Wenn das Durchschnittsalter der Priester steigt, dann wird auch die Zahl der Priester größer, die im Ruhestand sind oder doch zumindest in die zeitliche Nähe des Ruhestands kommen. Wie gehen Priester mit dieser Situation um? Was macht ihnen an der für sie neuen Lage Mühe?
Ohne Amt und Würden
Der Beruf endet, die Berufung bleibt Priester im (Un-)Ruhezustand
Mein jüngerer Bruder ist schon
seit 15 Jahren in Rente. Ich bin jetzt 72 und fange gerade erst
an, darüber nachzudenken, wann ich in Ruhestand gehen will,
so ein älterer Priester zu der Frage Ruhestand und
was dann?, die Leitfrage eines Seminars im Bildungshaus St.
Luzen in Hechingen war. Eine Befragung von Priestern im Erzbistum
Köln belegte, dass sich nur 14 Prozent der 60-jährigen Priester
Gedanken über ihren Ruhestand gemacht haben. Priester tun sich
offensichtlich schwer damit, einen neuen Lebensabschnitt bewusst
anzugehen.
In vielem ist der Priesterberuf einem alten Bauer, Arzt,
Politiker oder Künstler zu vergleichen, die auch nach der Devise
älter werden Schaffen bis zum Umfallen. So stark ist
die Identifikation mit dem eigenen Beruf. So stark sind die
beruflichen Anforderungen, die eine Trennung von Dienst und Beruf
fast nicht möglich machen. Aber mit dem Lebensmotto Immer
im Dienst lässt sich eine dienstfreie Zeit nur schwer
gestalten.
Wenn ich in Ruhestand gehe, wird kein Nachfolger mehr in
das Pfarrhaus einziehen diese Gewissheit hatten
viele der Seminarteilnehmer. Das macht das Abschiednehmen nicht
leicht, sowohl für die Gemeinde wie auch für den alt gewordenen
Priester. Das kann sogar dazu führen, den richtigen Zeitpunkt zu
verpassen, nicht zu spüren, dass man sich übernimmt und den
Beanspruchungen nicht mehr gewachsen ist. Es ist aber auch nicht
leicht, eine Gemeinde, die ihren Pfarrer gewohnt ist,
darauf vorzubereiten, dass sie künftig zu einer Einheit mit
mehreren Gemeinden gehören und dass künftig nicht mehr an jedem
Sonntag in jedem kleinen Ort eine Eucharistiefeier möglich sein
wird.
An diesem Thema scheiden sich die Geister der angehenden
Priesterpensionäre: Einerseits gehört die Feier der Eucharistie
ins Zentrum ihrer Berufung und sie haben auch im Ruhestand den
Wunsch, mit einer Gemeinde Eucharistie zu feiern, als Aushilfe
oder in regelmäßiger Verpflichtung. Es verletzt mich,
wenn die Gemeinde regelmäßig am Sonntag Wortgottesdienste
feiert und ich werde nicht darum gebeten zu zelebrieren, obwohl
ich da bin, heißt es da etwa. Andererseits ist auch älteren
Priestern klar, dass die Zahl ihrer aktiven Mitbrüder in den nächsten
Jahren drastisch zurückgehen wird. So muss die Kirche
hierzulande neue Wege gehen, damit eine Gemeinde nicht
auseinander läuft, weil kein Priester mehr da ist. Wir
selber müssen damit anfangen, eine übertriebene
Priesterzentriertheit abzubauen und den Gemeinden bewusst machen,
dass auch sie für den Sonntagsgottesdienst verantwortlich sind
und sich auch ohne uns treffen können so eine
Gegenstimme.
Schaffen bis zum Umfallen?
Die meisten Priester schildern, wie ihr Beruf in den letzten
Jahren immer belastender wurde: die Verantwortung für einen
mittelgroßen Betrieb mit allen dazugehörigen
Verwaltungsaufgaben, viele Gremien und Sitzungen, das veränderte
gesellschaftliche Umfeld, die Übernahme zusätzlicher Zuständigkeiten
unter Beibehaltung der bisherigen Aufgaben, Konflikte
und Auseinandersetzungen in der Kirche auf allen Ebenen. Es ist
eine Erleichterung, vieles davon hinter sich lassen zu können.
Dennoch stellen sich die meisten Priester ihren Ruhestand
keineswegs als Dauerurlaub, frei von jeglicher Verpflichtung vor.
