Zum Jugendsonntag am 11. November

PROST MAHLZEIT

Was macht uns wirklich satt im Leben?

An diesem Sonntag wird in vielen Gemeinden des Erzbistums Freiburg der Jugendsonntag gefeiert. „Prost Mahlzeit“ lautet das Thema in diesem Jahr. Dabei geht es sowohl um unser Ernährungsverhalten, als auch um die Frage, was im Leben wirklich satt macht. Diözesanjugendseelsorger Hubert Streckert geht dieser Frage nach.

Nachdem Erntedank längst abgefeiert ist, tischt die kirchliche Jugendarbeit noch mal auf, serviert mit einem herzhaften „Prost Mahlzeit!“ „Prost Mahlzeit!“ Nicht zu unrecht mag der Titel für den diesjährigen Jugendsonntag wie ein Slogan zur Eröffnung der Fasnetskampagnen klingen, fallen doch beide auf den 11. 11. 2001. Doch während die Fasnet den fleischlichen (und anderen) Genüssen recht unverblümt frönt, wollen wir uns ein wenig kritischer mit dem eigenen Ernährungsverhalten auseinandersetzen, wollen fragen, was wirklich satt macht, was den Durst stillt. Beim Jugendsonntag 2001 geht es um die Frage nach den Lebensmitteln und den Mitteln zum Leben. Den Hintergrund bildet das Szenario im Frühjahr diesen Jahres: Jedes Kind sprach plötzlich über Bovine Spongiforme Enzephalopathie – kurz BSE. Und auch wenn die Schreckensbilder der grausamen Terroranschläge auf New York und Washington oder die Kriegsbilder aus Afghanistan mittlerweile den Anblick der Scheiterhaufen mit Tierkadavern verdrängt hat: Ernährung und Lebensmittel spielen gerade in der gegenwärtigen Krise eine skurrile Rolle. Der Angriff vom 11. September war auch eine Attacke gegen die Globalisierung und McDonaldisierung der Welt. Und die Antwort auf die Zerstörung des World Trade Centers und Teilen des Pentagons sind Bomben und Brot auf Afghanistan – Tötungs- und Lebensmittel im Doppelpack.

