Vor kurzem wurde Domkapitular Alfons Ruf als Leiter der Abteilung Schulen/Hochschulen im Erzbischöfliche Ordinariat verabschiedet (siehe konradsblatt Nr. 45, S. 6). Während seiner 17-jährigen Amtszeit war er nicht zuletzt mit den Fragen des Religionsunterrichts befasst. Im folgenden Interview skizziert Alfons Ruf die Veränderungen der vergangenen Jahre, die gegenwärtigen Problemstellungen und zukünftige Perspektiven.
Chancen für den Religionsunterricht sind gut
Fragen an Domkapitular Alfons Ruf, den langjährigen Leiter der Schulabteilung im Erzbischöflichen Ordinariat
konradsblatt: Herr
Domkapitular Ruf, die Auseinandersetzung um den
Religionsunterricht im Land Brandenburg ist in eine neue Phase
getreten: Das Bundesverfassungsgericht will, dass sich die
streitenden Parteien außergerichtlich einigen. Wie beurteilen
Sie die Situation?
Alfons Ruf: Dass die politisch Verantwortlichen
eines Bundeslandes, in dem nur eine Minderheit der Kinder und
Jugendlichen getauft ist, ein Fach wie LER einrichten, das sich
mit lebenskundlichen Fragen, mit ethischer Orientierung und
religiösen Gesichtspunkten im Sinne einer Information befasst,
kann man grundsätzlich nicht beanstanden. Das Problem ist, dass
die brandenburgische Landesregierung den Religionsunterricht nach
wie vor nicht als ordentliches Lehrfach, sondern nur als
kirchliche Veranstaltung gelten lassen will. Ich kann schwer
einschätzen, wie die Gewichte zurzeit stehen.
Gesetzt den Fall, die Entscheidung fiele gegen den
Religionsunterricht als Wahlpflichtfach aus, befürchten Sie dann
auf lange Sicht Auswirkungen auf andere Bundesländer?
Staatskirchenrechtlich wäre die Sache nicht mehr so klar und
eindeutig. Selbst wenn die Richter formalrechtlich sagen würden,
dass die brandenburgische Regelung nicht auf andere Bundesländer
übertragbar ist. Es geht um die Frage, ob parlamentarische
Vertreter in einem Bundesland zu Recht den Anspruch erheben
können: Was Weltanschauung ist, bestimmen wir oder
ob nach dem Grundsatz zu verfahren ist, dass der moderne liberale
Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren
kann. Ich bin von letzterer Position überzeugt. Der zu
weltanschaulich-religiöser Neutralität verpflichtete moderne
Staat kann nicht und darf nicht die religiöse Orientierung
seiner Bürger schaffen. Auch nicht im Schulwesen. Andererseits
genügt schulische Bildung ihrem Anspruch, junge Leute in einem
ganzheitlichen Sinn zu bilden nicht, wenn sie vor der religiösen
Frage und der bekenntnishaften Bezeugung des Glaubens ausweicht.
Dies wäre ein Verlust und ein Schaden.
Wie beurteilen Sie in Baden-Württemberg das Verhältnis
zwischen Staat und Kirche im Blick auf den Religionsunterricht?
Dieses Verhältnis ist im Sinne einer vertrauensvollen
Partnerschaft konstruktiv und kooperativ, allerdings nicht ohne
Probleme. Staatlicherseits ist jedenfalls in Baden-Württemberg
auf dem Hintergrund eines stark ausgeprägten Interesses an einer
religiösen Lebensorientierung der Kinder und Jugendlichen die
Erwartung an die Kirchen zur Mitwirkung im schulischen
Bildungswesen ausdrücklich gegeben. Insofern werden die Kirchen
in ihrer Aufgabe der Glaubensorientierung, der
Glaubensbegründung und der religiösen Motivierung im
Religionsunterricht unterstützt. Das gilt bei uns in
Baden-Württemberg über die Parteigrenzen hinaus.
Und wo liegen die Probleme?
