Vor drei Wochen, am 15. Februar 2001, feierte der Freiburger Fundamentaltheologe Hansjürgen Verweyen seinen 65.Geburtstag. In Fachkreisen gilt Verweyen als einer der profiliertesten, originellsten, mitunter auch umstrittenen Vertreter seines Faches. Ziel seiner Arbeit ist nicht zuletzt eine Neukonzipierung seines Faches, der Fundamentaltheologie.

„Glaube und Vernunft“

Der Freiburger Fundamentaltheologe Hansjürgen Verweyen wurde 65 Jahre

Nach Studien in katholischer Theologie, Philosophie und Germanistik begann der aus dem Rheinland stammende Verweyen seine wissenschaftliche Laufbahn 1967 an der University Notre-Dame/Indiana in den USA. Unter Joseph Ratzinger wurde er 1969 zum Dr. theol. mit der Arbeit „Ontologische Voraussetzungen des Glaubensaktes. Zur Frage nach der transzendentalen Möglichkeit von Offenbarung“ promoviert.
Seine denkerische Auseinandersetzung kreiste immer um die Frage, wie von einem „ein-für-allemal“ der Offenbarung auf rationale (vernünftige) Weise gesprochen werden kann. Wie kann vor dem Forum kritischer Vernunft der Akt des Glaubens an ein geschichtliches Geschehen „mit Endgültigkeitscharakter“, das Christusgeschehen, verantwortet werden?

Am Anfang steht das Staunen

In seiner Doktorarbeit untersuchte Verweyen die Tragweite der bisherigen fundamentaltheologischen Argumentationsverfahren, die maßgeblich von der so genannten „Marechal-Schule“ geprägt wurden. Im Rückgriff auf Hans Urs von Balthasar und Gustav Siewerth erblickte Verweyen im „Staunen“, einem Akt menschlicher Vernunft, der dem Fragen und Urteilen vorausliegt, die Kategorie, die eine Offenheit des Menschen auf Offenbarung philosophisch beschreibt.
Verweyens Denkweg ging aber weiter. In den siebziger Jahren wandte er sich der Philosophie Fichtes zu und wurde an der Universität München mit der Arbeit „Recht und Sittlichkeit in Johann Gottlieb von Fichtes Gesellschaftslehre“ habilitiert. Im Bildbegriff des späten Fichte entdeckte Verweyen die philosophische Möglichkeit, von einem Unbedingtheitsgeschehen in der Geschichte zu sprechen, wie es der Glaube an die geschichtliche Person Jesus Christus ja bekennt.
1975 nahm Verweyen einen Lehrstuhl für Systematische Theologie und ihre Didaktik an der Universität Essen an. 1984 erfolgte ein Ruf als Nachfolger von Adolph Kolping auf den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie der Universität Freiburg, wo Verweyen bis heute lehrt.
Die Vielfalt des Forschens von Verweyen lässt sich nicht übersehen. Besonders vertieft hat er sich dabei unter anderem in das Werk von Maurice Blondel, Anselm von Canterbury, Albert Camus, deren Werke er zum Teil herausgab. Systematische Schwerpunkte waren neben der Frage nach der rationalen Verantwortung des christlichen Glaubens und der Eschatologie, die Auseinandersetzung mit der historisch-kritischen Exegese, auf deren Grenzen für die Fundamentaltheologie er immer hinwies.
Seit Anfang der 80er Jahre zog ein weiteres Thema die fundamentaltheologischen Debatten an sich: Verweyen stellte die Frage nach dem Grund des Osterglaubens und wies die Unhaltbarkeit eines Osterglaubens auf, der allein übernatürliche Erscheinungen nach dem Tod Jesu als Basis hat. Die damit in Gang gesetzte Diskussion ist bis heute noch nicht abgeschlossen.
Mit seinem Fachkollegen Thomas Pröpper von der Universität Münster erhob er Anfang der 80er Jahre die Forderung nach einer erstphilosophischen Reflexion im Rahmen der Fundamentaltheologie. Die allseits um sich greifende, alles relativierende Hermeneutikwelle in den Geisteswissenschaften stelle, so Verweyen, die christliche Glaubensverantwortung vor unüberwindliche Schwierigkeiten, wenn diese nicht mit einer ersten Philosophie zusammenarbeite. Erste Philosophie zu betreiben heißt für Verweyen, die elementaren Konstitutionsmomente menschlicher Vernunft so zu ermitteln, dass Verstehen, also Hermeneutik, überhaupt recht gelingen kann.
Zu Verweyens Geburtstag wurde Mitte Februar mit großer Resonanz in der Katholischen Akademie in Freiburg eine Tagung veranstaltet, die diese schwierige Debatte aufgriff und von vielen Seiten her beleuchtet hat.

Vernunft und Glaube gehören zusammen

Darüber hinaus hat diese Veranstaltung auch die Fruchtbarkeit des Verweyenschen Denkens bewiesen, aus dessen „Schule“ zahllose Theologen und Theologinnen hervorgingen, die an Deutschlands Universitäten Lehrtätigkeiten nachgehen.
Ergebnis aller Forschungen Verweyens ist sein 1991 in erster Auflage erschienenes Buch „Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie“ (Verlag Pustet, Regensburg). Es ist ein in weiten, internationalen Kreisen diskutiertes, aber nicht einfaches Werk, das dem Studenten wie dem gebildeten Laien „Futter für endlose Diskussionen“ sein kann. Dieses fundamentaltheologische Standardwerk zeugt von der Akribie und Unermüdlichkeit des Verweyenschen Denkens und beschenkt einen nach der Lektüre mit dem Wissen, dass sich ein „kritisches Denken des Glaubens“ lohnt und dass Vernunft und Glaube nicht „zwei Züge sind, die auf verschiedenen Gleisen fahren“.
Im letzten Jahr kam „Gottes letztes Wort“ in dritter und überarbeiteter Auflage auf den Markt. Kleinere Publikationen Verweyens, wie „Botschaft eines Toten?“ von 1998 (Verlag Pustet, Regensburg) oder „Theologie im Zeichen der schwachen Vernunft“ (Verlag Pustet, Regensburg) aus dem letzten Jahr können Interessierten einen „unproblematischeren“ Zugang zu seinem Denken bieten.

Thomas Alferi