Seit 50 Jahren gibt es in Freiburg das „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“. Die Mitarbeiter untersuchen ungewöhnliche menschliche Erfahrungen und versuchen, sie in das geltende Koordinatennetz der Wissenschaften einzuordnen beziehungsweise dieses gegebenenfalls zu erweitern. Im Dialog mit der Kirche wollen sie zu einer „Flurbereinigung“ beitragen.

„Sperrig zur Normalität“

Das IGPP in Freiburg: Alles andere als „Geisterjäger“

Es ist fast schon enttäuschend nüchtern. Was für klassisch-schöne Gruselszenen hätte man sich zur Begrüßung ausmalen können. Aber nicht mal die Tür knarrt bedeutungsschwanger. Und brodelnde Getränke in abenteuerlich grellen Farben stehen auch nicht auf dem Tisch – bloß Kaffee.
Der Stoff, aus dem die Horrorfilme sind, taugt offensichtlich nicht, um sich dieser Freiburger Einrichtung mit dem sperrigen Namen anzunähern. „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“ (IGPP) heißt die Stelle offiziell. Aber, die inzwischen rund 40 Mitarbeiter kennen das schon, der Besucher gibt sich eben gerne seinen eigenen – verkürzenden und verfälschenden – Vorstellungen hin. Das war schon immer so. Den 1991 verstorbenen Institutsgründer, Hans Bender, nannte man beispielsweise oft einfach den „Spukprofessor“.
Dieses ironische Spötteln verrät Unsicherheit – beim Besucher. Und diese Unsicherheit wiederum kommt daher, dass man den Gegenstand der Disziplin nun tatsächlich nicht so recht fassen kann. Untersucht werden ungewöhnliche menschliche Erfahrungen, für die der Wissenschaftler Bezeichnungen wie „paranormal“, „übersinnlich“ oder „übernatürlich“ hat. Oder, wie es der IGPP-Abteilungsleiter und Diplompsychologe Eberhard Bauer ausdrückt: „Phänomene, die sperrig zur Normalität sind.“
Konkret gehört da eine unglaubliche Bandbreite dazu. Das können Vorgänge sein wie Gedankenübertragung, „Zweites Gesicht“, Prophetien, Visionen und Ahnungen. Wie ist es etwa zu erklären, wenn eine junge Frau einen Erstickungsanfall bekommt und wenig später erfährt, dass genau in diesem Augenblick ihr Vater einen Herzinfarkt hatte? Immer mehr Menschen suchen in diesem Zusammenhang die Hilfe und Beratung des IGPP. In den Untersuchungsbereich des Instituts fallen aber auch gewissermaßen „klassische“ Geister- und Spukerscheinungen, wenn etwa ein Poltergeist sein Unwesen zu treiben scheint. Analysiert wird aber auch, wenn Personen Kontakt mit Verstorbenen aufnehmen wollen, zum Beispiel über Gläserrücken oder automatisches Schreiben.
Es ist immer noch ungewöhnlich, wenn Menschen sich hauptberuflich mit solchen Erscheinungen beschäftigen. Gerade den letztgenannten Phänomenen haftet in der öffentlichen Meinung etwas Unseriöses an, ein „Geschmäckle“, wie man hierzulande sagt. Da ist man schnell bei der Hand mit Urteilen wie „Gibt’s doch gar nicht“. Oder: „Da ist einfach jemand verrückt.“ Wer so spricht, vergisst aber: Diese Erfahrungen sind für die Betroffenen nun einmal seelische Tatsachen. Und sie verlangen nach einer Antwort.

Alternative Denkmodelle

Die Freiburger Wissenschaftler wären im Übrigen die Letzten, die dem Okkulten huldigen würden. Oder schnell Geister und Dämonen als Deutungsmuster gelten ließen. Das IGPP hat den Anspruch, diesen vorläufig anomalen, nicht erklärbaren Bereich der Wirklichkeit aufzudecken und irgendwann in den Rahmen der Naturgesetze und des gültigen Welt- und Menschenbildes einordnen zu können. Wobei diese unter Umständen durchaus auch erweitert werden müssten, wie Eberhard Bauer erklärt.
Im IGPP nimmt man also die Phänomene mit aller Gründlichkeit und wissenschaftlich geforderten Nüchternheit unter die Lupe: hier sei noch einmal das Gläserrücken genannt. Da werden unbewusste Muskelbewegungen aufgezeichnet, man analysiert die innerpsychischen Vorgänge bei den Teilnehmern solcher „spiritistischer Sitzungen“. Und auf einmal lassen sich – wenn man das akzeptieren will – ganz „natürliche“ Erklärungen für das Geschehene finden. „Ich habe im Laufe meiner Arbeit viel mehr über diesseitige Menschen gelernt als über jenseitige Wesen“, bringt es Eberhard Bauer auf den Punkt.
Jetzt wird der eine oder die andere so langsam unruhig werden: Wenn die vom IGPP schon solche Geister „austreiben“, werden sie doch sicherlich auch etwas gegen Engel, Exorzismen und Wunderheilungen haben! Gegen Dinge also, die im katholischen Lehrgebäude durchaus ihren festen Platz haben. Wollen die uns vielleicht unseren Glauben „weg-erklären“?
Das ist durchaus ein heikler Punkt. Eberhard Bauer nimmt sich zwar höflich zurück: Man wolle bestimmt niemandem seine Schutzengelerfahrung ausreden, und die theologische Deutung bestimmter Phänomene bleibe jedem unbenommen. Trotzdem bemühe man sich von Seiten der Parapsychologie in solchen Fällen erst einmal um „alternative Denkmodelle“ aus dem Bereich der Humanwissenschaften. Und, so weh es manchem tun mag, manche Stigmata lassen sich eben wirklich auf psychosomatische Ursachen zurückführen.
Sicher: Denjenigen, die Blutwunder und Erscheinungen zum Zentrum ihres Glaubens gemacht haben, kann es bei der Arbeit des Freiburger Instituts schon ein wenig mulmig werden. Doch viele werden Eberhard Bauer zustimmen, wenn er vor allzu schneller Mystifizierung warnt. Das, so findet er, sollte die Kirche im eigenen Interesse genauso meiden wie sein Institut: „Es wäre problematisch, wenn die Theologie ein Phänomen als Wunder, als Durchbrechung des Alltags deutet, und es dafür stichhaltige wissenschaftliche Erklärungen gibt.“
Stephan Langer

Das Institut im Internet: www.igpp.de