Wer seid ihr denn?
Auf der Suche nach dem unverwechselbaren Profil: Die Evangelische Kirche in Baden formuliert 34 Leitsätze
Nach einem vierjährigen Diskussionsprozess hat die Evangelische Landeskirche Baden im Herbst 34 Leitsätze veröffentlicht. Sie sollen sowohl die Inhalte des Glaubens als auch das Profil der Kirche und ihren Standort in der Gesellschaft verdeutlichen. Tausende beteiligten sich an der Formulierung dieser Leitsätze.
Wie kann die Kirche heute, in der
pluralistischen Gesellschaft, hörbar und sichtbar werden? Wer
lauter brüllt hat Recht und kommt an, so scheint es. Ist es das
Manko der Christen, dass sie nicht laut genug brüllen, dass sie
nicht schrill und bunt genug daherkommen und deshalb nicht
mithalten können? Liegt es ganz einfach an der falschen
Strategie?
Die Evangelische Landeskirche in Baden kam bereits im Jahr 1996
zu einem anderen Schluss: Die eigentlichen Defizite liegen nicht
in der Vermarktung des christlichen Glaubens oder in
der Frage, ob die kirchlichen Angebote originell genug
verpackt sind auch wenn das alles nicht
unwichtig ist.
Den evangelischen Christen und Kirchengemeinden fehlt etwas
anderes, meinten die Verantwortlichen der badischen Landeskirche:
Zum Beispiel die Identifikation mit ihrer Kirche, das Gefühl der
Zugehörigkeit. Ebenso mangelt es vielen an der Fähigkeit, ihren
Glauben im alltäglichen Gespräch verständlich zu machen
Auskunft darüber zu geben, was sie trägt und motiviert, sich in
der evangelischen Kirche und in ihrer Gemeinde zu engagieren. Und
schließlich, so die Erkenntnis, fehlt es auch an einem
gemeinsamen Verständnis darüber, was Kirche ist, was Kirche
ausmacht und wie sie überhaupt aussehen sollte, diese
evangelische Kirche in Baden.
Hand aufs Herz. Müsste man in ähnlich kurzer und freilich auch
pauschaler Form Defizite der Katholiken im Erzbistum Freiburg
benennen, dann könnte man die Liste der Evangelischen locker
übernehmen. Und so wie im Erzbistum Freiburg diese drängenden
grundsätzlichen Fragen im Zuge der Pastoralen
Initiative und des Freiburger Diözesanforums (1991/92)
sowie später beim Diözesantag (1997) auf allen kirchlichen
Ebenen diskutiert wurden, kam in den letzten Jahren auch in der
Evangelischen Landeskirche ein bis dahin einmaliger
Gesprächsprozess in Gang.
Initiiert wurde dieser Prozess sozusagen auf höchster
Ebene: Der ehemalige Landesbischof Klaus Engelhardt setzte
eine Arbeitsgruppe ein, die sich ähnlich wie das auch
moderne Unternehmen tun die Frage nach einem möglichen
Leitbild für die Landeskirche stellen sollte.
Oberkirchenräte, die Präsidentin der Landessynode und
engagierte Christen aus den Gemeinden gehörten ebenso zu dieser
Gruppe wie der Mannheimer Dekan Ulrich Fischer, der dann zwei
Jahre später Nachfolger Klaus Engelhardts im Amt des
Landesbischofs wurde.
Aber die Kirche ist etwas anderes als ein Wirtschaftsunternehmen.
Und vielleicht wurde deshalb die Idee des Leitbildes
relativ schnell verworfen: Wir brauchen kein Leitbild, weil
wir ja bereits eines haben. Nämlich die Botschaft der
Bibel, erklärt der Karlsruher Oberkirchenrat Gerhard
Vicktor, der ebenfalls von Anfang an Mitglied der Arbeitsgruppe
war. Deshalb formulierten die Beteiligten lediglich
Leitsätze. Sie sollen zunächst mittelfristig, im
Blick auf das kommende Jahrzehnt, Orientierung bieten, so Gerhard
Vicktor.
Und noch einen entscheidenden Unterschied gibt es
zwischen dem Leitbildprozess eines Unternehmens und dem Gespräch
über die Leitsätze der Evangelischen Landeskirche: Die
Chefetage gab die Zügel bewusst aus der Hand. Aus
dem Impuls von oben wurde ein Prozess von
unten ein flächendeckendes, intensives Gespräch,
an dem sich fast alle Kirchenbezirke beteiligten. Der
Leitsatz-Entwurf wurde an alle Gemeinden verschickt. In jedem
Kirchenbezirk fanden Diskussionsveranstaltungen statt, die
durchweg auf großes Interesse stießen. Letztendlich feilten
über 3000 evangelische Christen an der Formulierung der
Leitsätze. Rund 5000 Änderungsvorschläge gingen ein, die in
den ursprünglichen Entwurf eingearbeitet wurden. Tausende
haben mitüberlegt und waren im Gespräch über ihren Glauben und
über ihre Kirche, unterstreicht Gerhard Vicktor. Das
war der eigentliche Erfolg.
