Sie haben einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt, auf jeden Fall den ehrwürdigsten. Und sie sind die am häufigsten fotografierten Soldaten, die Schweizergardisten im Vatikan. Für die meisten Touristen in Rom gehören die Männer mit der bunten Landsknechtsuniform und der archaisch anmutenden Hellebarde genauso selbstverständlich auf den Urlaubsfilm wie das Kolosseum oder die Spanische Treppe. Aber hinter dem pittoresken Stück Tradition mit Helm, Brustpanzer und Federbusch steckt ein professioneller Sicherheitsdienst, der effizient, mit modernen Methoden und angesichts des besonderen Einsatzbereichs sensibel arbeitet.
Pittoresk und professionell
Seit fast 500 Jahren schützt die Schweizergarde den Papst
Seit fast 500 Jahren sorgt die
Schweizergarde für Leben und Sicherheit des Papstes. Die 110
Gardisten bewachen rund um die Uhr den Apostolischen Palast,
leisten Ordnungs- und Ehrendienste im Petersdom und auf dem
Petersplatz und bewachen die Renaissance-Flure des Vatikan. Sie
machen die Grenzkontrollen an den Eingängen zum kleinsten Staat
der Welt und begleiten den Papst auf seinen Reisen.
Die Schweizergarde ist eine der kleinsten und vermutlich die älteste
bestehende Truppe der Welt. Dass es beim ehrenvollen Dienst für
das Kirchenoberhaupt auch um Leben und Tod gehen kann, haben die
Schweizer mehr als einmal erlebt. Zuerst beim Sacco di Roma im
Jahre 1527. Damals fielen 147 Schweizer mit ihrem Züricher
Hauptmann Kaspar Röist in einem ungleichen Kampf gegen die
Truppen Kaiser Karl V., die übrigen 42 Schweizer kämpften dem
Papst den ummauerten Fluchtweg in die Engelsburg frei. Auch beim
Attentat vor 20 Jahren waren die Leibwächter des Pontifex
gefordert, die sich in der Schrecksekunde nach den ersten Kugeln
des Türken Ali Agca schützend ins Schussfeld warfen.
Nicht umsonst ist die Garde bestrebt, den Dienst effizient und
den Erfordernissen der Gegenwart entsprechend zu gestalten
bei aller Verpflichtung zur Tradition. Für eine bessere Produktion
von Sicherheit setzt man neben verbesserter Bewaffnung und
modernisiertem Gerät auch auf eine systematische Schulung. Ziel
ist eine mental und physisch starke Truppe, die mit dem Klischee
einer zu Schauzwecken konservierten musealen Operettenarmee
nichts gemeinsam hat.
Für höfliche Sicherheit sorgen
Es ist meist ein Stück Abenteuerlust, Neugier an fremden Ländern
und Menschen, Freude am Militär und natürlich Glaubenstreue,
die bis heute junge Schweizer zum Dienst in der Päpstlichen
Schutztruppe motiviert. Voraussetzung sind neben der Schweizer
Staatsbürgerschaft ein einwandfreier Leumund sowie der
erfolgreiche Abschluss einer Berufsausbildung oder der
Mittelschule. Die Bewerber müssen zudem die Schweizer
Rekrutenschule absolviert haben, ledig, zwischen 19 und 30 Jahren
alt und mindestens 1,74 Meter groß sein. Auf Teamfähigkeit und
Pflichtbewusstsein wird ebenso Wert gelegt wie auf physische und
psychische Belastbarkeit. Die Anforderungen sind streng
nur jeder fünfte Interessent darf schließlich die farbenprächtige
Uniform anziehen.
Wer im Gardequartier direkt neben dem vatikanischen
Sankt-Anna-Tor einrückt, muss erst einmal für drei Wochen die
Rekrutenschule absolvieren: Korrektes Grüßen, Marschieren und
Exerzieren mit der Hellebarde einer Stoßwaffe mit
eiserner Spitze stehen auf dem Lehrplan. Aber auch
Selbstverteidigung sowie der Umgang mit Pistole und Pfefferspray.
