Weiser, Mahner und Prophet
Zum Tod des Priesters und Schriftstellers Heinrich Spaemann
Heinrich Spaemann, einer der großen geistlichen Schriftsteller im deutschsprachigen Raum, ist im Alter von 97 Jahren in Überlingen gestorben. Mit ihm verliert auch das Erzbistum Freiburg eine seiner profiliertesten Priesterpersönlichkeiten. Der 1903 in einem Dorf am Rande des Ruhrgebiets als Sohn eines liberalen evangelischen Schulrektors geborene Theologe ließ sich keiner der gängigen Strömungen und Richtungen innerhalb der Kirche zuordnen. Vielleicht machte gerade das seine Glaubwürdigkeit aus.
Heinrich Spaemanns Weg zum Glauben
und zur katholischen Kirche verlief alles andere als gradlinig.
Mir ging es wie vielen evangelischen und katholischen
Christen erzählte er vor einiger Zeit in einem Gespräch
mit dem konradsblatt. Ich ließ mit dem Kindsein auch mein
Frommsein hinter mir und habe überhaupt nicht mehr nach Gott
gefragt. Mir tat das überhaupt nicht weh.
In den 20er Jahren, während des Studiums der Kunstgeschichte in
München und Berlin, trat Heinrich Spaemann in die Redaktion der
Sozialistischen Monatshefte ein. Er heiratete die Tänzerin
Ruth Krämer. 1927 wurde der gemeinsame Sohn Robert geboren, der
heute zu den bekanntesten deutschen Philosophen gehört.
Zur Zäsur im Leben Heinrich Spaemanns wurde die plötzliche
schwere Lungenerkrankung seiner Frau. Für beide wurde in den nächsten
Jahren die Frage nach Gott zum beherrschenden Lebensthema. 1930
konvertierte das Ehepaar zur katholischen Kirche. Nach dem Tod
seiner Frau studierte Heinrich Spaemann Theologie. 1942 wurde er
in Münster zum Priester geweiht. Nach dem Krieg wirkte er zunächst
als Pfarrer in Dorsten, später als Kirchenzeitungsredakteur und
Religionslehrer. Seit 1969 lebte Heinrich Spaemann im Erzbistum
Freiburg als Rektor und Seelsorger des Überlinger Vianney
Hospitals für psychisch kranke, behinderte und verlassene
Menschen sowie als geistlicher Schriftsteller.
Heinrich Spaemann hat rund 50 Bücher und Schriften verfasst,
sein Werk Das Prinzip Liebe wurde in mehrere Sprachen
übersetzt. Darüber hinaus mischte er sich freilich auch immer
wieder in umstrittene kirchenpolitische Fragen ein sowie in die
Diskussion um die zukünftige Gestalt der Kirche. Spaemann plädierte
offen für die Weihe von viri probati, von bewährten
verheirateten Männern zu Priestern um der Gemeinden
willen. Wenn eine Gemeinde keine verantwortliche Mitte hat
in einem Priester, dann werden die Leute auch den Sonntag nicht
mehr halten, unterstrich er gegenüber dem konradsblatt.
Der Zölibat gewinnt an Wertschätzung in den Gemeinden,
wenn es zur gleichen Zeit auch verheiratete Priester gibt.
Ebenso stellte Heinrich Spaemann das mitunter ängstlich-autoritative
Verhalten der Kirchenleitung in Frage, die dadurch suchenden und
fragenden Menschen den Zugang zum Glauben schwer mache. Eine
Kirche, die ihre geistliche Macht autoritativ und disziplinär
durchsetze, erinnere an die äußerste Betonung des Gesetzes in
Israel zur Zeit Jesu, schrieb er 1993 in seinem letzten Buch
Was macht die Kirche mit der Macht.
Allerdings: Heinrich Spaemann wollte solche kritischen
Anmerkungen nie als Plädoyer für eine der Gesellschaft
angepasste Kirche verstehen. Im Gegenteil: Im Blick auf die
Zukunft der Kirche verwies er immer wieder ausdrücklich auf das
biblische Bild der kleinen Herde inmitten eines
neuheidnischen Umfeldes. Konsequenterweise sprach er sich auch für
eine schrittweise Abkehr von der flächendeckenden
Sakramentenpastoral und für ein Mindestalter bei der
Firmung von 17 bis 18 Jahren aus. Um der Wahrhaftigkeit des
Vollzugs von Christentum willen, wie er betonte. Die
Chance, dass ein Mensch gläubig wird, nimmt ab, betonte
Spaemann und verwies auf den ungeheuerlichen Einfluss
der Massenmedien auch und gerade auf Kinder.
Der Theologe war überdies von der personalen Existenz einer weltüberlegenen,
widersacherischen Macht überzeugt, die in der Lage ist, die
Psyche des Menschen zu durchdringen und auch viele Christen in
die Praktiken einer gottfernen Welt hineinzuziehen.
Heinrich Spaemann setzte auf kleine, echte Gemeinschaften
innerhalb der Kirche, die sich zusammentun, miteinander beten,
die Bibel lesen und daraus auch praktische Konsequenzen ziehen.
Aus solchen Senfkörnern erhoffte er sich das Wachsen
einer neuen Gestalt des Gottesvolkes. Er selbst schloss sich
bereits Ende der 50er Jahre der Priesterbruderschaft Charles de
Foucauld an. Deren regelmäßige Treffen mit Gebet, Austausch und
Schriftbetrachtung waren für ihn andauernder Neubeginn in
erster Liebe.
Der Tod Heinrich Spaemanns bedeutet für viele nicht zuletzt den
Verlust eines liebevollen und aus der Tiefe der biblischen Texte
schöpfenden Ratgebers. Um den runden Tisch in seinem Überlinger
Arbeits- und Wohnzimmer sammelten sich in all den Jahren immer
wieder Menschen, denen seine Meinung zu Fragen des Glaubens und
der Kirche wichtig war auch Bischöfe. Der frühere
Caritaspräsident Georg Hüssler hält ihn für einen der
großen Weisen dieses Jahrhunderts. Für die Kirche
hierzulande bleibt Heinrich Spaemann auch über den Tod hinaus
ein Prophet und unbequemer Mahner.
Michael Winter