Ernährungsbedingte Krankheiten kosten immer mehr

Na dann Prost Mahlzeit, möchte man sagen, mir reicht’s, genug davon, angesichts der Stimmung im Land. Die Vorsilbe „Bio“, bisher das Aushängeschild für besonders wertvolle, gesunde Lebensmittel, kennzeichnet plötzlich nurmehr heimtückische Waffen. Vielen sind Terror und Krieg ordentlich auf den Magen geschlagen. Der Hunger nach Frieden in der Welt ist so groß wie lange nicht mehr.
„Prost Mahlzeit“ ist eine doppelte Abkürzung. Prost kommt vom lateinischen „prosit“ und bedeutet soviel wie „es möge dir umfassend gut tun“. Prost Mahlzeit heißt ausgeschrieben: Eine gesegnete Mahlzeit, die Dir umfassend gut tun möge, das wünsche ich Dir. Das in Büro und Betrieb zur Mittagspause schnell daher gebrummte „Mahlzeit“ hat den Segen verloren.
Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Im Bild vom Festmahl auf dem Berg Zion beschreibt der Prophet Jesaja die biblische Vision vom Frieden: „Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten Speisen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten erlesenen Weinen. Er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt. Er beseitigt den Tod für immer“ (Jesaja 25, 6f).
Die Frage nach den Lebensmitteln ist politisch. In der deutschen Übersetzung des wohl bekanntesten Liedes von Bob Dylan „Blowin’ in the wind“ wurde seinerzeit die Frage nach dem Hunger dazu gedichtet: „Wie viele Kinder gehen abends zur Ruh und schlafen vor Hunger nicht ein?“ Diese Antwort weiß mittlerweile nicht allein der Wind. Der 12. Bericht der UN-Entwicklungsorganisation UNDP zur Lage der Entwicklungsländer stellt fest: 850 Millionen Menschen sind es, die täglich vor Hunger nicht einschlafen können. 24 000 Menschen sterben täglich an den Folgen von Hunger. Drei Viertel davon sind Kinder.
Absurd klingen daneben die Zahlen aus dem Gesundheitswesen in Deutschland: Die Kosten, die durch ernährungsbedingte Krankheiten entsehen machen etwa die Hälfte aller Kosten im Gesundheitswesen aus. Eine vor kurzem veröffentlichte Untersuchung an 4000 Grundschülern in Nürnberg ergab, dass 16 Prozent Übergewicht haben, 35 Prozent einen zu hohen Blutdruck, 40 Prozent erhöhte Cholesterinwerte. Obst und Gemüse fehlen auf ihren Speisezetteln.
Wie das Essen geht auch die Politik alle an – und auch sie wird mit dem Kochtopf gemacht, im Großen wie im Kleinen. Unser Ernährungsverhalten und die Frage, wo und was wir einkaufen, beeinflusst das Schicksal der Bauern in unserer Umgebung und in den Entwicklungsländern. Ein Beispiel war die Aktion „Sieben Wochen regional“, die 15 Bildungshäuser in unserer Diözese in der Fastenzeit durchgeführt haben. Nur regionale Produkte kamen auf den Herd und auf den Tisch. Ein Fasten, das zum Kennzeichen eines christlichen Umgangs mit Lebensmittel werden kann.
Das Sprichwort „Du bist, was du isst“ wirft Licht auf das Ernährungsverhalten junger Men-schen. Sie probieren aus, testen, sind auch mit dem was sie essen auf der Suche nach sich selbst, dem was zu ihnen passt und was ihnen schmeckt. „Nutella-Brot mit Schaschlick-Sauce“, sei ihre neueste Kreation, verkündete neulich meine 15-jährige Nichte. Auf meine Frage, was auf dem Multi-Kulti-Markt der Imbissbuden und Restaurants gerade „in“ ist, antworten mir Jugendliche: „Chinesisch.“ Allerdings Chinesisch auf gut Badisch. Delikatessen asiatischer Küche wie ein chinesischer Rattenbraten haben keine Chance auf die Speisekarte im Chinarestaurant zu kommen, auch nicht als Alternativkost in BSE-Zeiten.
Eine Untersuchung bei Jugendlichen in Dortmund kam zu dem Ergebnis, dass die Ernährung zu Hause das Ernährungsverhalten Jugendlicher weit mehr prägt als ihre Ernährungssozialisation im Freundeskreis und in der Clique. Die Expansion von McDonalds in deutschen Landen verdeutlicht, dass der Hamburger längst für die ganze Familie ein ernst zu nehmender Konkurrent des deutschen Wiener Schnitzels geworden ist. Die Türme mit dem gelben „M“ leuchten von weitem fast in jeder Kleinstadt. Die erste Geburtstagskarte, die bei meinem sechsjährigen Neffen bereits vier Wochen vor dem Fest ankommt, ist die von Onkel McDonald. Er unterbreitet neben seinen Glückwünschen sein „all-inclusive“-Angebot für gestresste Eltern, verschenkt einen Gutschein und ist bereit gegen entsprechende Zahlung die Party mit Kinderanimation in seinem Lokal zu übernehmen.
Meine Erfahrung bei unzähligen Wochenenden, Lagern, Besinnungstagen und Veranstaltungen kirchlicher Jugendarbeit veranlasst mich zu einem eindeutigen Plädoyer für die Selbstversorgung der Gruppe. Bei „Tagen der Orientierung“ für Schulklassen übernehmen Schüler und Schülerinnen beispielsweise selbst die Verantwortung für die Versorgung ihrer Schulkameraden. Wer macht den Speiseplan, kümmert sich um die Mengen, kocht, spült, sorgt für ein Tischgebet? Wer putzt die Küche, wenn das Spülen zur Wasserschlacht ausartet? Jugendliche und junge Erwachsene, die heute so lange wie nie zu vor in der Menschheitsgeschichte im „Hotel Mama“ logieren, werden durch kirchliche Jugendarbeit zu neuen Erfahrungen herausgefordert.

