Welche Globalisierung?

Die Auseinandersetzungen mit den Demonstrationen in Genua beim jüngsten G-8-Gipfel haben sich ganz auf die italienischen Carabinieri verschoben. Das ist bedauerlich. Nicht weil die Handlungsweise der Ordnungshüter nicht zu beanstanden wäre. Aber in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses treten nicht die Fragen, um die es im Anschluss an den jüngsten Gipfel der reichsten Länder gehen müsste.
Schon die viel verwendete Bezeichnung der Nachdenklichen und Gewaltfreien unter den Demonstranten als Globalisierungsgegner ist zumindest ungenau, wenn nicht falsch. Vielen geht es darum, im Namen universeller Werte und Rechte das sich weiter globalisierende Wirtschaftsleben kritisch unter die Lupe zu nehmenden. Und das ist – weiß Gott – ein berechtigtes Anliegen.
Nach dem Ende des kommunistischen Machtblocks sah es zunächst so aus, als verlöre die Welt damit die Spannung, die den Fortgang der Geschichte der letzten Jahrzehnte ausgemacht hatte. Der Kapitalismus schien gesiegt zu haben – einen ernst zu nehmenden Gegner gab es nicht mehr.
Dieser Eindruck verstärkte sich in den letzten Jahren dadurch, dass etwa in einem Land wie Deutschland zunehmend die sozialen Errungenschaften der Vergangenheit zum Standortnachteil umgedeutet wurden. Auch hier schien sich der Kapitalismus pur (wieder) durchzusetzen. Die Begriffe von gestern bedeuteten mit einem Mal etwas völlig anderes: „Fortschritt“ stand lange eher für ein Mehr an sozialer Absicherung und gemeinwohlorientierter Verantwortung, nun gilt dieses Verständnis als rückschrittlich und unflexibel, wird als bloße Besitzstandswahrung beargwöhnt.
Das „Ende der Geschichte“ ist beileibe nicht in Sicht – davon zeugen auch die unübersehbaren Demonstrationen immer dann, wenn die politisch und wirtschaftlich Mächtigen dieser Welt sich irgendwo versammeln. Die Übereinstimmung der Menschen in dem, was auf wirtschaftlichem Gebiet geht beziehungsweise nicht geht, in dem, was die Menschen „Gerechtigkeit“ nennen, ist schwach ausgeprägt.
Wir befinden uns in einer Situation, die mit der Lage im 19. Jahrhundert manches gemein hat. Die Lösung ist nicht Industrie- und Wirtschaftsfeindlichkeit. Es muss um die Bildung weltweiter Koalitionen gehen: zur Schaffung beziehungsweise Sicherung gerechter Arbeitsbedingungen, Löhne und Preise. Eine sozial und ökologisch gezähmte Marktwirtschaft kann nicht nur in einem bestimmten Land oder Kontinent überleben – sie muss in weltweit wirksame Strukturen übersetzt werden. Damit befinden wir uns aber erst am Anfang.

Auf die Christen kommt hierbei eine wichtige Aufgabe zu. Das Christentum spiegelt die weltweiten Interessengegensätze innerhalb seiner selbst wider. Das Christentum kann die Menschen aus Nord und Süd, von West und Ost zusammenbringen, obendrein auf einer gemeinsamen Wertebasis. Mit diesen Pfunden müsste es entschieden wuchern.

Klaus Nientiedt