Sommerliches Krisenmanagement

Erzbischof Milingo sei Dank. Half er doch in den letzten Wochen, das kirchlich-mediale Sommerloch erfolgreich zu meistern. Die Geschichte besaß alle Zutaten einer Geschichte, wie sie für die Medien von Interesse ist: ein schwarzer Erzbischof, obendrein einer mit ebenso umstrittenen wie publikumswirksamen Heilungserfahrungen, und dann noch einer, den man kirchlicherseits mit einem zweitrangigen Posten in Rom unschädlich zu machen suchte.
Als wenn dies nicht schon genug wäre: Dieser Erzbischof gerät in die Fänge einer Sekte, der Moonies, heiratet im Rahmen einer der dieser Gruppierung üblichen Massenhochzeiten, droht gänzlich ins Sektenmilieu abzutauchen... Wenn es diese Vorgänge nicht tatsächlich gegeben hätte, sie hätten gut und gerne von einem Romanautor erfunden sein können.
Nicht nur Leserinnen und Leser des konradsblatts haben sich allerdings gefragt, ob diese Geschichte es tatsächlich wert ist, dass sich die Medien so ausführlich mit ihr befasst haben. Und welcher Medienmensch könnte ernsthaft leugnen, dass es auch einfach diese „schöne“ Story war, die sein Interesse weckte.
Dennoch würde man die Bedeutung der Vorgänge unterschätzen, sähe man darin lediglich eine weitere halbseiden-klerikale Soap-Opera, wie sie das verwöhnte Medienpublikum unterhält. Es ging um mehr.
Für die Moonies ging es um nicht weniger als den Versuch, auf das Gebiet der etablierten Kirchen vorzustoßen. Sie versprechen sich hiervon einen Imagegewinn, den sie dringend benötigen. Je fließender – aus ihrer Sicht – die Übergänge zwischen ihnen und den verfassten Kirchen sind, desto besser.
Für die katholische Kirche, vor allem für Rom, ging es – umgekehrt – um zweierlei: Zum einen musste sie jeder noch so schwachen Verquickung mit der „Vereinigungskirche“ unzweideutig und entschlossen entgegentreten.
Zum anderen ging es aber um nicht weniger als die Verhinderung einer weiteren schismatischen Entwicklung. Ein ehemaliger Bischof, der – eine obendrein wirtschaftlich potente Sekten-Struktur im Hintergrund – womöglich Weihen vornimmt und so einen schismatischen Ableger der Kirche begründet, das wäre aus römischer Sicht ein Albtraum geworden. Da bemüht man sich gerade um die Beseitigung des einen Schismas, des traditionalistischen – eines Erzbischofs Marcel Lefebvre, und da wäre an einer anderen Ecke ein neues entstanden.

Bei allen Unterschieden im Einzelnen: Aus der Luft gegriffen waren solche Befürchtungen auch deshalb nicht, weil Milingo nicht irgendjemand ist. In Afrika erfreut sich dieser auch Jahre nach seinem unfreiwilligen Wechsel nach Rom eines erheblichen Ansehens. Die vergleichsweise instabilen religiösen Verhältnisse in großen Teilen Afrikas hätten Milingo unter Umständen erheblichen Zulauf sichern können.
Grund genug also, dass hier schnell gehandelt werden musste. Zum sommerlichen Krisenmanagement gab es keine Alternative.

Klaus Nientiedt