuss. Dem Baugesuch stimmte der Gemeinderat kurze Zeit später ebenfalls zu.

„Wir haben nichts gegen den Islam“

Die Baupläne riefen bei den Anwohnern allerdings heftige Proteste hervor, über Wochen waren die Leserbriefspalten auf den Lokalseiten der Kehler Zeitung nur vom geplanten Moschee-Bau bestimmt. Da wurden Befürchtungen laut wie „aus unserem christlichen Abendland wird ein Morgenland, in dem die Gesetze und Bräuche des Islams herrschen“, der Islam sei die „intoleranteste Religion unter allen Religionsgemeinschaften“, da war vom „Ausverkauf des christlichen Glaubens“ die Rede.
„Wir haben nichts gegen den Islam“, betont Karl Agostini, einer der betroffenen Anwohner und Sprecher der Ende Februar gegründeten „Bürgerinitiative Kreuzmatt“, die den Umbau des Kinos verhindern will. „Wir sind aber gegen den überdimensionalen Elefantenbau direkt vor unserer Nase“, betont Agostini. Gegen einen Gebetsraum in dem unveränderten Gebäude habe niemand etwas. Doch die Moschee werde doppelt so hoch. Außerdem befürchten die Anwohner Lärm, Umtrieb und Parkplatznot in der ruhigen Straße rund um die Moschee. „Weder die Stadt, noch der Islamische Verein hat uns Anwohner im Vorfeld informiert“, kritisiert Agostini.
Murat Altintas, Leiter des Islamischen Vereins, ist von den Widerständen gegen den Moschee-Bau überrascht. Laut Bebauungsplan der Stadt sei die Nutzung zulässig. Der Bau sei notwendig, weil gerade an islamischen Feiertagen und beim Freitagsgebet der bisherige Gebetsraum zu wenig Platz bietet. Da sei das ehemalige französische Kino mit Platz für 200 Personen ideal. Der eigentliche Gebetsraum werde nur zehn Quadratmeter größer als der bisherige. „Uns geht es vor allem um Räume für unsere Jugendlichen, die sich immer wieder eigene Freizeitangebote wünschen“, sagt Altintas. Befürchtungen über Konflikte mit den vielen im Kreuzmatt-Viertel wohnenden Russlanddeutschen weist er zurück.
Von den 904 Bewohnern sind nach Angaben der Gemeinwesenarbeit Kreuzmatt 388 Aussiedler (43 Prozent), 264 Ausländer (29 Prozent), darunter 136 Muslime (15 Prozent), und 255 Alteingesessene (18 Prozent). „Wir sind 18 Jahre in Kehl und hatten noch nie mit der Polizei zu tun“, sagt Altintas. Auch das Verhältnis mit den Russland-deutschen sei nicht so schlecht, wie in Leserbriefen behauptet werde. Die Hälfte der 136 Gemeindemitglieder, die in der Nähe des Kinos wohnten, hätten Kontakt mit Aussiedlern. Altintas weist auch Befürchtungen zurück, das vom geplanten Minarett wie in den muslimischen Ländern der Gebetsruf ertönen könnte. „Für uns ist das Minarett ein Identifikationsmerkmal.“ Aus den teilweise sehr erregten Leserbriefen sehe er viel Unkenntnis und Vorurteile dem Islam gegenüber. „Wir waren entsetzt über die teilweise sehr feindseligen Reaktionen“, gesteht Altintas.
Die evangelischen und katholischen Pfarrgemeinden in Kehl stehen prinzipiell hinter dem geplanten Moscheebau. „Nach dem Prinzip der Religionsfreiheit ist das ihr gutes Recht, ihren Glauben hier auszuüben“, sagt Ditmar Gasse, Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Kehl. „Es kann nicht sein, dass Menschen, die bereits in der dritten oder vierten Generation in Kehl leben, ihre Religion im Geheimen ausüben müssen.“

