Verreisen mit der Jugendgruppe – für viele Kinder ist das ein fester Bestandteil der Sommerferien. Aber ist die Existenz kirchlicher Jugendfreizeiten gesichert? Kommerzielle Reiseveranstalter sind eine wachsende Konkurrenz zu Angeboten der Jugendverbände.

Heimweh nach dem Lager

Das Interesse an kirchlichen Jugendfreizeiten im Bistum ist ungebrochen

Vier Busse stehen vor der  Realschule in Elzach. Eltern schleppen Koffer und Taschen heran, Jugendliche laden Kisten mit Marmelade, Nudeln, Konservendosen ein, Kinder rennen durcheinander. Gleich geht sie los: Die Sommerfreizeit der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) Elzach. 141 Teilnehmer und 38 Gruppenleiter fahren zum Brünigpass im Berner Oberland. Das Elzacher Lager ist eines der größten in der Erzdiözese Freiburg.
„‘s Lager“, das ist für die allermeisten, die schon einmal dabei waren, etwas ganz Besonderes. „Wer einmal miterlebt hat, wie sich aus einer bunt gemischten Gruppe zu Beginn in kürzester Zeit eine große Gemeinschaft, ja fast eine Familie entwickelt hat, mit gemeinsamen Geschichten, Liedern und Erfahrungen, der wird dieses Erlebnis nicht wieder vergessen und weiß, wie schmerzhaft „Heimweh nach dem Lager“ sein kann, schreibt Martin Rück, Gruppenleiter der KJG Merzhausen-Au (Dekanat Freiburg) in einem Beitrag für die Zeitschrift „Lebendige Seelsorge“. Gleichzeitig fragt er: „Welche Zukunftschancen hat eine solche Sommerfreizeit überhaupt noch?“ Es gibt immer mehr Alternativen für Jugendliche, Freizeit und Urlaub zu gestalten. Reisebüros locken mit „Fun-, Action- und Adventure-Urlaub“ in Italien, Südfrankreich oder auf den Kanaren – „Surfen, Tennis und Ausflüge inklusive“. Außerdem gibt es Reiseveranstalter, deren Angebote sich ausschließlich an Jugendliche richten. „Natur zum Anfassen und Genießen. Dazu 100 Prozent Gruppenfeeling und 200 Prozent Spaß“ verspricht etwa RUF Jugendreisen. „Jugendliche wollen Qualität – also das Drei-Sterne-Hotel und die deutsche Airline – und ein vielfältiges Programmangebot“, erklärt RUF-Sprecher Thomas Gehlen.
Kann das Programm einer kirchlichen Freizeit überhaupt mithalten, wenn ein kommerzieller Reiseveranstalter etliche Sportmöglichkeiten, Animation und Mitmachprogramme zur Auswahl im Angebot hat? RUF-Sprecher Gehlen: „Die konfessionellen Anbieter haben noch nicht erkannt, dass Jugendliche mehr erwarten, weil sie aus dem Urlaub mit den Eltern einen hohen Standard gewohnt sind.“
Tatsächlich ziehen die wenigsten kirchlichen Veranstalter den Schluss: Dann müssen wir eben auch ein „Megaevent“-Lager anbieten. Der Segelturn auf Sylt bleibt die Ausnahme. Immerhin können auch KJG, Ministranten und Pfadfinder mit Pfunden wuchern: Im Gegensatz zu kommerziellen Veranstaltern haben sie in den Gruppenstunden das ganze Jahr über Kontakt zu ihrer Zielgruppe. Außerdem waren die meisten Gruppenleiter selbst jahrelang Teilnehmer und wissen, was den Jugendlichen Spaß macht: Geländespiele, Basteln, Sport, Party, Spielshows wie „Wetten dass“ oder „Dingsda“, Schwimmbadbesuch, Theater – die Liste ist zufällig und lässt sich beliebig fortsetzen. Und: „Die Unterschiede in der Resonanz auf ein lieblos vorgetragenes Animationsprogramm und eine Spielshow mit einem Showmaster, der seine Rolle liebt und darin aufgeht, sind kaum in Worte zu fassen“, so Martin Rück.
Das scheint anzukommen: „Die Zahl der Jugendfreizeiten in der Diözese ist konstant hoch“, sagt Michael Rodiger-Leupolz, bis vor kurzem Leiter des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Freiburg. Freizeiten, die nicht stattfinden können, weil sich zu wenig Teilnehmer anmelden, sind die Ausnahme. Und es gibt sogar Pfarreien, die gar nicht so viele Kinder und Jugendliche mitnehmen können, wie gerne mitgehen würden. Das ist vor allem da der Fall, wo Teilnehmer ihren Freunden vorschwärmen, wie toll das vergangene Lager war und wie sehr sie sich das nächste herbeisehnen – „Heimweh nach dem Lager“.
