„Wir fordern mehr Anerkennung“

Bernhard Appel, Direktor des Caritasverbandes für die Erzdiözese Freiburg, über die Situation der Pflege

Die „Woche für das Leben“ steht in diesem Jahr unter dem Thema „Menschen würdig pflegen“. Dabei geht es sowohl um die kranken, behinderten und sterbenden Menschen als auch um die Bedingungen, unter denen die professionelle Pflege, die tagaus, tagein geleistet wird. Im Folgenden äußert sich Diözesan-Caritasdirektor Bernhard Appel zur Situation der Pflegenden und der Pflegebedürftigen.

konradsblatt: Herr Appel, gibt es in Ihrem Verwandten- oder Bekanntenkreis jemanden, der pflegebedürftig ist?

Bernhard Appel: Ja. Schon seit vielen Jahren betreue ich eine ältere pflegebedürftige Frau in Karlsruhe. Sie wohnte früher mit ihrer Schwester zusammen. Als diese starb, konnte sie sich zu Hause nicht mehr selbst versorgen. Und weil sie keine Verwandten hatte, wurde ich angesprochen und stand vor der Situation, in die viele Menschen in meinem Alter kommen – beispielsweise dann, wenn ein Elternteil stirbt und der andere sich nicht mehr versorgen kann. Wenn pflegebedürftige Eltern oder Angehörige nicht aufgenommen und selbst gepflegt werden können, stellt sich die Frage: Wo gibt es gute Altenpflegeheime?

Haben Sie eine Lösung gefunden?

Ich habe für die ältere Dame einen Platz in einem der Caritas angeschlossenen Haus in der Karlsruher Innenstadt gefunden.

Erfährt diese Frau eine Betreuung, die ihr gerecht wird?

Durchaus. Freilich stelle ich bei meinen Besuchen in den Altenpflegeheimen in unserer Erzdiözese fest, dass es Unterschiede gibt. Die Atmosphäre der Häuser und die Art und Weise, wie die Schwestern, Pflegerinnen und Pfleger mit den alten Menschen umgehen, ist keineswegs überall gleich. Ich bin immer wieder erleichtert und dankbar, wenn ich wahrnehme, dass wir bei der Caritas Altenpflegeheime haben, in denen es eine hohe Professionalität in Pflege und Verwaltung gibt, in denen eine ausgesprochen gute Atmosphäre herrscht und die auch sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Vieles hängt an den Personen vor Ort: an der Pflegedienstleitung, an der Heimleitung und an den einzelnen Pflegerinnen und Pflegern. Es gibt natürlich auch Einrichtungen, bei denen Verbesserungsbedarf besteht.

Trotz dieser Bemühungen: Das Image der Altenpflegeheime in der Bevölkerung ist insgesamt wohl schlechter als die Realität. Woran liegt das?

Das liegt zum einen sicher daran, dass die Medien – teilweise berechtigt, teilweise überzogen – über Einzelfälle berichten, in denen die Pflege und Betreuung der Heimbewohner und -bewohnerinnen nicht in Ordnung war. Und solche Beispiele lösen gerade bei alten Menschen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob sie in ein Pflegeheim gehen, Ängste aus. Eine zweite Wirkung solcher Berichte ist, dass dadurch der Beruf der Altenpflegerin und des Altenpflegers nicht gerade als ein attraktiver Beruf erscheint.

Wie wird sich zukünftig der Bedarf an Fachkräften im Bereich der Pflege entwickeln?

Sicher ist, dass die Zahl der alten Menschen zunimmt. Und damit erhöht sich auch der Bedarf an Pflegeplätzen. Laut einer Einschätzung des baden-württembergischen Sozialministeriums werden bis zum Jahr 2010 allein in Baden-Württemberg 10 000 zusätzliche Pflegeplätze benötigt. Mit der Konsequenz, dass wir in diesem Zeitraum auch 5000 weitere Pflegefachkräfte brauchen. Das heißt, wir – die Caritas, die Verbände der freien Wohlfahrtspflege und die politisch Verantwortlichen – müssen größte Anstrengungen unternehmen, um den Beruf der Altenpflegerin und des Altenpflegers attraktiver zu machen. Denn die Anmeldezahlen in den Altenpflegeschulen des Caritasverbandes stagnieren und es wird bereits jetzt für viele Heime und auch ambulante Pflegedienste in vielen Regionen unserer Erzdiözese immer schwieriger, Fachpflegekräfte zu gewinnen.

Was macht diesen Beruf unattraktiv? Ist nur die Aufgabe so schwer oder spielen auch äußere Dinge eine Rolle – wie beispielsweise die Bezahlung?

Zum einen gehört zum Pflegeberuf zweifellos ein hohes Maß an Beanspruchung. Die Pflege ist in den letzten Jahren schwerer geworden. Einmal deshalb, weil die Menschen, die ins Heim kommen, immer älter und immer pflegebedürftiger sind. Oft muss im Pflegeheim eine Behandlungspflege, also die Fortsetzung einer Krankenhausbehandlung, geleistet werden. Dazu kommt, dass immer mehr demenziell erkrankte, also verwirrte Menschen ins Pflegeheim kommen. Das wiederum macht für die Pflegekräfte den Aufbau von persönlichen Beziehungen schwieriger. Außerdem nimmt die Zahl derer zu, die innerhalb eines Jahres im Heim sterben. Auch das ist eine hohe Belastung. Ich persönlich glaube nicht, dass die Bezahlung das Entscheidende ist. Trotzdem ist natürlich an die Gesellschaft die Frage zu stellen, ob die Arbeit an Maschinen oder an einem Auto mehr wert ist als die Arbeit mit Menschen. Und das ist im Moment so. Ein KFZ-Mechaniker verdient zum Beispiel mehr als ein Altenpfleger.

