120-mal Seelenheil
Bericht der Landesregierung zu
Sekten und Psychogruppen
Eine Arbeitsgruppe aus den verschiedenen Landesministerien
untersucht seit 1993 die Entwicklung bei den so genannten Sekten
und Psychogruppen im Land. Ihr jüngster Bericht empfiehlt
weiterhin die Beobachtung der Scientology-Organisation. Einen
besonderen Aufklärungs- und Handlungsbedarf sehen
die Verfasser angesichts rassistischer, rechtsradikaler und
teilweiser neonazistischer Gruppen.
Seit acht Jahren gibt es in Baden-Württemberg eine staatliche
Arbeitsgruppe, die sich mit den so genannten Sekten und
Psychogruppen beschäftigt. Das ist nicht selbstverständlich.
Denn eine moderne Staatsauffassung trennt ja klar zwischen Staat
und Kirche. Der Bereich des Religiösen ist grundsätzlich keine
Angelegenheit der Regierung.
Staatliches Eingreifen ist aber gefragt, wenn etwa die seelische
und körperliche Gesundheit der Bürger gefährdet ist. Oder wenn
gar das Gemeinwesen als solches, die staatliche Ordnung, im
Visier eines vermeintlichen Heilsanbieters liegt.
Genau aus diesem Grund legt die entsprechende Arbeitsgruppe der
Landesregierung alle paar Jahre einen Sachstandsbericht vor. Da
werden dann die Erkenntnisse der verschiedenen Ministerien zu
einer Gesamtschau zusammengetragen.
Die Autoren gehen davon aus, dass in Baden-Württemberg etwa 120
verschiedene Organisationen und Gruppierungen aus dem Bereich
Sekten und Psychogruppen aktiv sind (bundesweit sind
mehr als 500 bekannt). Der Markt sei ständig in
Bewegung: viele der Gruppierungen würden verschwinden und dann
unter neuem Namen wieder auftauchen. Ausdrücklich nennt der
Bericht die Scientology-Organisation, die sich verschleiernder
Bezeichnungen bediene, wobei die Zielrichtung auf
eine bewusste Desinformation nicht ausgeschlossen werden kann.
Der Umgangston auf dem Markt der Heilsanbieter ist zuweilen rau.
So erwähnt der Bericht die Tätigkeit der Gruppierung Freie
Christen für den Christus der Bergpredigt. Diese
Vereinigung sei dem Universellen Leben zuzuordnen und
war der Arbeitsgruppe durch Flugblätter mit Kampfparolen
gegen die evangelische und katholische Kirche aufgefallen.
Angriffe auf die Kirchen gibt es auch aus dem Bereich der
Skinheadszene. Hier werde versucht, neonazistisches und
satanistisches Gedankengut zu verbinden. Der Bericht wörtlich:
Dem ,etablierten Christentum wird der Kampf angesagt,
und versucht, an eine heidnisch-esoterische Tradition in
Deutschland anzuknüpfen.
Überhaupt macht der Arbeitsgruppe die rechte Szene Sorgen. Die
Autoren verweisen auf einen besonderen Aufklärungs- und
Handlungsbedarf. Im Bereich neuer religiös-ideologischer
Bewegungen seien vereinzelt antisemitische Tendenzen zu
beobachten.
Ansteigend ist seit Jahren die Zahl der Anbieter, die ein im
weitesten Sinne medizinisches oder psychotherapeutisches Feld
besetzen. Darunter finden sich schamanistische Heilungsrituale,
Edelsteintherapien, Geistheilung oder Chak-ren-Meditation. Der
Bericht erinnert daran, dass mitunter kein wissenschaftlicher
Beweis für die Wirkung mancher dieser angeblich therapeutischen
Verfahren vorliegt. Die Autoren verweisen außerdem auf die
Gefahr, dass Kranke möglicherweise von wirksamen,
wissenschaftlich belegten Diagnose- und Behandlungsverfahren fern
gehalten werden und dadurch die Behandlung von Krankheiten verzögert
wird.
Breiten Raum nimmt in dem Bericht die Scientology-Organisation
ein. Bundesweit waren in der jüngeren Vergangenheit Stimmen laut
geworden, die in Richtung einer zurückgehenden Aktivität
sprachen. Für das Land Baden-Württemberg sehen die Autoren zwar
ebenfalls einen Stillstand. Die Mitgliederzahl von geschätzten
1200 im Land habe sich nicht vergrößert, die Niederlassungen hätten
ihre Position nicht ausbauen können. Aber Entwarnung
geben die Mitglieder der Arbeitsgruppe nicht. Die
Scientology-Organisation strebt aktiv ein Gesellschaftssystem an,
das mit den Grundwerten der Verfassung der Bundesrepublik nicht
vereinbar ist.
Während all diese Gruppierungen wohl weiterhin das Augenmerk der
Arbeitsgruppe verlangen, dürfte sich eines der Phänome von
selbst erledigt haben: die Endzeit-Bewegungen, die sich
angesichts des Jahrtausendwechsels häuften. In Baden-Württemberg
sei in diesem Zusammenhang besonders die Neuoffenbarungsgruppe
Fiat Lux hervorgetreten. Der Bericht zitiert eine
Voraussage der Gruppe, wonach durch Meteoriteneinschläge,
der gesamte Kontinent auseinander brechen wird. Auch
die Ufos, die zur Evakuierung eines Drittels der Menschheit
eingesetzt werden, dürften inzwischen unnötig geworden sein.
Stephan Langer
Hinweis: Einzelexemplare des Berichts sind erhältlich
bei der Geschäftsstelle der Interministeriellen Arbeitsgruppe
beim Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, Postfach 10 34
42, 70029 Stuttgart.