Die Müslis und Ökos scheinen ausgestorben

Über Verpackungsmüll und Wegwerfgesellschaft wird nicht mehr gesprochen. Schließlich wird der Müll ja getrennt. Auch bei Veranstaltungen in der kirchlichen Jugendarbeit wird das, was für viele kein Problem mehr zu sein scheint, zunehmend zum Problem. Die Müslis und Ökos, die die Jugendarbeitsszene lange mitgeprägt haben, scheinen ausgestorben zu sein. Auf dem Tisch vor dem Küchenzelt steht der große Topf mit Tee und daneben liegen die leeren Cola-Dosen.
Für eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Jugendlichen wird das Leben buchstäblich zum Kotzen. Sie reagieren mit ihrem Ernährungsverhalten auf die persönlichen Entwicklungen. Zwei Prozent aller zwölf- bis 25-Jährigen in Deutschland sind magersüchtig, 95 Prozent davon sind Mädchen. Die Tendenz bei Jungs ist steigend. Schlanke, durchtrainierte Männerkörper in der Werbung zwingen auch Jungs in das Schönheitsideal. Vier Prozent in dieser Altersgruppe entwickeln eine Brechsucht, Essanfälle mit anschließendem Erbrechen, Bulimie. Ohne therapeutische Maßnahmen gibt es hier in der Regel keine Lösung.
Ein Thema, das auch in Kirchenkreisen immer wieder klein geredet wird, ist der steigende Alkoholkonsum bei Jugendlichen. Im Trend sind süße, bunte, exotische Drinks und Cocktails – wie der Sommerhit Caipirinha. Sie schmecken wie Limonade. Keiner spricht von alkoholischem Getränk. Gruppenzwang, Geltungsbedürfnis, Spaßsteigerung und das Ertränken von Problemen werden von Experten als Ursachen für jugendlichen Alkoholkonsum angeführt. Gute Vorbilder sind die Erwachsenen mit ihrer Ballermannkultur.
Bei Veranstaltungen kirchlicher Jugendarbeit versuchen die Verantwortlichen, kreativ und pädagogisch mit der Frage „Was trinken?“ umzugehen. Nach nächtlichen „Koma-Saufparties“ bekommt der Kurs eine Wende. Die Frage nach ehrlichem Umgang miteinander und den Bedingungen für eine gute Gemeinschaft werden ernsthaft diskutiert. Was trägt bei zur Stimmung? Promille oder Ideen? Die Süchte und Sehnsüchte werden thematisiert. Herunterspielen und banalisieren geht nicht. Der Kraftaufwand ist enorm. Diskussionen, ob die Taschen das nächste Mal gefilzt werden müssen oder ob ein generelles Alkoholverbot auch für die Leiterrunde auf dem Lager erlassen werden muss, stehen genauso an wie die Notwendigkeit von Sanktionen nach dem Motto „Wer sich betrinkt, fährt heim“.
„Du bist die Liebesmarmelade geworden, Jesus“, schreibt Gottfried Bachl in einem Gebet. Möglicherweise fehlt uns im spirituellen Allerlei der Gegenwart, in einer Spaß und genusssüchtigen Welt auch die Auseinandersetzung mit einem provokanten Jesusbild. Möglicherweise fehlt uns der „Fresser und Säufer“ Jesus (Matthäus 11,19) und die Vorstellungen von „Leben in Fülle“ (Johannes 10,10), wenn wir persönlich oder weltweit Grenzen erfahren müssen.
Das Erlebnis, in einer Gruppe Eucharistie zu feiern gehört nach wie vor zu den Schlüsselerfahrungen des Glaubens, nicht nur in der kirchlichen Jugendarbeit. Der Mahl- und Gemeinschaftscharakter der Messe wird spürbar, spiritueller Tiefgang wird möglich. Ein Raum, der schön gestaltet ist, Musik und Texte, die sorgfältig und maßvoll ausgewählt sind, „richtiges“ Brot und Wein aus dem Becher, essen und trinken, ein Mahl bei dem man nicht satt wird und dennoch der Hunger und Durst der Seele gestillt werden in Jesu Leib und Blut. Immer wieder ist zu hören auf Wochenenden, Kursen oder den Konferenzen der Jugendverbände: Der Gottesdienst war spitze! Eucharistie als Quelle und Höhepunkt. Was viele im sonntäglichen Gemeindeleben satt haben, wird als Nahrung und Stärkung für den Weg erlebt.
Wichtig ist die Erfahrung, dass wir bei Gott zu Gast sind. Dort, wo die Gruppe oder Einzelne nur sich selbst inszenieren, eröffnen sich noch keine Räume der Gottesbegegnung.
Wir sind zu Gast bei einem menschenfreundlichen Gott. Dieses Geheimnis (Mysterium) muss in der Feier durchscheinen können.
Dafür brauchen wir gerade in der Kirchlichen Jugendarbeit Mystagogen und Mystagoginnen. Priester und Laien, Geistliche Leiterinnen und Leiter, junge Erwachsene, die einführen können in die Verborgenheit und Allgegenwart Gottes in seiner Schöpfung, die Kundschafter sind, weil sie den Weg kennen in das Land, in dem Milch und Honig fließen und die Gott als Lebensmitte und Mittel zum Leben bezeugen, weil er sich selbst als Nahrung gibt.
Wenn am Montag alle stöhnen, dass der graue Alltag wieder beginnt, der Stress und die Mühe der Arbeit, können die Frommen am Montagmorgen schon wieder „high“ sein, wenn sie im Hymnus der Laudes beten: „Und Christus werde unser Brot und unser Glaube sei uns Trank, in Freude werde uns zuteil des Geistes klare Trunkenheit.“

Hubert Streckert