Sport ist selbstverständlich, der Italienisch-Kurs Pflicht. Der
Rekrut lernt sein neues Umfeld kennen: die verwinkelten Höfe und
Straßen des Vatikan, und die hier täglich ein- und ausgehenden
Personen: Kardinäle, Bischöfe, Prälaten, Patres, Ordensfrauen,
Laien-Bedienstete und deren oft große Familien. Die Aufgabe der
jungen Soldaten ist es, für höfliche Sicherheit zu
sorgen, erzählt Gardekommandant Oberst Pius Segmüller. Allzu
neugierige Touristen werden freundlich, aber bestimmt auf Distanz
gehalten.
Feiertag und Gedenktag der Garde ist der 6. Mai, der Gedenktag
des Sacco di Roma von 1527. An diesem Tag nimmt die
Garde in einem festlichen und zackigen Zeremoniell vor mehreren
tausend Ehrengästen im Damasushof, dem schönsten der
vatikanischen Höfe, ihre neuen Rekruten auf. Einzeln treten sie
vor. Die linke Hand fest um die Gardefahne und die rechte zum
Schwur erhoben, geloben sie, sich gewissenhaft, treu, ehrenhaft
und redlich für den regierenden Papst und seine rechtmäßigen
Nachfolger einzusetzen und wenn es erheischt sein
sollte, selbst mein Leben für sie hinzugeben, wie die
Eidesformel es vorschreibt.
Die ruhmvolle lange Tradition, die Treue, aber auch der Auftrag
waren ausschlaggebend, dass die Schweizergarde noch besteht. Denn
als Papst Paul VI. im Zug des Zweiten Vatikanischen Konzils mit höfischem
Gepränge Schluss machte und bestehende Einrichtungen auf ihre
Effizienz hinterfragte, wurden alle übrigen militärischen Korps
und Garden, wie die aus römischen Adeligen bestehenden Nobel-
und Palatin-Garden und die Gendarmerie aufgelöst. Die
Schweizergarde blieb jedoch und wurde zusammen mit der neu
geschaffenen Vigilanza, der aus Italienern bestehenden
Polizeieinheit die Schutztruppe im Reich des Papstes.
Selbst als das Korps 1998 nach dem Mord am frisch ernannten
Kommandanten Alois Estermann ins Zwielicht geriet, nahm der Papst
seine Schweizer in Schutz: Die schwarze Wolke eines Tages
vermag mehr als 500 Jahre der Hochherzigkeit nicht zu verdunkeln,
lautete der erlösende Satz, mit der er der Garde sein Vertrauen
aussprach.
In Rom familiäre Wurzeln schlagen
Die meisten Gardisten verpflichten sich für zwei Jahre. Der
Dienst ist anstrengend, kann bis zu 70 Wochenstunden betragen. In
der Regel folgt auf zwei Diensttage ein freier Tag. Gerade im
Heiligen Jahr gab es viele Überstunden. Denn neben der normalen
Schicht im Ordnungs- und Kontrolldienst müssen die
Gardisten auch in ihrer Freizeit immer wieder anrücken
wenn etwa ein Staatsgast in den Vatikan kommt oder wenn
der Papst eine zusätzliche Audienz hält. Der so genannte
Nahschutzdienst, also der unmittelbare Personenschutz, ist den höheren
Unteroffizieren und Offizieren vorbehalten. In Zivil achten sie
neben, vor oder hinter dem Papst oder seinem Jeep genau darauf,
ob aus der Masse der Jubelnden nicht eine Waffe herausragt.
Wem Rom und die Arbeit gut gefallen, der kann seinen Dienst für
den Papst auch verlängern. Die Garde bietet Aufstiegschancen zum
Vizekorporal, zum Korporal, einige können es auch zum
Wachtmeister, zum Feldwebel oder gar bis in den Offiziersrang
schaffen. Gardisten, die wieder in die Schweiz zurückkehren,
erhalten Hilfen für den Wiedereinstieg in das Leben zu Hause. So
können sie nach drei Jahren das Diplom des eidgenössischen
Sicherheitsexperten erwerben. Aber es kommt immer wieder vor,
dass eine hübsche Römerin der Grund dafür ist, dass ein
Gardist weitab der eidgenössischen Heimat in Rom familiäre
Wurzeln schlägt.
Johannes Schidelko