Wenn jetzt beispielsweise im Zuge der Erstellung neuer
Bildungspläne bestimmte Standards und Qualifikationen benannt
werden, die der Unterricht in den einzelnen Fächern erreichen
sollen, dann mache ich mir Sorgen. Denn zurzeit geht der Trend
eher dahin, auch die Bildungsstandards des Religionsunterrichts
im Vergleich zu den bisherigen Lehrplänen inhaltlich deutlich zu
reduzieren und damit der Gefahr missverständlicher Auslegung und
subjektiv-eigenwilliger Interpretation an den Schulen
auszusetzen. Jedenfalls halte ich es, bei aller Wertschätzung
persönlicher Eigenverantwortung und Eigeninitiative von
Religionslehrerinnen und Religionslehrern, für unverzichtbar,
dass der Religionsunterricht entsprechend Artikel 7.3 unseres
Grundgesetzes den inhaltlich auszuformulierenden Grundsätzen der
jeweiligen Kirche verpflichtet bleibt.
Sie waren seit 1984 Leiter des Schulreferats der Erzdiözese
Freiburg. Seither hat sich vieles verändert. Inwiefern ist der
Religionsunterricht von diesen Veränderungen betroffen?
Früher war die Aufgabe der Religionslehrer und -lehrerinnen
leichter zu umschreiben. Man konnte sagen: Das ist der Lehrplan,
das sind die Unterrichtshilfen, arbeitet damit in den Klassen;
wenn ihr das fachkundig und pädagogisch geschickt macht, werdet
ihr Aussicht auf Unterrichtserfolg haben und die Kinder und
Jugendlichen weiterbringen. Heute ist das schwieriger. Das liegt
vor allem an der Vielschichtigkeit der Adressaten des
Religionsunterrichts. Die Bandbreite religiöser Ansprechbarkeit
bzw. auch der kirchlichen Nähe oder Distanz ist bei heutigen
Schülerinnen und Schüler viel größer als damals.
Gilt das auch für die Bandbreite der Lehrerinnen und Lehrer?
Durchaus. Natürlich zum Teil auch mit positiven
Pendelausschlägen. Wir haben unter den Lehrkräften Leute, die
sich sowohl pädagogisch wie auch als religiöse Erzieher in
einem Maße einbringen, dass man nur sagen kann: allen Respekt.
Aber natürlich schlägt das Pendel auch nach der anderen Seite
hin aus. Das liegt daran, dass manche grundsätzlich unsicher
sind, wie das überhaupt gehen soll religiös bilden und
erziehen in einer Zeit zunehmender Entkirchlichung. Die
Konsequenz ist, dass die Lehrerinnen und Lehrer stärker der
Unterstützung und Begleitung bedürfen. Wir haben in der
Erzdiözese Freiburg für diese Aufgabe neben den
religionspädagogischen Fachleitern und Fachberatern 35
religionspädagogisch kompetente und kirchlich engagierte
Schuldekaninnen und Schuldekane und etwa 20 Schulbeauftragte, mit
wenigen Ausnahmen aus dem Laienstand, gewonnen. Sie halten
Kontakt mit den Religionslehrern, beraten sie, bieten
Unterrichtsbegleitung an und versuchen in Krisensituationen oder
in persönlichen Durchhängesituationen zu helfen.
In der Diözese Rottenburg gibt es an 40 Schulen
Modellversuche für einen ökumenischen Religionsunterricht. Ist
das auch im Erzbistum Freiburg denkbar?
Das ist ein interessantes Projekt. Aber es ist die Frage,
inwieweit der Preis, der bei einer Auflösung der konfessionellen
Gruppe bezahlt wird, nicht doch etwas hoch ist. Wir sind im
Erzbistum Freiburg bisher beim konfessionellen
Religionsunterricht geblieben, in dem meines Erachtens der
Standort des Religionsunterrichts und des Glaubens in der eigenen
Kirche eindeutiger zum Tragen kommt. Wir haben aber in der
Oberstufe des Gymnasiums Ansatzpunkte einer stärkeren Vernetzung
mit den Evangelischen bis hin zu der Entwicklung künftiger
Neigungskurse in der Verantwortung eines der beiden
Religionslehrer mit konfessionell gemischten Gruppen. Und wir
sind natürlich an der wissenschaftlichen Auswertung der Projekte
in Rottenburg interessiert. Wenn sich daraus wichtige Impulse
ergeben, werden wir gute Anregungen gerne aufgreifen. Im Übrigen
wird an unseren Schulen weithin auch der konfessionell
katholische und evangelische Religionsunterricht in
konfessioneller Gebundenheit und ökumenischer Offenheit erteilt.
