Spannungen in der Sache
Das Verhältnis zwischen der
katholischen Kirche in Deutschland und der größeren der beiden
Unionsparteien ist belastet. Die jüngste Diskussion über die
weitere Entwicklung in der Gentechnik trug ihren Teil dazu bei.
Das Gespräch ist nicht abgeschlossen.
Die Spannungen sind nicht zufällig gerade heute. Spannungen gab
es auch früher schon. Konrad Adenauer wird gerne mit dem Wort
zitiert, die CDU sei kein Missionsverein. Zu einer Kraft der
politischen Mitte dieses Landes konnte die CDU nur werden, indem
sie nicht die Partei einer der beiden oder beider großen Kirchen
war. Nur so konnte sie Volkspartei werden. Das änderte nichts
daran, dass gerade die Katholiken die Union als ihre
Partei betrachteten.
Wenn man sich in den Kirchen neu an das C erinnert, so hat das
nicht nur mit Veränderungen in der Politik zu tun: In dem Maße,
wie den Kirchen selbst ihr Ort in dieser Gesellschaft zur Frage
wird, erinnert man die Union wieder stärker an das C.
Und was die Partei angeht: Wo die Frage nach den Werten drängender
wird, entwickelt das C eine überraschende Aktualität. Die
Forderung nach der Abschaffung des C scheint interessanterweise
gerade heute nicht gut in die politische Landschaft zu passen.
Kirchliche Lehraussagen sind keine Blaupausen für Parteibeschlüsse
oder Regierungsvorlagen. Politische Entscheide sind etwas
anderes: Hier sind Kompromisse notwendig, schmerzliche Abwägungen
zwischen konkurrierenden Werten. Und selbst wenn das Interesse
der Kirche in so zentralen Fragen wie der zur Zeit verhandelten
Gentechnik mehr als berechtigt ist, die Unterscheidung der
Aufgabenbereiche gilt auch hier.
Die katholische Kirche täte sich selbst keinen Gefallen, wenn
sie die Union an eine kürzere Leine zu legen versuchte. Nicht
nur dass sie Gefahr liefe, sich zu überheben. Je mehr und häufiger
sie dies täte, desto mehr verstärkte sie in Teilen der Union
den Druck gegen das C.
Kirche und Partei haben zwei wichtige, aber verschiedene
Aufgaben. Die Union war auch in der Vergangenheit nicht
einfachhin die Partei einer bestimmten Kirche oder der beiden
Kirchen. Wenn die katholische Kirche die CDU heute nicht als
ihre Partei ansieht, muss dies nicht heißen, dass
das historisch entstandene C keinen Bestand mehr hätte.
Was die Kirchen in den politischen Prozess einzubringen haben,
ist nicht die Sondermoral einer (kleiner werdenden) Gruppe. Um
das C muss es geradezu zwischen einer christlichdemokratischen
Partei und den Kirchen Spannung geben. Nicht in dem Sinne, dass
die Kirche sich an die Stelle der Politik setzte, sondern als
Ausdruck des gemeinsamen Ringens in der Sache.
Klaus Nientiedt