Seit einem Monat dürfen die katholischen Bera-tungsstellen im Erzbistum keine Scheine mehr ausstellen, die der Gesetzgeber für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch verlangt. Doch auch wenn man aus dieser Art der Konfliktberatung ausgestiegen ist, hat sich die Erzdiözese nicht aus der Hilfe für schwangere Frauen in Not zurückgezogen. Der „Umstieg“ zum neuen Beratungskonzept ist allerdings nicht so einfach.

Die schwierige Umsetzung des „finita“

Katholische Schwangerenberatung ein Monat nach dem so genannten „Umstieg“

Roma locuta – causa finita. Zu deutsch: Rom hat gesprochen, die Sache ist entschieden. Diese kirchliche Rechtstradition geht auf den Kirchenvater Augustinus zurück und ist längst ein allgemeines Sprichwort geworden – wenngleich sie heute zumeist falsch, nämlich einseitig negativ verwendet wird. Auf jeden Fall gilt: Sie hat schon in alten Zeiten nicht funktioniert.
In einer aktuellen innerkirchlichen Diskussion drängt es sich geradezu auf, diesen Grundsatz wieder zu zitieren. Nämlich im Streit um die Rolle der Kirche in der staatlichen Schwangerschaftskonfliktberatung. Auch hier gab es eine heftige Auseinandersetzung, die Rom – also der Papst – mit einer Weisung beendet hat. Und so dürfen die katholischen Beratungsstellen auch im Erzbistum Freiburg seit Jahresbeginn keine Nachweise mehr ausstellen, die für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch nötig sind.
Doch was sich in den Briefen aus dem Vatikan so klar und eindeutig liest, lässt sich in der Wirklichkeit am Ort nicht ohne Probleme umsetzen. Aller Anfang – und somit auch der des neuen Konzepts zur Schwangerenberatung (konradsblatt 50/00) – ist schwer. Zu spüren bekommen das in erster Linie die Beraterinnen. Eine Umfrage bei den entsprechenden Stellen von Caritas und Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in der Erzdiözese zeigt einen keineswegs glatten „Umstieg“.
Es wird niemanden ernsthaft wundern, dass die Auseinandersetzungen der Vergangenheit noch längst nicht „verdaut“ sind. Die Beraterinnen hatten sich über Jahre und teilweise Jahrzehnte engagiert für das Leben eingesetzt, hatten Ärzte und vor allem viele Frauen von der Qualität ihrer Arbeit überzeugt. Und sie hatten die Erfahrung gemacht, dass durch die bisherige Form der Beratung – im Zweifel auch mit Schein – mehr Frauen im Konflikt erreicht würden. Doch immer wieder mussten sie unter dem „permanenten inneren Hin- und Hergezerre“ zwischen Verbleib und Ausstieg leiden, beschreibt Ursula Steiger vom Caritasverband in Waldkirch ihre Gefühle. Die Angriffe waren oft persönlich, zuweilen auch verletzend und entwürdigend. Und schließlich hat man den Beraterinnen dann die Kompetenz in dieser Frage abgesprochen und einen als wichtig erfahrenen Bereich ihrer Arbeit durchgestrichen. „Hier hatten wir wirklich die Möglichkeit, zum Leben zu führen“, sagt Anna Weber vom Caritasverband Heidelberg: „Jetzt kommen wir uns gewissermaßen amputiert vor.“

