Seit fast 60 Jahren sammelt und entwirft der Radolfzeller Dietrich Wehner Wappen. Als er 1981 die Möglichkeit bekommt, für den damaligen Neu-Bischof Paul Wehrle ein Bischofswappen zu gestalten, bedeutet dies für ihn den Einstieg in die kirchliche Heraldik.
Wappen, Wimpel, Würdenträger
Der Heraldiker Dietrich Wehner entwirft auch Wappen für den Klerus
Das soll das Wappen eines Bischofs
sein?, denkt der Wappen-Unkundige, wenn er die Rückseite
des Weihebildchens von Neubischof Bernd Uhl betrachtet. Soll
dieser Piepmatz etwa die Würde und Seriosität des Bischofsamtes
ausdrücken? Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen:
Diese niedliche goldene Eule auf rotem Hintergrund macht einen
durchaus sympathischen Eindruck. Dennoch: Im Vergleich zu den
Wappen anderer Bischöfe, die oft mit bedeutungsschwangeren und
frommen Symbolen daherkommen, scheint dieser Vogel eher einem
Comic entsprungen zu sein. Es musste ja nicht gleich eine Eule
vom Format des Bundesadlers sein, um den Familiennamen des
Neu-Bischofs zu repräsentieren; aber hätte das Bischofswappen
nicht eine seriösere Ausführung dieses Vogels verdient gehabt?
Diese ist noch die heraldischste der drei möglichen
Varianten einer Eulendarstellung. Die beiden anderen sehen noch
kurioser aus. Der dies sagt, ist ein Kenner der kirchlichen
Wappenkunde (Kirchenheraldik): Dietrich Wehner aus Radolfzell.
Der ehemalige Regierungsbaudirektor nimmt das Werk seines
Kollegen und langjährigen Wegbegleiters in Sachen
Kirchenheraldik, des Titularerzbischofs Bruno Bernhard Heim, in
Schutz.
Wie so oft, wird er mit dem Vorurteil konfrontiert, dass Heraldik
keine ernsthafte Wissenschaft darstellt. Stets bemüht er sich
deshalb darum, die Leute von der Seriosität der Wappenkunde zu
überzeugen.
Das Sammeln und Entwerfen von Wappen, Bannern und Wimpeln ist für
den 72-Jährigen mehr als ein Hobby, daran lässt er keinen
Zweifel. Gewissenhaft und stilgetreu zeichnet er seine kleinen
Kunstwerke. Und weiß jemand seine Arbeiten nicht zu würdigen,
bekommt er schnell den Unmut des leidenschaftlichen Heraldikers
zu spüren. Für seine Werke fordert er Anerkennung und Respekt.
Seine Frau unterstützt ihn in dieser Leidenschaft, so scheint
es. Das silberne Familienwappen ziert als Brosche nicht nur ihr
blaues Kostüm, es prangt auch auf ihrem Siegelring, den ihr der
Gatte kürzlich entworfen hat. Selbst die Wohnung belegt eindrücklich,
mit wem man es hier zu tun hat: Über dem Esszimmertisch ist eine
Art Stammbaum des Familienwappens dokumentiert, im
Wohnzimmer hängen anstelle von Gemälden oder Fotografien
Wappen in den unterschiedlichsten Formen und Farben an der
Wand. Und wo bei anderen das Eisenbahnmodell steht, thront im
Hause Wehner ein Pfadfinderlager en miniature; geschmückt durch
bunte Wimpel, Wappen und Banner. Allein das 70er-Jahre-Mobiliar
der Wohnung erinnert den Besucher daran, dass er sich nicht auf
einem aristokratischen Herrschaftssitz befindet.
Angefangen hat alles mit diesem Buch, beginnt Wehner
das Gespräch, wenn man ihn nach den Ursprüngen seiner
Begeisterung für Wappen fragt. Mit einem Handgriff zieht er
einen Band aus dem Regal hervor, den er 1943 erwarb und der den
Anstoß für seine Leidenschaft bildete: Deutsche
Ortswappen, herausgegeben von Kaffee Haag, gezeichnet und
wissenschaftlich betreut von Otto Hupp aus München. Wenige Jahre
später schenkte ihm sein damaliger Gemeindepfarrer Bernhard
Alfons Maier ein Buch über Deutsche Wappenkunst von
Heinrich Hußmann und erteilte ihm erste Aufträge. Wehner
entwarf für ihn Antependien (Verkleidungen für den
Altarunterbau), gestaltete schließlich Banner und Wimpel für
die Jugendpflege und die Pfadfinder der Gemeinde. Das waren
die ersten willkommenen Fingerübungen für mich, erinnert
sich der passionierte Zigarilloraucher.
Zur kirchlichen Heraldik kam Wehner dann per Zufall: Vor 20
Jahren gratulierte er dem damals neu geweihten Bischof Paul
Wehrle zu dessen Amt. Er fragte den Neu-Bischof nach dessen
Bischofswappen und bekam statt einer Antwort eine für ihn überraschende
Gegenfrage gestellt: Wissen Sie da etwas Hübsches?