In den zurückliegenden Jahren ist auch die ökumenische
Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der evangelischen
Landeskirche in Baden und in Württemberg intensiver geworden.
Die Leiter der Schulabteilungen der evangelischen und
katholischen Kirchenbehörden treffen sich etwa alle sechs Wochen
zu einer ganztägigen Konferenz.
Wie beurteilen Sie die derzeitigen Bemühungen um die
Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes in
Baden-Württemberg?
Es gibt die Grundsätze der Religions- und Gewissensfreiheit, und
es gibt unter dem Aspekt der Gleichheit der Bürger vor dem
Gesetz ein Grundrecht, das auch die religiöse Bildung und
Erziehung, etwa von Muslimen, an der Schule beinhaltet. Aber die
Rahmenbedingungen müssen stimmen. Die in unserem Staat für
Bildung und Erziehung politisch Verantwortlichen brauchen
konkrete Ansprechpartner auf islamischer Seite. Voraussetzung
für einen solchen Unterricht wäre ein Lehrplan, der mit unserem
Grundgesetz vereinbar ist und mit den staatlichen
Bildungsbehörden verlässlich abgesprochen und in der
Unterrichtspraxis verlässlich eingehalten wird. Sollten diese
Kriterien erfüllt sein, würde ich das sehr begrüßen. Aber es
ist kein ganz einfacher Weg angefangen von der Tatsache,
dass es nach islamischem Verständnis keine eindeutige Trennung
von Kirche und Staat gibt.
Wie entwickeln sich die Zahlen bei den Religionslehrern? Ist
der Bedarf gedeckt oder könnte dieser Beruf zum Mangelberuf
werden?
In der Tat macht uns die Entwicklung der Zahlen der Studierenden
für das Lehrfach Theologie/Religionspädagogik an den
Pädagogischen Hochschulen in Heidelberg, Karlsruhe und Freiburg
sowie an der Theologischen Fakultät Freiburg große Sorgen.
Deshalb ist mit personellen Engpässen beim Religionsunterricht
in Zukunft noch stärker zu rechnen wie bisher. In den letzten
Jahren ist es uns gelungen, eine positive Entwicklung
einzuleiten: kirchlich engagierte Männer und Frauen, die den
Würzburger Theologischen Fernkurs oder den Theologischen Kurs
des Freiburger Instituts für pastorale Bildung sowie einen
eineinhalbjährigen religionspädagogischen Kurs absolviert
haben, übernehmen in zunehmender Zahl Verantwortung im
Religionsunterricht, vor allem an den Grund- und Hauptschulen. In
einer Zeit, in der die pastoralen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter mit einer geringeren Stundenzahl im
Religionsunterricht vertreten sind, sind diese Leute eine echte
Entlastung.
Wie beurteilen Sie die zukünftige Stellung und die
Attraktivität des Religionsunterrichts an den staatlichen
Schulen?
Ich bin nicht der Auffassung, dass die äußeren Voraussetzungen
für den Religionsunterricht heute schlechter sind als früher.
Im Gegenteil: Es besteht ein ausdrückliches, allerdings breit
gefächertes religiöses Interesse. Das war vor 20 Jahren nicht
so ausgeprägt. Daran anzuknüpfen ist ein ganz wichtiges Ziel
und Anliegen des Religionsunterrichts. Und die Chancen dafür
sind zurzeit ganz gut. Nach wie vor gilt: Wenn der
Religionsunterricht in kirchlicher Loyalität von persönlicher
Glaubensüberzeugung, unterrichtlicher Kompetenz und von einer
großen Liebe zu den jungen Menschen geprägt ist, dann hat er
und ist er zugleich eine große Chance sowohl für Bildung und
Erziehung an den Schulen als auch für die Kirche in ihrem Dienst
an der Welt von heute.
Interview: Michael Winter