Einen Ort für die Eucharistiefeier haben, wird am häufigsten
genannt, dann aber auch: Wieder Seelsorger sein können,
einzelne Menschen oder engagierte Gruppen begleiten können, eine
begrenzte Aufgabe in der Altenseelsorge übernehmen, sich für
Vertretungen anbieten, ohne kontinuierlich in der Pflicht zu
sein.
Aber wie soll ein pensionierter Priester in das
Seelsorgeteam einbezogen sein? Wird er sich wieder eine große
Zahl von Sitzungen einhandeln, wenn er einen beschränkten Ort
der Mitarbeit sucht? Ist ein Pensionär jedoch nicht im ständigen
Kontakt zu den Gemeindeverantwortlichen und liest eben
irgendwo seine Messe, kann das schnell zu einem
Konfliktherd werden. Leicht kann ein Priesterpensionär in
Pessimismus verfallen, die Kirche von gestern repräsentieren
und diejenigen um sich sammeln, die sich mit dem pastoralen Weg
der heutigen Kirche nicht anfreunden können. Wer zeitlebens für
die Gemeinde verantwortlich war, tut sich schwer damit, jetzt
unter der Leitung eines anderen und jüngeren mitzuarbeiten. Sich
nicht heraushalten, aber sich auch nicht einmischen das
ist ein schwieriger Balanceakt.
Nicht zu überhören ist der Wunsch der Priester, im Ruhestand
noch einmal etwas Neues zu beginnen, wozu in den letzten
Jahrzehnten weder Zeit noch Gelegenheit war: Sich mehr um seine
Gesundheit kümmern manch einer ging in letzter Zeit nicht
sehr freundlich mit seinem Bruder Leib um fast
vergessene Fähigkeiten wieder entdecken, Musik machen, endlich
die Bücher lesen, zu denen man nie kam. Noch wichtiger:
Beziehungen intensivieren, in der Verwandtschaft, mit Freunden.
Der Beruf macht es einem Priester nicht leicht, persönliche
Beziehungen zu pflegen. Wir wurden eben als Einzelkämpfer
ausgebildet, meint ein älterer Priester schmunzelnd in der
Runde seiner Mitkämpfer immerhin wollen sie künftig
untereinander stärkeren Kontakt pflegen.
Auch der Diözesanleitung ist daran gelegen, dass pensionierte
Priester nicht aus den Kontaktnetzen herausfallen. Sie sollen
immer wieder zu den Zusammenkünften der aktiven Priester
eingeladen werden, in einigen Regionen gibt es eigene Zusammenkünfte
pensionierter Priester. Auch die Diözese meist sind dazu
auch Mitbrüder aus dem Elsass eingeladen lädt regelmäßig
zum Conveniat der Priesterpensionäre ein, geplant
ist sogar eine gemeinsame Fahrt nach Assisi. Wenn ein Priester
gebrechlich und pflegebedürftig wird, hilft die Diözese mit,
eine gute Lösung zu finden.
Der Leiter der Personalabteilung der Erzdiözese, Domkapitular
Robert Zollitsch, setzt sich nicht nur für derartige Regelungen
ein, sondern auch für einen guten Übergang von der Berufstätigkeit
in den Ruhestand. Mit 70 kann jeder den Ruhestand
beantragen, vorher braucht er wichtige Gründe, lautet eine
Regelung in der Erzdiözese Freiburg. Beim Übergang in die
nachberufliche Lebensphase sind viele praktische Fragen zu klären:
Wie bereite ich die Gemeinde auf den Wechsel vor? Wo will ich
wohnen? Will ich wieder in einem Pfarrhaus wohnen? Wie gehe ich
mit meiner Verantwortung für die Pfarrhaushälterin um? Wie
komme ich mit einem geringeren Einkommen zurecht? Hinter
diesen praktischen Fragen stehen auch grundsätzliche Fragen: Wo
wird mein Ort sein? Für wen will ich da sein? Welche
Lebensqualitäten will ich entfalten?
Noch einmal etwas Neues beginnen
Ich habe Angst davor, ohne Amt und Würden auf einmal
nichts mehr wert zu sein, formuliert ein älterer Priester
offen seine Ängste. Von der Hauptverantwortung zurücktreten
ohne in Resignation zu verfallen, eine begrenzte neue
Lebensaufgabe zu finden, in der sich eigene Fähigkeiten
entfalten können jedem Menschen stellen sich am Ende der
Berufstätigkeit solche Fragen. Für Priester scheint es aber
besonders schwer zu sein, eine angemessene und zufriedenstellende
Alters-Rolle zu finden, denn: Auch wenn der Beruf endet, die
Berufung bleibt.
Bernhard Kraus