Vereintes Europa, die Erste
Das Gemeinsame europäische Haus entstand um 1000
Europas Mitte um 1000 ist das Thema der 27. Ausstellung des Europarats, die nach Berlin nun im Mannheimer Reiss-Mu-seum zu sehen ist. Unter der Schirmherrschaft der Präsidenten Polens, Tschechiens, Ungarns, der Slowakei und Deutschlands werden die Grundlagen eines gemeinsamen, vereinten Europas gezeigt.
Herrscher brauchen Legitimationen.
Erst recht, wenn sie Mittel- und Osteuropa in einem neuen
christlichen Universalreich vereinigen wollen. Otto III.
(980-1002), König der Deutschen, wusste, welche Mythen er bemühen
musste, um seine Idee der Vereinigung halb Europas unter dem
Kreuz zu rechtfertigen. Man nehme einen prominenten Fürsprecher,
zum Beispiel Karl den Großen. Auf ihn und sein christliches Großreich
beruft sich der junge Otto. Immerhin will er nicht weniger, als
ein Reich mit Rom als Hauptstadt und Polen, Ungarn und Böhmen
als verbündeten Königreichen.
Weiterhin braucht man eine verbindende Idee und Verbündete. Der
für seine Zeit ungewöhnlich gebildete junge König greift dazu
auf Christentum und Antike zurück. Die Heiden in Osteuropa
sollten von oben herab missioniert werden: Otto III. verbündete
sich mit Stephan I. von Ungarn und Boleslaw Chrobry von Polen, Könige
der neuen christlichen Herrschaften in Osteuropa. Das war nicht
einfach nur Politik. Hier wurden Reiche gegründet, die Ost- und
Mitteleuropa bis heute seine Struktur geben. Nicht, weil Otto mit
seinem Universalreich Erfolg gehabt hätte. Dessen Scheitern ist
nicht das Thema der Ausstellung. Aber weil er mit Christentum und
Antike Geister beschwor, die bis heute die gemeinsame Kultur
Europas prägen.
Die Ausstellung im Reiss-Museum zeigt, wie geschickt Otto III.
seine Idee einer renovatio imperii Romanorum, einer
Wiederherstellung des Römischen Reiches unter
christlichen Vorzeichen propagierte.
Wer im Mittelalter für sich werben wollte, brauchte zwei Dinge:
Macht und Bilder. Wer das eine nicht hatte, konnte das andere
nicht lange behalten. Also brachte Otto III. zunächst die Klöster
auf seine Seite, denn sie waren die Medienproduzenten
der dark ages (dunkles Zeitalter, englisch für
Mittelalter).
Zum Beispiel das Kloster Reichenau. Die Mönche erhielten das
Privileg, die Dalmatik zu tragen, das waren mit Purpurstreifen
versehene Gewänder, die sonst nur Bischöfe und Diakone tragen
durften. Dafür lieferten sie dem Kaiser die Schriften, vor allem
aber die Bilder, die er brauchte. In einer berühmten Handschrift
aus dieser Schule findet sich das Bild der Otto huldigenden
Provinzen (siehe oben). Der in Antike und christlicher Überlieferung
gleichermaßen gebildete Kaiser baute sich ein Image als
christlicher Nachfolger der römischen Kaiser auf.
Den Ausstellungsmachern gelingt es, dieses Herrschaftsprogramm
Ottos in vielen beeindruckenden Gegenständen zu
veranschaulichen. Bezeichnend auch die Heilige Lanze, die Otto
III. dem neuen christlichen Polenkönig überreichte (oben
rechts). In der Waffe, die einen Nagel vom Kreuz Christi
enthalten soll, verbinden sich kriegerischer Eroberungswillen und
christlicher Missionsgedanke.
Daneben besann der Kaiser sich auf die Antike. Ein Astrolab, eine
Art mannshohe Sonnenuhr, fasziniert den Betrachter noch heute.
Auch die Insignien der neuen christlichen Mächte im Osten, der
Polen, Böhmen und Ungarn zeigt die Schau, daneben eine Vielzahl
von Gegenständen aus dem Alltagsleben. Schmuck, Eisenmünzen und
sakrale Kunst wie Kelche und Kreuze.
Die Welt der Heiden, der noch nicht Bekehrten im
Osten, kommt dagegen nur am Rande vor. Hier faszinieren kleine
Taschengötter und eine knapp drei Meter hohe Statue eines
heidnischen Gottes mit vier Gesichtern. In einer Ecke steht eine
rohe Steintafel. Die christlichen Missionierer haben auf ihr das
Gesicht eines heidnischen Gottes ausgemeißelt. Ganz ohne Kollateralschäden
wurde auch diese große Vision der Weltgeschichte nicht
umgesetzt.
Die Ausstellung zeigt die faszinierende Kraft mittelalterlicher
Visionen, die Europa eine gemeinsame Grundlage gaben. Wenn die EU
nach Osten erweitert wird, wird sich dieser Kreis schließen.
Markus Vollstedt