Soll und Haben
Bilanz der Kampagne Erlassjahr 2000
Die Kampagne Erlassjahr 2000 Entwicklung braucht
Entschuldung begann mit ehrgeizigen Zielen: Zur
Jahrtausendwende sollten den Ländern mit niedrigem und mittlerem
Einkommen alle Schulden so weit erlassen werden, dass ihnen ein
Neuanfang ermöglicht wird. Wo steht die Kampagne jetzt?
Christiane Overkamp, Referentin für Entwicklungspolitik bei
Misereor und Sprecherin der Kampagne, zieht Bilanz.
Auf der Haben-Seite kann mit Sicherheit verbucht werden, dass die
Kampagne in den vergangenen Jahren Motor einer beispiellosen
Mobilisierung der Bevölkerung war, die angesichts des allseits
beklagten mangelnden Interesses an nord-süd-politischen Fragen
überrascht und ermutigt. Inhaltlich ist mit Blick auf das erste
politische Kampagnenziel, den Erlass von Schulden auf ein
tragfähiges Niveau, zumindest ein Teilerfolg erreicht. Mit der
Kölner Schuldeninitiative wurden für eine Gruppe von 36
hochverschuldeten armen Ländern (die so ge-nannten HIPCs,
Heavily Indebted Poor Countries) neue Erlassmöglichkeiten
geschaffen. Außerdem wurde eine enge Verknüpfung von
Armutsbekämpfung und Entschuldung beschlossen. Ein
Schuldenerlass wird nur dann gewährt, wenn die Länder ein
Armutsbekämpfungsprogramm vorgelegt haben. An der Erarbeitung
dieses Programms muss die Zivilgesellschaft beteiligt werden.
So weit die Theorie. Die tatsächliche Entschuldung geht aber
sehr langsam voran und es zeichnet sich bereits heute ab, dass
sie in vielen Fällen bei weitem nicht ausreichen wird. Die
Beteiligung der Zivilgesellschaft öffnet sicher in manchen
Ländern neue Türen für den Dialog der Bevölkerung mit der
Regierung. Die Formulierung der Armutsbekämpfungsprogramme kann
neue Bündnisse schaffen, die die Zukunft ihrer Länder
mitgestalten wollen. Das Beispiel Bolivien zeigt, was in Bewegung
gesetzt werden kann. Hier ist es gelungen, in einem breiten
gesellschaftlichen Bündnis von den Kirchen bis zu den
Kleinbauernorganisationen zivilgesellschaftliche
Prioritäten für die Armutsbekämpfung zu formulieren, die nun
gegenüber der Regierung offensiv vertreten werden. Doch es muss
sich noch erweisen, ob hier wirklich ernsthafte und verbindliche
Prozesse der Beteiligung stattfinden. Offen ist auch, ob die
Armutsbekämpfungsprogramme sich nur auf den Sozialbereich
konzentrieren, oder ob auch Änderungen der Wirtschafts- und
Strukturpolitik der jeweiligen Länder im Sinne der Armen auf dem
Programm stehen.
Im Soll-Bereich der Schuldenarbeit ist sicher zu verbuchen, dass
viele überschuldete Länder wie etwa Ecuador und Peru, die nicht
zur HIPC-Gruppe gehören, bisher vergeblich auf neue
Erlassmöglichkeiten hoffen. Und auch die ungerechten Verfahren
des Schuldenmanagements haben sich nicht verändert. Nach wie vor
sind Um- und Entschuldungsverhandlungen von den Gläubigern
dominiert und der Internationale Währungsfonds hat weiterhin
eine Schlüsselrolle bei der Festlegung der Bedingungen für
Schuldenerlasse. Doch auch in diesem Bereich gibt es zumindest
erste Ansätze für die Öffnung der politischen Diskussion. Nach
intensiver Lobbyarbeit der Kampagne hat die Deutsche Bundesbank
grundsätzliche Offenheit gegenüber der Idee eines
Internationalen Insolvenzverfahrens gezeigt und im Frühjahr 2001
wird das Thema im Rahmen einer Bundestagsanhörung debattiert.
Zum einen ist klar, dass die Umsetzung der bisherigen Beschlüsse
jetzt eine umfangreiche kritische Begleitung verlangt. Nur
großer politischer Druck kann verhindern, dass die Kölner
Initiative wie viele ihrer VorgängerInnen im Sande verlaufen.
Die Begleitung und Kritik der Umsetzung der Ergebnisse von Köln
erfordert eine intensive Detailarbeit, denn ob und was Köln
gebracht hat, kann nur an konkreten Länderbeispielen belegt
werden. Aber auch die Arbeit zu grundlegenden Reformen der
Strukturanpassungspolitik und der Verfahrensregeln im
internationalen Schuldenmanagement muss fortgesetzt werden. Sie
verlangen aufgrund der zahlreichen politischen Widerstände bei
den Gläubigerregierungen und ihren Institutionen einen langen
politischen Atem. Die nächste Chance für neue politische
Initiativen ist der Gipfel der G7, der vom 20. bis zum 22. Juli
2001 in Genua stattfinden wird. Da die italienische Regierung
Interesse an der Schuldenfrage signalisiert hat, bereiten sich
Kampagnen weltweit auf politische Initiativen vor. An den ersten
Überlegungen ist auch die deutsche Kampagne beteiligt, und in
den nächsten Monaten werden sicher auch Mitmachaktionen für
Gruppen und Gemeinden entwickelt.
Die Kampagne Erlassjahr 2000 wird Mitte 2001 die
Pforten schließen, doch und das war schon am Beginn der
Kampagne klar die Arbeit zum Schuldenthema muss und wird
auch dann qualifiziert fortgesetzt werden. Viele der
Mitträgergruppen arbeiten weiter zum Thema Verschuldung. Sie
haben Kontakte zu Gruppen in Schuldnerländer geknüpft, sie
bleiben im Dialog mit ihren Wahlkreisabgeordneten, sie machen
Öffentlichkeitsarbeit mit der Forderung nach weiteren
Schuldenerlassen. Doch auch die Vernetzung und Kooperation muss
weiter gewährleistet sein. Es zeichnet sich ab, dass dazu ein
Bündnis mit einer kleinen hauptamtlichen Struktur gegründet
wird. Wie Misereor werden auch viele bisherige Mitträger und
regionale Foren der Erlassjahrkampagne an diesem Bündnis
mitwirken.
Christiane Overkamp
Weitere Informationen unter: www.erlassjahr2000.de.