Was 1996 begann, kam im Herbst 2000 zu einem ersten Ziel: Bei der
Synode der Evangelischen Landeskirche in Bad Herrenalb wurden 34
Leitsätze vorgestellt. Grundaussagen, die das Profil und die
Ziele der Landeskirche sowie ihren Standort in der Gesellschaft
umreißen sollen.
Die 34 Leitsätze gliedern sich in drei Kapitel: Im ersten
Kapitel Was wir glauben findet sich beispielsweise
gleich an erster Stelle die Aussage Gott liebt die
Menschen, ob sie es glauben oder nicht. Ein Satz, der
deutlich machen soll, dass die Liebe Gottes nicht erst durch den
Glauben begründet wird, sondern diesem Glauben vorangeht und
durch die Annahme im Glauben erfahrbar wird.
Das zweite Kapitel trägt die Überschrift: Wer wir
sind und versucht in 14 Leitsätzen das Profil der
Evangelischen Landeskirche Baden zu beschreiben. Hier wird auch
ein erster ökumenischer Akzent gesetzt: Wir sind getauft.
Die Taufe verbindet uns mit den christlichen Kirchen auf der
ganzen Welt, heißt es im zweiten Leitsatz dieses Kapitels.
Auch die Verbindung von Glauben und Gemeinschaft (Unser
Glaube sucht Gemeinschaft und gewinnt auch darin Gestalt, wie wir
unsere Kirche organisieren) sowie der gesellschaftliche und
diakonische Auftrag der Kirche werden darin betont.
Was wir wollen lautet der Titel des dritten Kapitels,
in dem das Bild einer einladenden, offenen und glaubwürdigen
Kirche aufscheint, die den Menschen eine geistliche Heimat bieten
will und ihre Sache auch selbstbewusst nach außen vertritt.
Wiederum geht der Blick über den eigenen Kirchturm hinaus:
Wir wollen eine ökumenische Gemeinschaft der Kirchen, in
der Vielfalt als Bereicherung erlebt wird, heißt es im
siebten Leitsatz dieses Kapitels.
Papier ist freilich geduldig. Wie geht es weiter mit den
Leitsätzen der Evangelischen Landeskirche? Ziel ist es
zunächst, diese grundlegenden Aussagen in den Kirchengemeinden
ins Gespräch zu bringen und bewusst zu machen. Das ist ein
jahrelanger Prozess, meint Gerhard Vicktor.
Einzelne Gemeinden gehen voran. Die evangelische Kirchengemeinde
in Rheinstetten-Forchheim bei Karlsruhe beispielsweise. Hier
wählten die Gemeindemitglieder zwölf Leitsätze aus, die ihnen
besonders wichtig erschienen. Jeder dieser Leitsätze wird Thema
einer Predigt im Sonntagsgottesdienst sein und soll anschließend
bei einem Predigtgespräch diskutiert werden.
Erfahrungen und Impulse, die sich aus solchen Experimenten vor
Ort ergeben, werden schließlich in eine Arbeitshilfe
einfließen. Diese soll den einzelnen Gemeinden und deren
Ältestenkreisen, Bezirken und anderen kirchlichen Gremien und
Institutionen helfen, die Leitsätze fruchtbar zu machen. Die
Leitsätze sollen, wie Gerhard Vicktor betont,
heruntergebrochen werden zu noch konkreteren
Zielvereinbarungen an verschiedenen Orten kirchlichen Lebens.
Es ist die Zeit der Profilierung, so scheint es. In beiden
Kirchen. Gerade in einer Gesellschaft, in der alles egal und
gleichgültig zu sein scheint, wächst das Bedürfnis, sich
dessen zu vergewissern, was die eigene Kirche, die Gemeinde am
Ort und auch das Christsein des Einzelnen ausmacht: Je mehr
alle Katzen grau sind, desto interessanter wird das
Unterscheidende! Ein profilierter Lebensentwurf, eine dem
Zeitgeist widerständige Haltung, ein aus tiefer und
glaubwürdiger Überzeugung gesetztes Zeichen all das
findet gerade im Zeitalter der Massenkommunikation vielleicht
gerade deshalb Beachtung diese Hoffnung wird in dem
nur kurz nach den Leitsätzen der badischen Protestanten
erschienenen Text der katholischen Bischöfe in Deutschland
Zeit zur Aussaat formuliert (vergleiche konradsblatt
Nr. 6, Seiten 2022).
Profilierung und Vergewisserung das heißt nicht
Abgrenzung. Im Gegenteil. Vieles spricht dafür, dass die
katholischen und evangelischen Gemeinden hierzulande gerade im
Suchen nach ihrer jeweils unverwechselbaren Identität
voneinander lernen können und auf entscheidende Gemeinsamkeiten
stoßen.
Um den Sinn und die Notwendigkeit der Leitsätze zu
verdeutlichen, wird in den Materialien der evangelischen
Landeskirche eine Frage gestellt: Wenn ein der Kirche
entfremdeter Mensch wissen will: ,Wer seid ihr denn eigentlich
und was tut ihr denn als Kirche? Welche Antworten haben
wir? Da zucken wohl viele Christen mit den Schultern.
Protestanten wie Katholiken.
Michael Winter