Seit Jahren zieht das Musikfestival „Rock am See“ in Konstanz tausende Fans an. Jetzt gibt es eine heftige Diskussion um die Veranstaltung, weil am 1. September der Skandalrocker Marilyn Manson (Foto rechts) als Hauptattraktion auftreten wird. Ein zwar lokaler Streit, der aber Grundsatzfragen aufwirft: Wie weit geht die Freiheit der Kunst? Wie sollen Verantwortliche, wie soll Kirche, mit dem Rocker umgehen?

„Aufs Schockieren angelegt“

Konstanz: „Runder Tisch“ des Dekanatsrats zum Auftritt eines Skandalrockers

Ein Schockrocker auf einem Festival, das tausende von jungen Leuten anzieht: in Konstanz soll am 1. September Marylin Manson auftreten – in Amerika bekannt für aggressive Musik, brutale Bühnenshows, antichristliche Botschaften und in Texten und Auftritt hemmungslosen Umgang mit Gewalt, Mord, Selbstmord, Sex und satanischen Symbolen. Sein geplanter Auftritt ist derzeit Stadtgespräch am Bodensee. Eltern sind besorgt, in den Pfarrgemeinden wird nachgefragt und diskutiert, Dekan Mathias Trennert-Helwig bezeichnete in einem „Südkurier“-Interview die Manson-Texte als „geistigen Giftmüll“. Anderen Menschen, die durchaus die Besorgnis teilen, wird zuviel Wirbel um Manson gemacht. Sie befürchten, dass die öffentliche Ächtung des Rockstars Jugend erst recht in das Konzert treibe.

Manson-Texte als „geistiger Giftmüll“?

Der Konstanzer Dekanatsrat griff das Thema auf und lud zu einem „runden Tisch“ ein. Im Publikum saßen zahlreiche Vertreter der evangelischen und katholischen Jugend- und Sozialarbeit, Lehrer, Jugendliche, darunter auch Manson-Fans, Eltern und interessierte Gemeindemitglieder. Sie kamen ins Gespräch mit Vertretern von Kirche, Stadt, Polizei, Schule und dem Rockkonzert-Veranstalter.
Bereits der Künstlername ist Programm: Marylin Manson nannte sich nach Marylin Monroe, die durch Selbstmord starb und Charles Manson, einem amerikanischen Hippieführer, der 1969 mit seinen Anhängern wegen mehrfacher Morde (unter anderem an Sharon Tate) festgenommen wurde. Dekan Mathias Trennert-Helwig stellte zu Beginn der Podiumsdiskussion mehrere Manson-Texte vor und urteilte: „Neben Tod, Mord, sadistischem Sex und satanischen Symbolen geht es gegen alles, was als bürgerlich eingeschätzt wird. Die Texte bewegen sich haarscharf auf der Grenzlinie zwischen Verbot und künstlerischer Freiheit.“ Diese Grenze scheint Manson genau auszuloten je nachdem, wo er auftritt. Auch seine amerikanischen Fans dürften sich von denen in Deutschland und der Schweiz stark unterscheiden. Das vermutete jedenfalls eine junge Frau aus dem Publikum, ein bekennender Manson-Fan, aufgrund ihrer Beobachtungen bei einem Manson-Konzert in Zürich: „Die richtig krassen Fans sind die in Amerika. In Zürich haben wir beim Konzert eine Schlägerei erwartet, aber alles war absolut friedlich.“ Also keine Gewalt während und unmittelbar nach einem Manson-Auftritt? Keine Aggression, die sich sofort niederschlägt?
Der Vertreter der Polizei konnte Interessantes von den Erfahrungen seiner Kollegen anlässlich der Manson-Konzerte in Hamburg, Köln und Berlin berichten: „Die Konzerte verliefen am Rande der Peinlichkeit, weil das Erwartete wie Tierquälerei oder sexuelle Darstellungen nicht geboten wurde. Das Publikum verließ zum Teil vorzeitig die Halle.“ Auf ein gesteigertes Sicherheitsaufgebot wurde verzichtet – in Hamburg waren 30 Einsatzkräfte für 7000 Zuhörer eingeteilt. „Sicherlich ist die Performance auf Schockieren durch Satanskult angelegt“, so Jürgen Harder, Leiter der Abteilung Kriminalprävention in Konstanz, „doch keiner der Texte, keine CD steht auf dem Index.“ Als Einschreitgrundlage für die Polizei nannte er das Vorliegen einer Straftat, den Aufruf dazu, das Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole und die akute Gefährdung der Öffentlichkeit. Alle diese Kriterien seien bei den genannten Konzerten nicht erfüllt gewesen.

