Türen offen halten
Was da passiert ist, was Menschen
einander antun konnten das lässt sich kaum in Worte
fassen. Das Ausmaß des Terrors übersteigt jede
Vorstellungskraft. Und doch muss jeder einzelne irgendwie damit
fertigwerden. Viele wenden sich in ihrer Bestürzung und ihrer
Angst den Kirchen zu. Im ganzen Land haben Trauergottesdienste
stattgefunden, zu denen die Menschen geradezu strömten. Auch
Politiker aller Parteien nahmen wie selbstverständlich daran
teil.
Sie wollten nur in zweiter Linie Predigten hören. Auch war es
oft kein ausdrücklich formuliertes Bekenntnis zum Christentum,
welches die Menschen antrieb. In Interviews äußerten sich die
wenigsten so konkret. Vielmehr traute man den Kirchen noch am
Ehesten zu, die angemessene Sprache und die Formen zu haben, in
denen die persönliche Trauerarbeit geschehen konnte.
Dieses Phänomen mit dem Spruch Not lehrt beten
abzutun, trifft es kaum. Auch sich moralisch überlegen zu fühlen
(Jetzt kapiert die Welt endlich, was wir Christen schon
lange wissen), verbietet sich. Beides nimmt die Gefühle
der Menschen nicht ernst.
Es ist schlicht Aufgabe der Kirchen, ihre Türen offen zu halten.
Menschen sollen mit Worten oder auch nur schweigend ihre
Verzweiflung und Sorge vor Gott tragen können. Den Raum für
dieses Beten und damit für Gottesbegegnung zu eröffnen: nicht
mehr und nicht weniger wird von den Kirchen erwartet.
Stephan Langer