Und was macht den Pflegeberuf reizvoll?

Dass etwas zurückkommt. Es ist nach wie vor so, dass der Pflegende auch sehr stark die Dankbarkeit der pflegebedürftigen Menschen spürt und ihm damit auch immer wieder deutlich wird, dass er etwas äußerst Sinnvolles tut. Diese Erfahrung kann viele Schwierigkeiten aufwiegen.

Durch die Einführung der Pflegeversicherung vor sechs Jahren wurde versucht, die immensen Kosten wenigstens ein Stück weit aufzufangen. Welche Bilanz ziehen Sie in Sachen Pflegeversicherung?

Der Caritasverband hat diese Versicherung immer gefordert und ihre Einführung begrüßt. Und grundsätzlich hat sich die Pflegeversicherung auch bewährt. Sie hat sicher einen großen Teil der älteren Menschen, die in die Situation der Pflegebedürftigkeit kamen, davor bewahrt, in die Sozialhilfe hineinzufallen. Dennoch nimmt langsam wieder die Zahl derer zu, deren Rente nicht ausreicht, um die Differenz zwischen dem Betrag, den die Pflegeversichertung erstattet und den vollen Kosten für das Pflegeheim auszugleichen. Diese Menschen müssen dann trotz Pflegeversicherung die Sozialhilfe in Anspruch nehmen.

Wie beurteilen Sie die derzeitige Eingruppierung in die einzelnen Stufen der Pflegeversicherung durch den medizinischen Dienst der Krankenkassen?

Hier wird unseres Erachtens die Altersverwirrtheit zu wenig berücksichtigt. Gerade bei diesen Menschen gibt es sehr große Schwankungen. Es gibt Tage, an denen sie sehr gut drauf sind, und andere, an denen sie rund um die Uhr betreut werden müssen. Wenn dann der medizinische Dienst der Krankenkasse kommt, strengen sich die Betroffenen mitunter ganz besonders an, um einen guten Eindruck zu machen. Somit besteht die Gefahr, dass ein verfälschtes Bild entsteht und sie zu niedrig eingestuft werden. Der Caritasverband fordert grundsätzlich eine angemessene Berücksichtigung der Altersdemenz bei der Einstufung in die Pflegeversicherung.

Welche Wünsche haben Sie bezüglich der Pflege an die Politik?

Im Moment habe ich den Eindruck, dass der Staat gerade angesichts von Missständen sehr schnell nach mehr Kontrollen in den Pflegeheimen verlangt. Wesentlich wichtiger ist es aber, die Rahmenbedingungen der Pflege insgesamt zu verbessern. Wenn wir nur auf Kontrollen setzen, dann besteht unseres Erachtens die Gefahr, dass noch mehr gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diesem Arbeitsfeld den Rücken kehren. Deshalb ist es die Forderung der Caritas, eine deutliche Verbesserung der Personalsituation in den Heimen herbeizuführen, damit die unter dem Kostendruck der letzten Jahre erfolgten Kürzungen im Personalbereich rückgängig gemacht werden. Eine bessere Bezahlung der Pflegenden könnte dazu beitragen. Wir fordern zudem eine angemessene Anerkennung der pflegerischen Leistungen im Pflegesatz: der deutlich gestiegene Aufwand für Behandlungspflege oder die spezielle Betreuung von Demenzkranken – all das muss berücksichtigt werden. Es braucht mehr Anerkennung, mehr Vertrauen, mehr Förderung der Leistungen in den Einrichtungen und nicht noch mehr Kontrolle und Bürokratie.

Was könnten die Pfarrgemeinden einbringen?

Hier kommt natürlich in erster Linie die ambulante Pflege in den Blick. Mir ist es besonders wichtig, dass die Pfarrgemeinden nicht vergessen, dass sie die eigentlichen Gründer, Initiatoren und Träger der Sozialstationen sind. Mancherorts sind die Sozialstationen etwas weggerückt vom Interesse und der Aufmerksamkkeit der Pfarrgemeinden. Diese müssen sich klarmachen, dass die Pflegerinnen und Pfleger einer Sozialstation im Auftrag der Gemeinde zu den Kranken der Gemeinde kommen und dass sie damit den ureigenen, von Jesus herkommenden Auftrag einer Pfarrgemeinde erfüllen, nämlich sich den Kranken und Alten zuzuwenden. Das heißt, dass die Pfarrgemeinde auch eine Verantwortung für ihre Sozialstation hat. Zudem liegt im Dienst der Sozialstationen auch eine ganz gewaltige pastorale Chance. Oft ist es die Schwester der Sozialstation, die dem Pfarrer oder anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Pastoral auf einen bestimmten Patienten hinweist. Deshalb ist es auch mein Wunsch, dass die pastoralen Mitarbeiter in einer Pfarrei mit den Schwestern und Pflegern der Sozialstation ein gutes Verhältnis haben, dass sie umeinander wissen, dass sie Informationen austauschen. Hier wäre eine stärkere Vernetzung notwendig. Hierzu neue Impulse und Anregungen zu geben, ist sicherlich auch ein Ziel der „Woche für das Leben“.

Interview: Michael Winter