Zehn Jahre lang stand Michael Rodiger-Leupolz als hauptamtlicher Diö-zesanleiter an der Spitze des Bundes der Deut-schen Katholischen Jugend (BDKJ) im Erz-bistum. Vergangenes Wochenende wurde er aus dem Verband verabschiedet. Interessieren sich Jugendliche noch für das Pfarreileben? Kommen christliche Werte in der kirchlichen Jugendarbeit vor? Werden kirchliche Jugendverbände bald zu Exoten? Auf diese und andere Fragen antwortet Rodiger-Leupolz im Gespräch mit dem konradsblatt.

„Junge Leute wollen herausgefordert werden“

Der scheidende BDKJ-Diözesanleiter Michael Rodiger-Leupolz über die Situation kirchlicher Jugendarbeit

konradsblatt: Viele in den Pfarreien Engagierte kritisieren: Die Jugendverbände sind ja gar nicht im Gemeindeleben präsent. Was unterscheidet den kirchlichen Jugendverband eigentlich noch vom Sport- oder Musikverein?

Rodiger-Leupolz: Im Sport- oder Musikverein bekommen Jugendliche ganz klar gesagt: Du spielst Verteidiger oder Querflöte, das ist deine Aufgabe. Bei uns hingegen haben Kinder und Jugendliche sehr viele Freiheiten, dürfen mitbestimmen, können ihre Stärken entdecken und ausbauen. In der kirchlichen Jugendarbeit sind eher Leute mit höherem Bildungsgrad dabei. Das bedauern wir, aber dadurch fällt es uns auch leichter, bestimmte wertorientierte Themen vorkommen zu lassen.

Spielen christliche Werte in kirchlichen Jugendgruppen wirklich noch eine Rolle?

Ganz intensiv sogar. Die meisten Gruppenleiter haben ja selbst die kirchliche Jugendarbeit durchlaufen und dabei so viel verinnerlicht, dass sie bewusst oder unbewusst christliche Werte vermitteln. Die stehen zwar nicht groß als Leitsätze auf Plakaten. Aber sie kommen vor auf Ferienlagern, in Gruppenstunden, indem man sich regelmäßig um seine Gruppe kümmert, darin mit Konflikten umgeht, Außenseiter integriert.

Was sagen Sie denn einem Pfarrgemeinderat, der den Jugendlichen vorwirft: Sonntags seid ihr nicht im Gottesdienst, beim Pfarrfest sehen wir euch nicht, ihr benutzt ja nur unsere Räume?

Zunächst einmal sollte der Pfarrgemeinderat froh sein, dass sie die Räume nutzen wollen. Es ist schon mal hervorragend, dass sie sich im kirchlichen Umfeld treffen. Sie können also mit Kirche irgendetwas anfangen. Und darauf gilt es natürlich aufzubauen. Junge Leute wollen provoziert werden. Man muss sie herausfordern.

Welchen Stellenwert hat die Jugendarbeit in den Pfarreien?

Eine hervorragende Jugendarbeit gibt es oft in lebendigen Gemeinden. Die haben einen Blick für die Jugend, lassen Leben zu, auch Konflikte, Unruhe und Anfragen. Ich kenne keine Pfarrei, von der ich sagen kann: Sie ist sehr lebendig und hat keine Jugend.

Was kann eine Pfarrei denn falsch machen?

Entweder die Jugendarbeit total laufen lassen, keine Impulse setzen, nichts fördern, nichts herausfordern, nichts kritisieren, keine Grenzen setzen. Dann entfernen sich Jugendgruppen von der Gemeinde, werden zu Freizeitclubs und die Pfarrei hat nichts mehr von ihnen. Falsch ist auch, alles zu sehr zu regeln: Den Schlüssel für die Jugendräume gibt’s nur zu bestimmten Zeiten, die Räume müssen immer piccobello sein, der Gottesdienst muss dann und dann besucht werden, sonst macht ihr keine rechte Jugendarbeit – das schnürt zu. Sprich: Die Balance macht’s.

Welche Zielgruppe spricht kirchliche Jugendarbeit heute an?

Generell sind alle willkommen: Hauptschüler, Gymnasiasten, Ausländer, evangelische Christen, Jugendliche, die auf der Suche sind, was ihren Glauben angeht. Aber alle, die klar gesagt bekommen wollen, was zu tun ist, die starke Führung brauchen, haben es bei uns sehr schwer. Die Möglichkeiten von Freiheit und Mitbestimmung machen sie unsicher. Wir wollen aber trotzdem versuchen, alle Interessierten zu integrieren. Und wir wollen vor allem mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Auch wenn die wertorientierte Arbeit mit jungen Erwachsenen sehr viel leichter gestaltet werden kann.

Welches Profil hat kirchliche Jugendarbeit?

Da hat sich den letzten Jahren sicherlich etwas verändert. Jugendliche haben Hunger nach allem, was in Richtung Spiritualität, also Sinnfragen geht. Es gibt ganz wenige Räume, wo man über so etwas sprechen kann, ohne sich zu blamieren. Junge Leute wollen sich mit Glaube, Religiosität und Sinnfragen auseinander setzen. Wenn sie es im Rahmen der Jugendarbeit angeboten bekommen, sind sie sehr dankbar. Nur Freizeit und Spaß reichen nicht, sie müssen auch gefordert werden.

