Sinn für das Heilige
Es kommt nicht oft vor, dass eine
Debatte des Bundestages in der öffentlichen Wahrnehmung so
untergeht. Die Unionsfraktion hatte einen Gesetzentwurf zum
besseren Schutz religiöser Überzeugungen eingebracht. Kontrovers
habe man sich darüber gestritten, meldet die Katholische
Nachrichten-Agentur. Doch davon drang wenig nach außen.
Über den parlamentarischen Vorstoß an sich sind auch tatsächlich
nicht viele Worte zu verlieren. Eine Verschärfung des
Strafrechts ist nicht der geeignete Weg, um den Glauben vor
Verunglimpfung zu schützen. Nichts wäre gewonnen, würde man
den einzig objektivierbaren Tatbestand in dem Gesetz die
Störung des öffentlichen Friedens streichen. Übrig
bliebe ein Gummiparagraph, der eine Prozesslawine
nach sich ziehen könnte. Doch wer das Christentum beleidigen
will, wird sich davon nicht abschrecken lassen.
Aber an dem Vorgang im Parlament gibt es durchaus bemerkenswerte
Gesichtspunkte. Und zwar hinsichtlich der Art und Weise, wie das
Thema diskutiert ober eben nicht diskutiert wird.
Fast etwas versteckt wurde der Antrag als zwölfter und
vorletzter Tagesordnungspunkt einer langen Sitzung aufgerufen.
Schon im Vorfeld hatten man sich verständigt, es bei einer
halben Stunde parteipolitischem Schaulaufen zu belassen.
Entsprechend ließ das Niveau zu wünschen übrig. Den größten
Patzer leistete sich dabei der FDP-Abgeordnete Jörg van Essen.
Dem fiel als Argument für den Antrag nur ein: Eine
Minderheit wie die Christen hat Anspruch auf Toleranz in unserer
Gesellschaft. Erstens ist hinter die Aussage von der
Minderheit ein Fragezeichen zu setzen. Immerhin gehören fast
zwei Drittel der Deutschen einer der christlichen Kirchen an. Und
zweitens muss man fragen: Sind Christen zu schützen, allein weil
sie vermeintlich so wenige sind? Bei dieser Argumentation stehen
die Christen mit ihren lustigen Bräuchen auch nicht anders da
als der bedrohte Singvogel des Jahres.
Was sich im Mikrokosmos Bundestag beobachten lässt, begegnet
auch in der richtigen Welt. Nämlich der peinlich berührte
Umgang, die Unsicherheit beim Thema Religion. Allgemein gilt:
anything goes, alles ist möglich. Auch dass man katholischer
Christ ist. Gegen ein solches Engagement hat die Gesellschaft
nicht wirklich etwas, sie ist nicht anti-christlich. Sie
provoziert die Christen vielleicht nur etwas öfter, weil sie auf
deren oft überzogene Reaktion zählen kann. Letztlich steht man
dem christlichen Glauben aber einfach wohlwollend distanziert
und vor allem unwissend gegenüber.
Der religiöse Bereich und das Eintreten für seinen Glauben ist
dem Menschen fremd geworden. Es ist etwas Heiliges, das mit
Rücksicht auf die Menschen, für die es von existenzieller
Bedeutung ist, auch des Schutzes bedarf, haben die beiden
Kirchen im Land bei ihrem Protest gegen das Stück Corpus Christi
geschrieben. Ob sie dabei schon zu viel voraussetzen? Den Sinn für
das Heilige zu schärfen, darin liegt die Herausforderung
nicht im Strafrecht.
Stephan Langer