Vergangenes Jahr kamen bei der Aktion Dreikönigssingen 58,3 Millionen Mark Spenden zusammen. Über eine halbe Million Kinder sind in diesen Tagen wieder als Sternsinger in Deutschland unterwegs. Sie sammeln Geld, damit Gleichaltrige in Entwicklungsländern eine bessere Bildung bekommen als bisher.
Von der Villa ins Asylbewerberheim
Das Dreikönigssingen ist die weltweit größte Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder
Wenn am 6. Januar früh-morgens
Kinder aufgeregt durcheinander wuseln, Mütter versuchen,
wenigstens halbwegs Ordnung in das Chaos der prächtigen Königsgewänder
zu bringen und ein
paar Jugendliche mit schwarzer Schminke parat stehen, um dem
Caspar seine richtige Hautfarbe zu verpassen, dann ist keine
Zeit, darüber nachzudenken, dass sich gerade jetzt in unzähligen
Pfarreien in ganz Deutschland ziemlich ähnliche Szenen
abspielen. Erst recht ist keine Zeit, um über Zahlen
nachzudenken: Über eine halbe Million Kinder und Jugendliche
sind unterwegs in 13 000 katholischen Pfarreien, unterstützt von
80 000 ehrenamtlichen Erwachsenen, jährlich über 50 Millionen
Mark Spenden, insgesamt über eine Milliarde Mark in gut 40
Jahren. Das Dreikönigssingen ist die weltweit größte Solidaritätsaktion
von Kindern für Kinder.
In vielen Pfarreien werden die Sternsinger am 6. Januar am Ende
des Festgottesdienstes ausgesandt. Dann ziehen sie wieder durch
die Straßen, klingeln an den Häusern, um die
Weihnachtsbotschaft zu verbreiten. Und natürlich, um Geld zu
sammeln für Gleichaltrige in der so genannten Dritten Welt.
Funduzenzele Lernen und Handeln, damit Kinder heute
leben können. Unter diesem Motto steht die 43. Aktion
Dreikönigssingen 2001. Schwerpunktland ist diesmal Südafrika.
Es geht also um Bildung. Kinder sollen in die Lage versetzt
werden, mit den Fragen und Problemen fertig zu werden, die ihr Überleben
und Wohlbefinden betreffen, erklärt Pfarrer Rolf-Peter
Cremer, Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen
Jugend (BDKJ). Dazu müssen sie sich etwa auskennen in den
Bereichen Gesundheit, Ernährung und Hygiene. Als Gefahren
nennt Cremer, dass Kinder ausgebeutet werden, an Aids erkranken
oder dass Mädchen ungewollt schwanger werden.
Armut, Unbildung, Arbeitslosigkeit
In Südafrika können nach Angaben des Education Africa
Forum über die Hälfte der Schwarzen nicht lesen und
schreiben. Diejenigen, die viele Stunden täglich arbeiten müssen,
haben keine Zeit, zur Schule zu gehen. Um aus dem Teufelskreis
Armut, Unbildung, Arbeitslosigkeit auszusteigen, sei
aber eine angemessene Schulbildung nötig, so der BDKJ und das
Kindermissionswerk, die die Stern-singeraktion organisieren.
Im Erzbistum Freiburg ist das Partnerland Peru seit 14 Jahren
Projektschwerpunkt für die Aktion. In dieser Zeit haben die
Freiburger Sternsinger über 55 Millionen Mark gesammelt, knapp
elf Millionen Mark gingen nach Peru, erklärt Rainer Moser-Fendel
vom Erzbischöflichen Jugendamt. In Peru würden vor allem
Gesundheitsprogramme und Ausbildungsstätten finanziell unterstützt.
Mittlerweile sind in fast jeder Pfarrei im Bistum Freiburg die
Heiligen Drei Könige unterwegs, im Jahr 2000 beteiligten sich
1068 von 1084 Pfarreien an der Aktion.Vergangenes Jahr kamen in
der Diözese 5,46 Millionen Mark zusammen, wieder ein
Rekordergebnis. Das war die zweitgrößte Summe aller Bistümer,
nur in Rottenburg-Stuttgart sammelten die Sternsinger noch mehr
6,67 Millionen Mark. In ganz Deutschland ersangen
Kinder und Jugendliche die Rekordsumme von 58,3 Millionen Mark.
Zum Vergleich: Die Adveniat-Aktion 2000 brachte rund 127
Millionen Mark ein.
Organisiert wird das Dreikönigssingen fast überall von
Ehrenamtlichen, meistens aus dem Kreis der Ministranten, so
Rainer Moser-Fendel. Außerdem sind viele Erwachsene engagiert,
sie nähen Gewänder, proben die Lieder mit den Kindern und
begleiten sie in den Tagen um den 6. Januar auf ihrem Weg von
Haus zu Haus.