Was macht ein Sommerlager aus? Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. „Die einzelnen Freizeiten sind sehr unterschiedlich“, so Rodiger-Leupolz. „Aber alle haben auf ihre Art ein interessantes Programm und sie sind offen für jeden.“ Also auch für die, deren Eltern ihren Kindern den 1000 Mark teuren Erlebnisurlaub am Mittelmeer nicht bezahlen können. Und natürlich unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Das soziale Miteinander spielt eine große Rolle, die meisten Gruppenleiter machen sich intensiv Gedanken, wie sie Außenseiter in die Gruppe integrieren können. Und auch religiöse Elemente kommen vor: Morgen-Impuls, Tischgebet, Feldgottesdienst, die Diskussion über die Frage „Wie gehen wir miteinander um?“ Selbst wenn Beten, Gottesdienst und Thematik bei den Jugendlichen eher unbeliebt sind: Beim Ziel, „mit den Teilnehmern gemeinsam etwas Neues zu erschaffen – zusammen ein Lager mit seiner ganz eigenen, einmaligen Identität entstehen zu lassen“ (Rück), spielen christliche Werte auch unbewusst eine Rolle.
So unterschiedlich die Freizeiten sind, sie haben doch einiges gemeinsam: „Beständigkeit und Idealismus, starke Nerven, kurze Nächte, Lautstärke und ab und zu Chaos, Überlebenstraining und gute Kameradschaft, Heimweh und andere Weh-Wehchen, Improvisationsgabe und Organisation, Berge von schmutzigem Geschirr, das Kennenlernen neuer Menschen und Gegenden ...“ – der Elzacher Pfarrer Hans-Jürgen Decker kommt gar nicht zum Ende. Seine Aufzählung zeigt, dass ein Jugendlager jede Menge Arbeit macht – vorher, währenddessen und danach. Trotzdem gibt es beinahe überall ausreichend Gruppenleiter, „sogar eher zu viele“, so Michael Rodiger-Leupolz. Eine Motivation ist sicherlich, dass „viele Leiter dankbar etwas von der Freude und dem Erlebnis zurückgeben, das sie als Teilnehmer früherer Lager selbst erfahren durften“, meint der Elzacher Bürgermeister Michael Heitz.
Wichtig ist die Freiheit, die die meisten Hauptamtlichen den jungen Erwachsenen bei der Vorbereitung lassen. Das bestätigt der Bühler Pastoralreferent Nikolaus Wisser, früher Gruppenleiter in Elzach: „Man traute uns etwas zu, wir durften auch Fehler machen und sind in manches Fettnäpfchen getreten.“ Das Küchenteam bemerkt beim Anrichten des Abendessens, dass kein Brot mehr da ist, die ganze Gruppe verpasst nach dem Ausflug den letzten Zug zurück, die Gruppenleiter verlaufen sich bei einer Wanderung, der Lagerleiter stellt am letzten Tag fest, dass Gepäck und Material überhaupt nicht in die Reisebusse passen ... die Liste der schönsten Pannen ist unendlich lang. Auch wenn es für den Moment jede Menge Nerven kostet, noch Jahre später werden diese Geschichten immer wieder erzählt.
„Unprofessionell“, schimpfen manche Eltern. Und haben trotzdem nichts dagegen, wenn sie ihr Kind für 300 Mark zehn Tage in Urlaub schicken können. Das ist nur möglich, weil die Gruppenleiter im Gegensatz zu den Animateuren der kommerziellen Reiseveranstalter keinen Pfennig bekommen, erklärt Michael Rodiger-Leupolz: „Als Dank gibt es meistens ein Pizza-Essen.“ Immerhin bereitet der BDKJ die Gruppenleiter auf die Verantwortung vor, die sie für die Teilnehmer haben. Auf Grundkursen lernen sie den Umgang mit problematischen Jugendlichen, rechtliche Vorschriften oder Erste Hilfe bei Unfällen. Die Betreuer müssen sich sogar mit dem Lebensmittel-Hygiene-Gesetz oder der Personenbeförderungsregelung auseinandersetzen. Hohe Erwartungen, die in die jungen Ehrenamtlichen gesetzt werden. Und die sie trotzdem gern in Kauf nehmen. Weil sie das „Besondere“ – das Gemeinschaftsgefühl – nicht missen möchten, von dem viele Teilnehmer noch Wochen nach dem Lager schwärmen. Ebenso wenig wie das Erlebnis, nach der Rückkehr verheulte Kinder zu trösten, die Heimweh nach dem Lager haben. Nicht wenige Gruppenleiter können dabei die eigenen Tränen nur mühsam zurückhalten.

Burkhard Schäfers