Weit über 7000 Kinder und Jugendliche, mehr als 4000 erwachsene Helfer, 520 000 ehrenamtliche Arbeitsstunden die Beteiligung an der Aktion 72 Stunden ohne Kompromiss des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) hat alle Erwartungen übertroffen.
72 Stunden ohne Kompromiss
Katholische Jugendverbände verwirklichten 313 soziale Projekte.
Wenn im Radio ein Hilfsaufruf
kommt, klingeln die Telefone hier wie wild. Michael
Rodiger-Leupolz und seine Mitarbeiter vom BDKJ haben eine ganz
besondere Aufgabe: 72 Stunden telefonieren. Hier in der Zentrale
der Aktion 72 Stunden ohne Kompromiss laufen die
Fäden zusammen. 50 Anrufe in der Stunde, noch mal so viele
E-Mails. An einer Tafel hängen die aktuellen Hilferufe:
Ministranten Meßkirch suchen dressierte Tiere für
Zirkusaufführung. KJG Hardheim braucht für Aktion
Spielplatzverschönerung 1000 Regenwürmer, die harten Erdboden
durchgraben sollen. KJG Borken sucht Drahtbürsten, um römisches
Denkmal zu reinigen.
Ein paar Türen weiter schwitzen ein halbes Dutzend BDKJler vor
dem Computer. Ihre Aufgabe: E-Mails der Aktionsgruppen
weiterleiten oder beantworten und Nachrichten auf der
Internet-Homepage www.72stunden.de veröffentlichen. Ihr Problem:
Viren haben die Systeme lahmgelegt, seit mehreren Stunden geht
nichts mehr. Zum Glück helfen die Kollegen aus der
Online-Redaktion von SWR3 weiter. Das dritte Hörfunk-Programm
des Südwestrundfunks hat die 72-Stunden-Aktion der neun
katholischen Jugendverbände im Erzbistum zu seiner Sache
gemacht. Und deshalb sind die 25 Haupt- und Ehrenamtlichen vom
BDKJ-Aktionsteam für drei Tage ins Baden-Badener Funkhaus
umgezogen. SWR3, der größte Sender im Südwesten mit 2,83
Millionen Hörern sendet beinahe rund um die Uhr Reportagen,
Grüße und Musikwünsche von den 313 sozialen Projekten, die die
Jugendlichen in 72 Stunden verwirklichen müssen. Die
Gruppen draußen sind tierisch motiviert, sagt
SWR-Ressortleiter Thomas Jung. Hier melden sich viel mehr
Leute als erwartet.
Wie die Kolpingjugend Hüfingen, die die Außenanlagen einer
Kapelle renoviert: Die Zeit wird knapp. Jetzt hilft nur
noch ganz großes Gerät. Am nächsten Tag berichten sie:
130 Tonnen Beton, Sand, Kiesel, Kies verbraucht. Die
DPSG Pfullendorf baut im örtlichen Kindergarten ein Amphitheater
mit mehr als 100 Sitzplätzen. Nicht nur hier sorgen Feuerwehr
und Technisches Hilfswerk mit Flutlichtern für die nächtliche
Beleuchtung. Die KJG aus St. Georgen bastelt elf kindsgroße
Figuren und stellt sie als Warnung für Autofahrer am
Straßenrand auf, um den Schulweg für Kinder sicherer zu machen.
Insgesamt leisten bei der Aktion weit über 7000 Jugendliche mehr
als eine halbe Million ehrenamtliche Arbeitsstunden. Mehr als
4000 Erwachsene unterstützen die 313 Gruppen. Eltern,
Bäckereien und Metzgereien versorgen die Teilnehmer mit Essen,
Bauunternehmer stellen Bagger, Schwer-transporter und besorgen
für die Ministranten aus Neibsheim sogar 250 Tonnen Erde. Die
müssen auf einem einfachen Kindergartenhof eine
Erlebnislandschaft gestalten. Weiß eine Gruppe gar nicht mehr
weiter, hilft meist der Aufruf im Radio. Und SWR-Ressortleiter
Thomas Jung freut sich über lauter fröhliche Menschen auf
der Antenne.
Für den BDKJ ist die Medienpartnerschaft mit SWR3 ein absoluter
Glücksfall. Denn der Hörfunk ist wohl das perfekte Medium für
die Aktion. Das Radio läuft beim Buddeln, sagt Marc
Boos vom BDKJ. Und es ist natürlich viel reizvoller, bei
SWR3 anzurufen als im Seelsorgeamt. So viele Anrufe kommen
in Baden-Baden an, dass die Redakteure längst nicht alle senden
können.
Nur die wirklich interessanten und kuriosen Fragen gehen über
den Äther. Wir bauen auf einem Spielplatz neue Geräte
auf. Müssen wir die sicherheitstechnisch abnehmen lassen?
Da ist auch BDKJ-Projektleiterin Rita Kernler überfragt. Sie
sucht in ihren Unterlagen die Telefonnummer eines Rechtsanwalts:
Da könnt ihr mal anrufen.
Schon klingelt es wieder: Der Aktionsbegleiter der KLJB Gaisbach/
Wolfhag aus Oberkirch ist dran. Nicht einmal 24 Stunden nach
Beginn der Aktion, am Freitagnachmittag, gibt seine Gruppe auf.
Sie soll 2222 Energiesparlampen verkaufen. Allerdings scheint
sich kaum jemand dafür zu interessieren: Gerade einmal 222
Stück sind die Jugendlichen bisher losgeworden. Spontan
entscheidet die BDKJ-Diözesanleitung: Wir suchen über SWR3 ein
Ersatzprojekt. Das klappt, schließlich gestalten die KLJBler
einen neuen Grillplatz.
Viele rackern bis zum Aktionsende am Sonntag um 17.07 Uhr. Die
Ministranten aus Bollschweil etwa: Sie müssen einen Schutzzaun
um den Löschteich beim Dekan-Strohmeyer-Haus im Münstertal
bauen. Bis zuletzt sind auch die Ministranten aus Kenzingen
aktiv. Sie leben im Asylbewerberheim drei Tage lang mit Menschen
aus Afghanistan und dem Irak unter einem Dach. Gleichzeitig
errichten sie im Haus eine Telefonzelle für die Asylbewerber.
Am Ende können alle melden: Wir habens geschafft.
Natürlich haben diejenigen, die die Projekte gesucht
haben, darauf geachtet, dass alle Aufgaben in drei Tagen machbar
sind, sagt BDKJ-Diözesanleiterin Rita Kernler. Für den
Fall, dass Gruppen zu früh fertig wurden, hatten die
Verantwortlichen aber noch Aufgaben in der Hinterhand. Denn oft
haben sich viel weniger Leute angemeldet, als tatsächlich
mitgearbeitet haben, weil spontan immer mehr Jugendliche von der
Aktion begeistert waren.
Burkhard Schäfers