„Die Situation ist sehr schwierig“

Pfarrer Gerhard Bernauer, der grundsätzlich die Idee des Kulturzentrums unterstützt, hat jedoch etwas Bedenken bei der Wahl des Standorts: „Lieber wäre mir schon, wenn die Moschee an anderer Stelle errichtet werden würde.“ Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass die Russlanddeutschen in der Kreuzmatt in einer Ghetto-Situation lebten. So ein Klima eigne sich nicht für Einvernehmlichkeit. „Die Situation ist sehr schwierig. Ich wünsche mir, dass viel miteinander gesprochen wird, da sich die Diskussion in den letzten Monaten dramatisch zugespitzt hat.“
Für Erich Jais, Leiter des Katholischen Bildungswerks Kehl und Rektor der Falkenhausen-Grundschule, war „diese entsetzliche Flugblattaktion“ Anlass, zwischen den Parteien zu vermitteln zu versuchen. Eine mit dem evangelischen Bildungswerk Offenburg veranstaltete Podiumsdiskussion im Gemeindezentrum der katholischen Pfarrei St. Johannes Nepomuk im Februar sollte dafür der Anfang sein, „um alle Fragen zu beantworten“, wie Jais sagte. Eingeladen waren der Architekt, ein Vertreter der Stadt, Islam-Experten aus Freiburg und Köln sowie ein katholischer und evangelischer Geistlicher aus Kehl. Der Gemeindesaal war mit mehr als 120 Besuchern brechend voll, die Stimmung äußerst gereizt – bis hin zum Zwischenruf einer Frau, die Muslime hätten doch alle Messer bei sich. Sie begründete das mit schlechten Erfahrungen in Kasachstan. Viele Zuhörer verärgerte, dass sie ihre Fragen nur schriftlich anbringen konnten und es keine richtige Gesprächsplattform gab. Einige Leserbriefschreiber beschwerten sich danach, ihre Fragen und Sorgen seien einfach weggebügelt worden.
„Die Veranstaltung war sehr nötig, wir christlichen Gemeinden mussten den Stein ins Wasser werfen“, sagt Erich Jais rückblickend. Er hätte sich gewünscht, dass die Stadtverwaltung das Thema schon früher aufgegriffen hätte. Es gibt für ihn Nachholbedarf auf beiden Seiten. Die Kehler wüssten zu wenig vom Islam, aber auch der Islamische Verein müsse mehr informieren.
Um das Gespräch zwischen Christen und Muslime in Kehl voranzubringen, initiierte Jais Ende Februar einen „Arbeitskreis Christen und Muslime Kehl“. „Wir müssen wegen der Brisanz und der Schwierigkeit des Themas weiter das Gespräch suchen“, sagt er. Der Arbeitskreis soll „ein Element der Begegnung“ schaffen, die Teilnehmer sollen sich auch persönlich kennen lernen. Bislang habe sich der Kreis dreimal getroffen.

Ein neuer Bauantrag wird eingereicht

Der Islamische Verein in Kehl will nun einen neuen Bauantrag bei der Stadt einreichen – zunächst für ein Gebäude ohne Kuppel und Minarett. Laut Baubürgermeister Jörg Armbruster hat der Islamische Verein das Recht, das Kinogebäude für kirchliche, kulturelle und soziale Zwecke zu nutzen. Der Bebauungsplan weise die Kreuzmatt als „allgemeines Wohngebiet“ aus. Das erste Baugesuch sei in einigen Fällen über die Bestimmungen des jetztigen Bebauungsplans hinausgegangen, der die Traufhöhe von Gebäuden auf sieben Meter und die Firsthöhe auf elf Meter festsetzt. Letztere würde von der geplanten Kuppel um einen Meter und vom Minarett um sechseinhalb Meter übertroffen. Probleme gibt es auch noch mit den beantragten Parkplätzen, für die der Bebauungsplan geändert werden müsste.

Jürgen Lorey