Selbstbestimmt leben und sterben

Die Empörung und Ablehnung der neuen niederländischen gesetzlichen Regelung zur Sterbehilfe in den Kirchen in Deutschland, aber nicht nur hier, ist heftig und entschieden. Die Einwände der Kirche sind von einigem Gewicht. Sie werden im Übrigen nicht nur von den Kirchen eingebracht. Alles in allem zeigte sich eine große Zurückhaltung der niederländischen Regelung ge-genüber in Politik, Wissenschaft und Kirchen.
Man wird sich aber auch in Kirche, Politik und Medizin nichts vormachen dürfen: Was das niederländische Parlament beschloss, findet im Kern auch hierzulande viele Sympathien. Das Demoskopische Institut Allensbach wartete gleich mit einem Ergebnis auf: Demnach sprechen sich 64 Prozent der Westdeutschen und 80 Prozent der Ostdeutschen für aktive Sterbehilfe aus.
Bei aller berechtigten Ablehnung und Empörung: Die Frage der Sterbehilfe ist unlösbar mit unserer modernen Kultur verbunden. Die Bereitschaft, etwas hinzunehmen, das der Einzelne nicht oder nur begrenzt selbst beeinflussen kann, nimmt ab. Der Tendenz nach glaubt man heute, das Recht zu haben, überall selbstbestimmt einzugreifen, warum also nicht auch am Ende des eigenen Lebens?
Es fragt sich aber: Hat diese Selbstbestimmung nicht auch Grenzen? Und wenn ja, wo liegen die Grenzen dieser Selbstbestimmung? Und warum ist es um des Menschen willen gut, dass es diese Grenzen gibt?
Für die Kritiker der aktiven Sterbehilfe genügt es in dieser Situation nicht, sich lediglich gegen diese Art des Verständnisses von einem selbstbestimmten Leben auszusprechen. Hier ist im Einzelnen Überzeugungsdarbeit zu leisten.
Die Christen unter den Kritikern kommen nicht umhin vorzudenken und vorzuleben, was es heißt, sich zu verdanken, einen Schöpfer anzuerkennen, den Geber allen Lebens. Wie verträgt sich der an sich nicht unberechtigte Wunsch, selbstbestimmt zu leben, zumindest selbstbestimmter als dies vergangene Generationen konnten, mit der Anerkenntnis eines Schöpfer-Gottes?
Und natürlich gehört dazu auch Folgendes: Die Anerkenntnis eines Schöpfer-Gottes beinhaltet nicht, dass menschliches Leben unter allen nur erdenklichen und für den Betroffenen schier unzumutbaren Umständen künstlich mehr schlecht als recht aufrecht erhalten wird.

Die Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe hat viel mit der Angst zu tun, willenlos einer vermeintlich anonymen, das heißt in gewissem Sinne un-menschlichen Apparatemedizin ausgeliefert zu sein. Hier hilft immer wieder nur gründliche Information seitens der Mediziner, Pflege- und Sterbebegleiter, dass es so nicht kommen muss.

Klaus Nientiedt