Schlossherrin ohne Thron

Maresa Freifrau von Türckheim-Böhl hat in Mahlberg – und Lourdes – ihre Heimat gefunden

Die schönsten Erlebnisse hat sie regelmäßig mit Kindern. Die fragen schon mal geradeheraus: „Bist du hier die Putzfrau?“ Wer Burgen und Schlösser vor allem aus Märchen kennt, für den gehört zu einer Schlossherrin eben mindestens Krone und Hofstaat. Dass auch eine Freifrau selbst zum Einkaufen geht und mit dem Putzeimer durch das Gemäuer zieht, das passt nicht so recht in dieses Bild. Oft nur zögernd akzeptieren junge Gäste diese für sie ganz neuen Erkenntnisse, erzählt Maresa Freifrau von Türckheim-Böhl mit einem Schmunzeln. Und auch wenn sie den Kindern dann lang und breit vom wirklichen Leben als Schlossbewohnerin im 21. Jahrhundert erzählt hat, schiebt mancher noch eine ungläubige Frage hinterher: „Ja, und wann sitzt du auf deinem Thron?“
Jetzt soll aber bloß keiner sagen, solche Bilder von märchenhaften Adelssitzen spuken nur in Kinderköpfen herum. Oder ist es wirklich allein der konradsblatt-Redakteur, der bei „Schloss“ an große Kaliber wie Neuschwanstein, Heidelberg oder Salem denkt? Und dem bei „Adel“ zuerst „Gott schütze die Königin“ einfällt?
Solche Seifenblasen platzen in Mahlberg (Dekanat Lahr) schnell. Dafür sorgt Maresa Freifrau von Türckheim-Böhl höchstpersönlich. Der Adelstitel mache sie nicht zu einem anderen Menschen, das hätten ihr die Eltern stets eingetrichtert. „Du bist nichts Besonderes“, so deren Worte. Für diese Schule sei sie dankbar, das lebe sie seither und deshalb müsse man darüber doch auch nicht weiter reden. Oder?
Recht hat sie. Reden wir also lieber über das Leben einer Frau, die in der Nähe von Lahr wohnt – zufällig eben in einem Schloss. Ihre Wurzeln liegen eine Ecke weit weg: bei Aachen. Dass sie überhaupt ins Badische verpflanzt wurde, das vedankt sie ihrem Mann. Das Mahlberger Schloss gehörte zum Besitz seiner elsässischen Adelslinie. 1979 übernahm die junge Familie das Anwesen, seit 1985 wohnen sie mit ihren vier Kindern tatsächlich auch dort.

Wohnen im Baudenkmal

Ach ja, das Leben im Schloss. Auch diesen Zahn muss einem die Freifrau leider gleich ziehen. Natürlich ist es unvergleichlich schön, an einem Sommertag von hier oben über das Rheintal zu schauen. Aber mag man sich wirklich ausmalen, wie es ist, wenn die Herbststürme an dem alten Gemäuer zerren? Oder wenn die Kälte Einzug hält?. „Der erste Winter war schon hart“, erinnert sich Freifrau von Türckheim-Böhl. Damals – wir schreiben die 80er Jahre – hatte das Schloss nicht einmal eine Heizung. Seit diesen Anfängen wurde und wird das Mahlberger Schloss Zug um Zug restauriert. Wirklich zu Ende ist man damit nie. Die Bewohner müssen eine Menge investieren. Und außerdem mit Behinderungen und Auflagen fertig werden – wie das nun mal so ist, wenn man in einem weithin sichtbaren Baudenkmal lebt.
Trotz all dieser Mühe: Maresa von Türckheim-Böhl hat im Badischen ihre Heimat gefunden. Sie ist selbstverständlich im Ort präsent. Sie arbeitet in ihrer Pfarrei St. Leopold mit – unter anderem als Pfarrgemeinderätin und Kindergartenbeauftragte. Und als Zeichen ihrer vollständigen Eingliederung hätten inzwischen auch die „echten Mahlberger“ aufgehört, bewusst hochdeutsch mit ihr zu reden, erzählt sie.
Nur ein einziger Ort auf der Welt kann für Freifrau von Türckheim-Böhl dem idyllischen Mahlberg heute noch den Titel „Heimat“ streitig machen. Und das ist Lourdes. Als für sich „lebensnotwendig“ beschreibt sie die Fahrt in den Wallfahrtsort. Mit 18 Jahren war sie erstmals bei den Malteserrittern dabei, welche die Pilgerzüge begleiten. Ein Sprung ins kalte Wasser sei das gewesen, ihr Bruder habe sie mehr überredet als überzeugt. Doch Lourdes wurde auch für sie zum Ort der großen Sehnsucht, habe sie beseelt.

Lourdes ist „lebensnotwendig“

Seither fährt sie in jedem Jahr mit und versorgt die kranken Wallfahrer. Inzwischen gibt es in der Gegend eine feste Pilgergruppe. Und alle zwei Jahre feiert Domkapitular Hermann Ritter mit knapp 200 Menschen im Mahlberger Schloss einen Pilgergottesdienst. „Das ist so ein bisschen wie in der grünen Kathedrale von Lourdes“, schwärmt von Türckheim-Böhl. Und wer schon einmal in der Pyrenäenstadt war, wird ihr Recht geben. Die Begeisterung für Lourdes hofft Freifrau von Türckheim-Böhl an ihre Kinder weiterzugeben. „Ihr müsst mindestens ein Mal mitfahren“, so habe sie denen als Versprechen abgenommen: „Dann könnt ihr immer noch ‚Nein‘ sagen.“
Der Ausflug in Gedanken ist vorbei. Zurückgekehrt aus Lourdes sitzen wir wieder in Mahlberg im Sessel bei Maresa Freifrau von Türckheim-Böhl. Wohlgemerkt, liebe Kinder: es ist ein Sessel. Wie er in so manchem Wohnzimmer stehen mag. Kein Thron! Wer in und um Mahlberg wohnt, kann sich davon ja selbst überzeugen. Denn natürlich führt Maresa von Türck-heim-Böhl immer wieder selbst Besucher – und vor allem Kinder – durch ihre Wohnung, die eben zufällig ein Schloss ist. „Die Mahlberger Kinder müssen ihr Schloss kennen“, sagt sie mit Nachdruck. Und vielleicht verbindet sie damit ja auch die Hoffnung, dass sich manche Fragen auf Dauer erübrigen.

Stephan Langer