Im Zweifel gleich eine andere Beratungsstelle

Ruft heute eine Frau in einer der katholischen Beratungsstellen an, erfährt sie in der Regel schon im Sekretariat, dass sie hier selbstverständlich Beratung erhalten wird – aber ohne den Schein. Wer sich wirklich im Zwiespalt befindet, ob und wie es gemeinsam mit einem Kind weitergehen kann, wendet sich nach dieser Auskunft im Zweifel gleich an eine andere Beratungsstelle. Dies ist unschwer nachzuvollziehen, wie Gerlinde Sand vom Caritasverband Bruchsal erklärt: Denn es ist ja denkbar, dass all die umfangreichen Hilfen, welche die katholische Beratungsstelle anbieten kann, im Einzelfall doch nicht überzeugen. Dann müsste die Frau noch einmal an anderem Ort ihr Innerstes, ihre Lebens- und ein Stück weit auch Leidensgeschichte offenbaren. Diese Aussicht sei in der zugespitzten Situation für viele nicht erträglich.
Fast jede der Beraterinnen hat solch einen Anruf im vergangenen Monat schon erlebt – und die entsprechende Absage geben müssen. Diese Erfahrungen deprimieren und machen traurig, erzählt Gabriele Rogowski vom Caritasverband Hechingen: „Wir müssen die Leute ziehen lassen und wissen nicht, was aus ihnen wird.“
Allzu viele sind es freilich nicht mehr, die sich in einem so beschriebenen Konflikt noch an die katholischen Einrichtungen wenden. Diese Entwicklung hat sich schon vor dem Stichtag 1. Januar gezeigt. Die allermeisten Beratungsstellen verzeichneten bereits im vergangenen Jahr einen deutlichen Rückgang an Konfliktberatungen, wie etwa Ingrid Weißenborn beim Blick auf die Statistiken des SkF Karlsruhe bestätigt. Gleiches erklärt Elvira Willy-Schäfer vom Caritasverband Mosbach. Grund für den frühzeitigen Rückgang war wohl die hitzige Debatte, die ja auch über die Medien geführt wurde.
Die öffentliche Meinung darf kein Gradmesser für die Arbeit der Kirche sein. Trotzdem ist es manchmal wichtig darauf zu schauen, welche Botschaft die Welt aus den innerkirchlichen Querelen mitnimmt. Der Geschäftsführer des Caritasverbandes Lahr, Peter Hochgürtel, berichtet zwar, durch die Diskussion sei regelrecht Aufmerksamkeit auf die Arbeit seines Verbandes gelenkt worden. Diese Aussage war bei der Umfrage unter den Beratungsstellen aber die Ausnahme. Das „Wir helfen und beraten weiter“ ist in der Gesellschaft noch nicht flächendeckend angekommen. Teilweise müssen die Verantwortlichen in der Beratungsarbeit wirklich auf verbrannter Erde aufbauen. Gabriele Schmid vom Caritasverband Schwarzwald-Baar in Donaueschingen beispielsweise. Sie verzeichnet dramatische Einbrüche, und zwar im gesamten Bereich der Schwangerenberatung. Offensichtlich denken viele außerhalb des kirchlichen Diskussionszirkels: „Die Kirche hat sich komplett zurückgezogen.“ Gabriele Schmid will jetzt zusätzlich zu der diözesanweiten Werbung mit einem eigenen Faltblatt und verstärkter Öffentlichkeitsarbeit auf die tatsächlich ja noch umfangreichen Hilfen aufmerksam machen.
Grundsätzlich gilt: Die Beratungsstellen werden möglicherweise neue Akzente in ihrem Angebot setzen beziehungsweise begonnene Initiativen ausbauen. Das ist von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich und hängt auch davon ab, wieviel freie Kapazitäten durch den Ausstieg aus der Konfliktberatung mit Schein tatsächlich entstehen. Und dies wiederum lässt sich am bisherigen Anteil dieser Gespräche abschätzen. Hohe Zahlen gab es zum Beispiel in Baden-Baden, wo der SkF bislang die einzige Beratungsstelle in der Stadt unterhielt. Dort machten die Konfliktberatungen etwa die Hälfte aller Gespräche in diesem Bereich aus. Auch in Bruchsal lag die Zahl bei 50 Prozent. Diözesanweit gehen die Verantwortlichen von einem Anteil von rund 15 Prozent aus. Dieser Durchschnitt kommt daher, dass Einrichtungen in anderen Orten eben einen sehr geringen Anteil an Konfliktberatungen hatten: Achern und Lörrach zum Beispiel, aber auch Mannheim (unter zehn Prozent).

Die Arbeit der Beraterinnen ist notwendiger denn je

Gebraucht wird der Dienst der Mitarbeiterinnen nach wie vor – und mehr denn je. Sei es in der Beratung und Begleitung bei vorgeburtlichen Untersuchungen, sei es in der vorbeugenden Arbeit mit Jugendlichen zu Fragen über Freundschaft, Liebe und Sexualität, oder bei der Trauerarbeit nach einer Tod- oder Fehlgeburt. Trennungs- und Scheidungsberatung oder verstärkte Gruppenarbeit junger oder allein erziehender Eltern sind weitere Schwerpunkte zukünftiger Arbeit.
Es war ein früher Zeitpunkt für eine Nachfrage bei den Beratungsstellen. Sogar ein zu früher, wie die SkF-Diözesanreferentin Dorothea Bensberg ausrichten ließ. Und auch der Verantwortliche für die Beratungsstellen der Caritas, Markus Günter, erwartet erst für das Frühjahr verlässliche Anzeichen für die weitere Entwicklung. Damit haben sie zweifellos Recht. Doch das gewaltige „Ruckeln“ beim so genannten „Umstieg“ gehört auch ins Protokoll. So wie es die Beraterinnen vor Ort eben erleben.

Stephan Langer