Wo sind die Inhalte?
Ihr ödet uns an, schrieb
der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger vor wenigen Tagen der
Politik und den Politikern, den Medien und den Medienmachern ins
Stammbuch und brachte damit ein verbreitetes Unwohlsein über den
politischen Alltag hierzulande auf den Punkt. Die politische
Stimmung ist nicht gut.
Parteipolitisch motiviertes Kleinklein ohne inhaltliche Substanz
ist an der Tagesordnung. Durchsichtige Manöver, um in der täglichen
Medienschlacht Punkte zu machen, erleben wir. Statt dass über
das gesprochen wird, was den Menschen auf den Nägeln brennt, wo
aber möglicherweise die einen genauso schlau sind wie die
anderen. Verständlich, wenn da die Forderung zu hören ist: Tut
endlich eure Arbeit und kreist nicht unentwegt um euch selbst.
Wir wollen sehen, wie es in der Sache weitergeht.
Betroffen davon sind die einen wie die anderen. Seit über zwei
Jahren ist die rot-grüne Koalition am Ruder, aber wirklich fest
im Sattel scheint sie nicht zu sitzen. Jeder kleinste Schnitzer
stellt sie mehr in Frage, als es zuträglich ist.
Das glücklose erste Jahr ist noch in schlechter Erinnerung, und
Glücksgefühle über das Erreichte wollen sich nicht recht
einstellen. Sozialdemokraten wie Grüne können gewichtige Teile
ihrer Anhängerschaft nur mit Mühe bei der Stange halten. Und
wenn sich dies in den Umfrageergebnissen noch wenig niederschlägt,
dann wohl vor allem deshalb, weil es die Opposition der Regierung
vergleichsweise leicht macht, akzeptabel dazustehen.
Die Union konnte bislang die Schatten der Spendenaffäre nicht
abschütteln. Die Rolle als Oppositionspartei hat man offenbar
nicht wirklich innerlich angenommen. Die breite Verankerung der
Union in den Gemeinden und den Ländern steht in auffälligem
Gegensatz zum Gehampel an der Spitze. Wenn die Opposition in den
kommenden zwölf Monaten nichts anderes zustande bringt als eine
endlose Kanzlerkandidaten-Diskussion, steht es schlecht um sie.
Und was die Sache nicht besser macht: Täglich rühren die Medien
in den Wunden der einen wie der anderen Seite.
Woher kommt dies alles? Ist die Politik so schlecht, oder sind
die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger so hoch? Haben wir
die falschen Politikerinnen und Politiker oder entscheiden sich
die Stimmbürger nur für die falschen unter ihnen? Sind die Verhältnisse
so kompliziert oder auch in diesem Fall wieder mal die Medien an
allem schuld? Die Antworten auf Fragen dieser Art fallen
verschieden aus je nach dem Einblick des Einzelnen in den
Politikbetrieb, auch je nach den eigenen politischen Überzeugungen.
Klaus Nientiedt