Früher hat diese Aufgabe der Vikar oder Kaplan übernommen. Wer macht das heute?

Geistliche Leiter werden immer wichtiger. Das sind meist Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten, aber auch vermehrt junge Erwachsene, die selbst aus der Jugendarbeit kommen. Hier haben sie gemerkt: Eine Frühschicht, ein Glaubensgesprächskreis oder Morgenimpuls haben mir unendlich gut getan, und ich möchte das weitergeben.

Heute sind junge Menschen in, wenn sie viele Interessen haben, mal das im Vordergrund steht und mal das andere, das so genannte Zapperleben. Muss kirchliche Jugendarbeit darauf reagieren, indem sie ein größeres Angebot bereithält?

Auch ein Jugendverband darf mal zappen, unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Aber es geht trotzdem darum, Jugendlichen zu vermitteln: Es lohnt sich, länger an einer Sache dranzubleiben. Wenn etwa die Pfadfinder drei Tage in die Natur gehen und ausprobieren: Wie kommen wir durch? Oder 14 Tage Zeltlager, nicht unbedingt in der tollsten Hütte. Oder die Gruppenstunde, die über Jahre hinweg jede Woche zu einer bestimmten Uhrzeit stattfindet, und in der ich nicht immer den Macker spielen muss, sondern auch mal mit meinen Problemen kommen kann. Wenn einer sagt: Kontinuierliche Jugendarbeit ist nicht mehr zeitgemäß, dann ist das absoluter Schwachsinn.

Aber wenn kirchliche Jugendarbeit ihr Profil bewahrt, besteht nicht die Gefahr, dass sie bald ein Exotendasein führt?

Natürlich trägt niemand einen Anstecker: Ich bin stolz, katholisch zu sein. Aber genau das ist die Herausforderung, Jugendliche so stark zu machen, dass sie gegenüber ihren Freunden zu ihrem kirchlichen Engagement stehen können und sagen können: Wir machen da gute Sachen.

Zur Verbandsarbeit: Selbst Pfarrjugendleiter fragen oft: Was bringt mir der BDKJ und dessen Arbeit? Was antworten Sie denen?

Verbände schaffen für die Gruppen vor Ort Rahmenbedingungen. Sie kümmern sich um Zuschüsse, darum, dass Räume vorhanden sind, reden mit Politikern, sitzen im Kreis- oder Stadtjugendring. Das sind alles mühsame Dinge. Außerdem sind Verbände wichtig, um sich miteinander zu verbinden, um stark zu werden und besser gestalten zu können. Als einzelne Pfarrei ändere ich in der Landespolitik oder in der Kirche nichts. Jeder Mensch will aber mitgestalten, Vorteile für seine Arbeit vor Ort erreichen. Außerdem bekomme ich von außen neue Impulse, kann etwas Neues entdecken, mich verändern, kann besser werden. Sonst habe ich das Schmortopfprinzip: Der Braten wird zwar gar, aber der Geschmack bleibt immer gleich.

Ein Schwerpunkt des BDKJ heißt Bildung. Wo kommt die vor?

Jeder Jugendverband hat ein Recht auf 80 Prozent Freizeit. Aber das Feld Bildung ist auch total wichtig. Sie können jeden fragen, der einen kirchlichen Jugendverband durchlaufen hat. Er oder sie wird sagen: Hier habe ich gelernt, mich hinzustellen, etwas vorzubereiten, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte einzugehen, etwas Gewagtes zu sagen – also Schlüsselqualifikationen fürs Leben und den Beruf.

Das ist aber eher die unterschwellige Bildung ...

Außerdem haben wir hervorragende Gruppenleiterkurse, wo es viel um die eigene Person geht. Unsere ganze Arbeit sieht immer wieder vor, sich seines Handelns bewusst zu werden, immer wieder einen neuen Ansatz zu finden und auch Fehler machen zu dürfen. Die Kurse kommen sehr gut an.

Klingt alles sehr positiv. Und was haben Sie in den zehn Jahren nicht geschafft?

Ich habe eine gewisse Spannung gespürt zwischen dem, wo ich gern die Schwerpunkte gesetzt hätte – bei politischen Arbeitskreisen und Gremien, der Vorbereitung von Beschlüssen, der thematischen Arbeit –, und dem was Jugendliche interessiert. Wenn ich eine Veranstaltung zum Thema Auslandsverschuldung angeboten habe, kamen zwei Leute. Aber ich bin mir sicher, Jugendliche werden wieder mehr Lust bekommen, sich differenzierter mit Themen auseinander zu setzen.

Und wie entwickelt sich die Jugendarbeit in den kommenden Jahren?

Wir müssen sehr darauf achten, dass wir unsere Arbeit stärker an der Basis ansetzen. Wir haben hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bekommen viele Mittel aus Kirchensteuern und vom Land. Davon soll die Basis etwas haben. Unsere Aktionen müssen auf Ortsebene stattfinden, auch wenn sie diözesanweit sind. Ein Beispiel ist die 72-Stunden-Aktion, bei der Jugendliche in ihrem Ort in drei Tagen ein Projekt umsetzen werden. Die Erfolge werden vor Ort gefeiert und nicht auf Diözesanebene.

Interview: Burkhard Schäfers, Michael Winter