Vom Gesetz her bleibt Manson im Rahmen

Solange die Gesetze eingehalten werden, ist die Freiheit der Kunst verfassungsrechtlich geschützt. Rechtsanwalt Michael Wirlitsch: „Ein rechtliches Instrumentarium zur Einschränkung des Auftritts besteht zurzeit wohl nicht, und auch über die künstlerische Auffassung kommt man an das Problem Manson nicht heran.“ Offensichtlich ist von der formalen Seite her den Sorgen von Eltern und Erziehern nicht beizukommen. Doch Rechtsanwalt Wirlitsch verwies auf einen wichtigen Punkt, der auch die Planungen der Stadt Konstanz bezüglich des Rockkonzertes betrifft: „Trotz der Freiheit der Kunst muss der Staat nicht immer neutral sein. Was tut eine Stadt, um Künstler zu unterstützen? Was kann man unterlassen?“
Die Stadt Konstanz hat das Stadion für das Rockkonzert verpachtet, die Werbeplakate hängen. Manson ist die Hauptattraktion, weitere Gruppen wie „Die Ärzte“ treten auf. Armin Nissel, Geschäftsführer des Konzertveranstalters Koko-Entertainment, hält die Gerüchte um Manson-Auftritte für Werbung und ist überzeugt, dass die meisten nicht wegen der Texte, sondern der Musik zur Rockkonzerten gehen. „Ich bezweifle ernsthaft, dass die Texte übersetzt werden, was wegen des Slangs auch schwierig wäre.“ Natürlich sei Manson ein Provokateur, doch andere Gruppen vor ihm hätten ebenso schockiert. Im Übrigen sei Koko ein Wirtschaftsunternehmen, und Manson ziehe viele Zuhörer an. Eltern könnten ihren Kindern verbieten, ins Konzert zu gehen.
Rainer Leweling, Referent für katholische Jugendarbeit, sieht ein elterliches Verbot, das Konzert zu besuchen, als notwendige Einwirkungsmöglichkeit. „Im Generationenkonflikt war es immer so, dass Jugendliche provozieren und Eltern Grenzen setzen, heute muss es immer schlimmer werden, bevor diese Grenzen gesetzt werden. Doch sie sind wichtig.“
Heribert Baumann, Leiter eines Konstanzer Gymnasiums, sprach von der Verantwortung für junge Menschen und verwies auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde nach dem Grundgesetz. „Die Stadt vermietet das Stadion, es wird Gewalt und Menschenverachtung angepriesen und jegliche Toleranz missachtet. Die Schule muss dann reparieren.“
Dekan Trennert-Helwig verglich Manson mit jemandem, der Gift in ein Gewässer einleitet, während sich viele andere bemühen, das Wasser sauber zu halten. „Manson arbeitet all den Bemühungen zuwider, jungen Leuten Perspektiven zu eröffnen, sei es in Schule, Kirche oder Sport. Der Veranstalter Koko betreibt geistige Umweltverschmutzung.“ Manson verdiene seiner Ansicht nach die gleiche Ächtung wie Veranstaltungen der NPD.

Viele Jugendliche gehen lockerer ran

„Rock am See zieht ein junges Publikum an“, so Dorothee Jakobs-Krahnen vom Konstanzer Gesamtelternbeirat, „viele Jugendliche konsumieren kritiklos und sind noch nicht reif für eine Auseinandersetzung mit dem Gebotenen.“ Von einer Botschaft, die weiter wirke, sprach Ortwin Engel-Klemm, Gemeindediakon der evangelischen Kirchengemeinde Konstanz. Dass die Musikindustrie Leute wie Manson hochbringe, mit Starkult und Merchandising aufbaue und einem grenzenlosen Narzissmus huldige, sei dämonisch.
Die lebendige Podiumsdiskussion und Beiträge aus dem Publikum zeigten, dass Manson zwar polarisiert, aber dass Verständigung möglich ist. Im Anschluss an die offizielle Diskussion bildeten sich kleine Gruppen. Jugendliche, teils Manson-Fans, teils lediglich Anhänger von Rockmusik, sprachen mit Podiumsteilnehmern und mit älteren Menschen, die wissen wollten, warum Manson interessant sei. Offenbar ist die Wahrnehmung von Manson unterschiedlich: während die Erwachsenengeneration Texte übersetzt und deutet und Wirkungen der Titel auf die Aggressions- und Gewaltbereitschaft von Jugendlichen abzuschätzen versucht, gehen es viele junge Leute wohl deutlich lockerer an, zum Beispiel der 17-jährige Dominik. Ihm gefällt die Musikrichtung, und er hat auch zwei CDs von Manson, doch zu einem reinen Manson-Konzert würde er nicht gehen. „Manson werde ich zum ersten Mal live sehen, und ich bin gespannt, ob er wirklich so ist, wie er geschildert wird. Viele andere und ich auch sind beim Konzert dabei, weil wir jedes Jahr dorthin gehen und einfach die Musik und die Atmosphäre mögen.“
Bernhild Hagemeister