Auch Andersgläubige werden besucht
Übrigens: Nicht überall klingeln die Sternsinger wirklich an
jeder Wohnung. In manchen Pfarreien werden alle Katholiken
besucht, anderswo gibt es Listen mit Leuten, die sich vorher im
Pfarrbüro gemeldet haben. Obwohl eigentlich eine katholische
Aktion, werden seit Jahren auch evangelische und andersgläubige
Familien besucht. Und viele Kinder bringen ihre evangelischen
Freunde zur Liederprobe mit, die dann auch ins königliche Gewand
schlüpfen.
Auf ihrem Weg durch den Ort treffen die Sternsinger auf
unterschiedlichste Menschen. Sie singen im Altenheim, in der
Kneipe, beim Neujahrsempfang im Rathaus, in der
Asylbewerberunterkunft, in der Villa des Ehrenbürgers, im
Hausflur der alten Frau. Entsprechend unterschiedlich sind auch
die Reaktionen der Besuchten: Hier werden die Sternsinger
hereingebeten und dürfen sich vor den Christbaum stellen, dort
singen sie vor der Haustür, die gerade mal einen Spalt geöffnet
ist. Manchmal werden die Heiligen Drei Könige mit heißem Kakao
und Plätzchen bewirtet, bekommen Schokolade und Orangen als
Wegzehrung. Dann wieder müssen sie sich unterwegs Sprüche anhören:
Sammelt mal schön weiter, von mir kriegt ihr nichts!
oder Ja ist denn schon Fasnacht?! Es kann vorkommen,
dass Leute den Sternsingern auf der Straße begegnen, sie um ein
spontanes Ständchen bitten. Und sicherlich nicht leicht zu
verstehen ist es für die Kinder, wenn ein einsamer alter Mann
bei ihrem Gesang in Tränen ausbricht.
Eine Gruppe aus Rheinstetten bei Karlsruhe hat sogar ein ganz
besonderes Erlebnis hinter sich: Am Dienstag vor Weihnachten war
sie beim Bundeskanzler, gemeinsam mit anderen Kindern aus ganz
Deutschland, denn aus jedem Bistum wurde für den Empfang eine
Gruppe ausgelost. Ihre Zeichen 20 * C + M + B * 01
durften sie dabei auch am Kanzleramt hinterlassen. Christus
Mansionem Benedicat Christus segne diese Wohnung.
Das betonen die Erwachsenen oft mehrmals, damit kein Sternsinger
auf die Idee kommt zu erklären, die Buchstaben stünden für die
Namen der Könige Caspar, Melchior und Balthasar.
Vielleicht der einzige Haken an der Erfolgsgeschichte: Die
inhaltliche Bedeutung des Dreikönigssingens spielt in vielen
Pfarreien eine eher untergeordnete Rolle. Etwas mehr als
,Wir sammeln für arme Kinder sollten die Sternsinger doch
erklären können, wünscht sich Rainer Moser-Fendel. Dazu
wäre es nötig, sich in der Adventszeit auch einmal mit der
Situation im Schwerpunktland zu beschäftigen. Bloß, wer hat
dazu auch noch Zeit, wo die Kinder schon ihre Lieder und Texte üben,
Gewänder anprobieren und sich in Gruppen einteilen müssen.
Eine Gratwanderung: Einerseits dürfen wir die Kinder nicht
mit Informationen über Entwicklungspolitik und die liturgische
Bedeutung der Sternsinger überfrachten, sagt Moser-Fendel.
Andererseits wünscht er sich manchmal etwas mehr Stil bei der
Sache: Die Kinder sollen wissen, dass sie nicht Theater
spielen. Spaß darf es trotzdem machen, betont Rainer
Moser-Fendel. Und was die Informationen über das Schwerpunktland
anbelangt: Warum nicht einen Zettel an die Spender verteilen, der
erklärt, wofür das Geld verwendet wird.
Und vielleicht auch, woher eigentlich der Brauch des Sternsingens
kommt. Schon im Mittelalter zogen Sternsinger als die Drei Könige,
wie sie im Matthäus-Evangelium beschrieben werden, von Haus zu
Haus. Sie erzählten die Geschichte der Weisen und baten um
Gaben. Dieses Betteln wurde mehrfach verboten,
dennoch verbreitete es sich in verschiedenen Varianten. 1958
griff das Kindermissionswerk seit 1961 zusammen mit dem
BDKJ den Brauch wieder auf mit den entwicklungspolitischen
Zielen, die bis heute gelten. Dabei geht es nicht nur um die
materielle Hilfe für Kinder in der Dritten Welt. Die Kinder, die
hier als Sternsinger unterwegs sind, sollten sich auch der
Ungerechtigkeiten bewusst werden, wünscht sich der Präsident
des Kindermissionswerks, Pfarrer Winfried Pilz: Gemeinsam
mit den Kindern auf anderen Kontinenten müssen wir selbst neu
buchstabieren lernen das Alphabet einer menschlicheren
Welt für alle.
Burkhard Schäfers