Weit voraus
Die Nachricht von der Einladung
von Papst Johannes Paul II. zu einem interreligiösen
Gebetstreffen am 24. Januar nach Assisi hat es in sich.
Vor 15 Jahren, als der Papst zum ersten Mal zu einem Treffen
dieser Art in die Franziskus-Stadt einlud, übrigens gegen
Widerstände innerhalb der vatikanischen Kurie, bewog ihn dazu
die weltweite Diskussion um Nachrüstung, Atombewaffnung,
Friedenssicherung in einer nach Blöcken geteilten und Waffen
starrenden Welt.
Diesmal ist es anders. Die Blöcke gibt es nicht mehr. Die
Waffen, um die es damals ging, werden verschrottet sie
entsprechen nicht mehr der veränderten Bedrohungssituation. Wenn
Kriegsangst herrscht, dann weniger die vor dem einen großen
Krieg, der die ganze Erde bedroht, sondern die vor vielen
kleineren Kriegen, die wieder führbar geworden sind.
Unmittelbarer Anlass der Einladung nach Assisi sind die Lage nach
dem 11. September, die Kriegshandlungen in Afghanistan, die
Spannungen zwischen christlich und islamisch geprägten Teilen
der Welt.
Die Brisanz dieser erneuten Einladung von Johannes Paul II. an
die nichtchristlichen Religionen liegt zum einen wiederum im
Treffen selbst begründet. Auch in der katholischen Kirche gibt
es immer noch manchen, der darin eine inakzeptable Einebnung der
Unterschiede zwischen den Religionen sieht.
Diesmal kommt aber noch ein Weiteres hinzu. Der 11. September hat
die Beziehungen zwischen Christentum und Islam in den Mittelpunkt
des öffentlichen Interesses gestellt. Auch wenn alle sagen, es
handele sich nicht um den viel beschworenen Kampf der
Kulturen das Stichwort ist in der Welt. Und passt es
nicht eben doch irgendwie zu manchem, was die Medien berichten?
Zugleich herrscht in zahlreichen islamischen Staaten eine völlig
inakzeptable Lage der Christen. Manch einer wird daher in der
Gebetseinladung des Papstes vor allem politische Naivität, gefährlichen
Idealismus dem Islam gegenüber sehen.
Man darf jedoch getrost unterstellen: Die geistig-politische
Brisanz der Einladung gerade auch an die Muslime ist dem Papst
sehr bewusst. Und genau deshalb spricht er sie aus.
Hier vertraut jemand auf die verändernde Kraft des Gebetes. Hier
denkt jemand Gott größer, als wir ihn oftmals machen, indem wir
uns ängstlich, wie wir sind, an den Religionsgrenzen ausrichten.
Hier träumt kein weltfremder Romantiker. Hier handelt jemand,
der um die Kraft der Symbole und Zeichen weiß.
Hier mag jemand körperlich gebrechlich sein: Nichtsdestotrotz
ist er voller Kraft im Verfolgen von Visionen, die er heute für
die Welt für unverzichtbar hält. Hier ist jemand der
kirchlichen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit auch bei uns
weit voraus.
Klaus Nientiedt