Der leidenschaftliche Heraldiker ließ sich nicht zweimal bitten
und packte diese Gelegenheit beim Schopf. Er besuchte Wehrle und
entwarf ihm ein Wappen. Dieser war zufrieden und Wehner hatte den
ersten Schritt in die kirchliche Heraldik getan. Danach ergab ein
Auftrag den anderen, so dass er es inzwischen vor allem mit
kirchlicher Kundschaft zu tun hat. Dabei wird er nicht nur von
allen Ständen des Klerus, vom einfachen Pfarrer bis zum Bischof,
angefragt, er entwirft und zeichnet auch Wappen für Pfarrämter
und Bistümer. Besonders stolz ist er aber auf diejenigen Wappen,
die er für vier Kardinäle, darunter für den jüngst ernannten
Kardinal Walter Kasper, entworfen hat.
Dass es bei seinem Handwerk auch Regeln zu beachten gibt, wissen
nicht alle seiner Kunden. Nach Wehners Ansicht haben gerade viele
Prälaten ein falsches Wappenverständnis. Das Wappen soll
kein Meditationsbild, keine Kurzpredigt oder gar geistliches
Bilderrätsel (,Rebus) werden, ermahnt er. Außerdem
versucht er den geistlichen Würdenträgern inflationär
gebrauchte Symbole wie Kreuze, Brote und Brotkörbe, Fische,
Heilig-Geist-Tauben, Alpha und Omega oder das Christus-Zeichen
auszureden. Schließlich sollen sich die Wappen ja
voneinander unterscheiden!
Generell bildet das Personen- oder Familienwappen die Grundlage für
eines seiner Werke. Falls es nicht vorhanden ist, entwirft Wehner
es nach Rücksprache mit dem Kunden. Das Vollwappen besteht
und daran erkennt man die militärische Herkunft des
Wappenwesens seit dem 12. Jahrhundert aus Schild und Helm.
Erst später entstanden die Wappen für Geistliche, die aus verständlichen
Gründen ihren Schilden keinen Helm mehr beifügen wollten. Mit
der Zeit bildete sich so ein umfassendes, festgelegtes System
geistlicher Würdezeichen für alle hierarchischen Ränge
innerhalb der Kirche, aber auch für Laien im Ordensstand. Die
Arbeit des kirchlichen Heraldikers besteht darin, dem Personen-
oder Familienwappen die vorgeschriebenen Insignien des jeweiligen
Amtes hinzuzufügen. So bekommen beispielsweise die Kardinäle
einen roten Prälatenhut mit beidseitig 15 Quasten. Patriarchen,
Erzbischöfe und Bischöfe dagegen einen grünen mit 15, zehn und
sechs. Eine Pflicht, solch ein Wappen zu führen, besteht für
die Geistlichen aber bis heute nicht.
Die Formen, Gestalten und Ornamente der Wappen sind vielfältig
und eine Wissenschaft für sich. Sie sind über Jahrhunderte
entstanden und gesammelt worden. Ihren Ursprung hat die Heraldik
in der Heroldskunst, unter der man die Aufgabe des Herolds (des
Heereswalters) verstand, bei Ritterturnieren die
Wappen der Kämpfer zu prüfen. Die Wappen dienten dem Rittertum
sowohl zur Kennzeichnung als auch zur Prachtentfaltung und zu künstlerischen
Zwecken. Vom Erkennungszeichen auf Schild und Helm wandelten sich
die Wappen dann im 13. und 14. Jahrhundert zum Bürgerwappen und
zum Wappen wenig geachteter Stände. Auch diese wollten bei ihren
Rechtsgeschäften siegeln. So wurden die Wappen in dieser Zeit
aus unterschiedlichsten Gründen verliehen, verkauft oder
verschenkt. Die meisten jedoch wurden willkürlich angenommen.
Mit Aufkommen des Siegelwesens wurden sie dann zum Zeichen eines
Familienbesitzes. Daraus entwickelten sich Herrschafts- und
Gebietswappen, die schließlich auch auf die deutsche
Reichskirche übergriffen. So schmückten sich Bischöfe und
Vorsteher der Reichsabteien, aber auch der gemeine Klerus, mit
Wappen und trugen dadurch ihre Macht zur Schau. Plötzlich
führte die ganze Welt Wappen, bemerkt Wehner. Aber gerade
diese Verbreitung und Vielfältigkeit der Wappen ist es, die ihn
immer wieder herausfordert, ein einmaliges Exemplar zu schaffen.
Darin liegt der Reiz seiner Arbeit. Und so vielfältig, wie die
Formen, Farben und Träger der Wappen sind, so vielfältig sind
auch die Materialien, für die Dietrich Wehner seine Vorlagen
erarbeitet. Neben Schmuckstücken und Münzen zieren seine Werke
auch Bucheinbände und Exlibris. Sein Schaffen geht aber über
das Sammeln und Erstellen von Wappen hinaus. Der Radolfzeller führt
zudem Wappenbücher von Corporationen, publiziert und hält Vorträge
zum Thema Heraldik. Viele Menschen hat er damit im Laufe der
nahezu 60 Jahre seines Schaffens erreicht und erfreut. Doch ein
Kunde, den er gerne einmal beliefern würde, fehlt ihm noch auf
seiner Liste: Der Papst. Da bin ich aber guter Hoffnung,
schließlich gehöre ich ja noch zu den Jungen meiner Zunft.
Markus Weber