Unter einer Decke?
Der 11. September bezeichnet einen
Einschnitt. Vieles ist nachher nicht mehr so wie vorher.
Eines der viel zitierten Worte, die diesen Vorgang mit seiner
Bedeutung weit über New York und Washington hinaus einordnen
wollen, ist das vom Ende der Spaßgesellschaft.
Sieht nicht vieles tatsächlich danach aus? Das Leben der
Menschen das mussten gerade die Menschen in den westlichen
Ländern erfahren besteht nicht nur aus fun
und Spaß haben, wann wurde dies deutlicher als in
den letzten Wochen? Der Eindruck eines Bösen, das dem Zugriff
der Menschen guten Willens weithin entzogen ist, irritiert. Plötzlich
wird möglich, was man sich bisher nur zu denken getraut hat.
Wann erfahren sich Menschen so sehr als Lebens-Gemeinschaft wie
im Angesicht des schier Unausdenklichen?
Doch auch wenn das so ist: Man sollte gerade im kirchlichen Raum
das Wort vom Ende der Spaßgesellschaft nicht zu leichtfertig
nachsprechen. Die Kirchen neben den Parteien, den großen
gesellschaftlichen Interessenverbänden und
Weltanschauungsgruppen gehören zu den Verlierern einer
Entwicklung, die man verkürzend als die Entwicklung zur Spaßgesellschaft
bezeichnet. Gerade weil das so ist, könnte es so aussehen, als
seien tragische Ereignisse wie die der vergangenen Wochen den
Kirchen gerade recht, um die eigenen Themen und vor allem sich
selbst wieder ins öffentliche Gespräch zu bringen.
Nichts wäre verheerender als ein solcher Eindruck. Selbst wenn
die Not tatsächlich beten lehren sollte, so lässt sich der
Beter in seinem Engagement gegen die Not und in seiner Freude über
erreichte Entwicklung und Befriedung von Niemandem übertreffen.
Christen stecken mit dem Bösen nicht unter einer Decke, in der
zweifelhaften Hoffnung, von der einen oder anderen Folgewirkung
des Bösen vordergründig profitieren zu können.
Und ein weiteres Argument gilt es zu beachten: Wenn der Begriff
der Spaßgesellschaft nicht als billiges Schlagwort
verwendet wird, sondern als ein Begriff, mit dem man versucht,
grundlegende Veränderungen unserer Kultur und Gesellschaft auf
den Punkt zu bringen, dann sind die Ursachen und Gründe dafür
natürlich auch mit dem 11. September nicht einfach verschwunden.
Mit dem 11. September ist nicht alles anders geworden, selbst
wenn man manches nicht so weiter machen kann wie bisher. Die
kirchliche Kritik an bestimmten problematischen Seiten einer
Kultur, die lebenswichtige Seiten des Menschen nicht oder zu
wenig wahrnimmt, stimmte vor dem 11. September und stimmt seither
ebenso. Wenn die Christen und die Kirchen an diese Seiten des
Lebens erinnern, tun sie dies nicht, weil sie miesepetrig den
Menschen das Lebensglück versalzen wollen. Sondern weil sie
wissen, dass menschliches Leben auch seine Schattenseiten und
Grenzen kennt und dass es Niemandem gut tut, wenn er diese
leugnet. Auch den Christen und den Kirchen ist es richtig
verstanden um das Glück der Menschen zu tun. Sie nennen
es biblisch Leben in Fülle.
Klaus Nientiedt