Rache ist unvernünftig

Mehr als eine Woche liegen die ebenso spektakulären wie grauenvollen Ereignisse in New York und Washington zurück, die die Welt verändert haben. Amerika und mit ihm die ganze westliche Welt haben erfahren, wie verwundbar sie sind. Nicht Raketen der neuesten Bauart oder ABC-Waffen, nicht Truppen, Bomber oder Kriegsschiffe vernichteten Symbole der militärischen und der Wirtschaftsmacht USA und zusammen mit ihnen zahllose unschuldige Menschen – sondern Fanatiker, die bereit sind, in ihren Taten selbst unterzugehen.
Und die Weltöffentlichkeit? Zum Entsetzen über die Tat kam die Frage nach den Opfern und dem Tathergang, die Frage nach den Tätern, ihrer Herkunft, ihren Hintermännern und Motiven, schließlich die Frage nach der erwarteten militärischen Antwort der US-Amerikaner.
Und wenn auch zum Zeitpunkt, an dem diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht absehbar ist, wie schnell amerikanische Gegenschläge kommen werden, soviel ist klar: Die Tagesordnung internationaler Politik muss neu geschrieben werden.
In den nächsten Tagen und Wochen sollten jedoch nicht schlichte Schwarz-Weiß-Bilder die Grundlage des Handelns Amerikas, seiner Verbündeten wie auch der Staatengemeinschaft insgesamt sein. Gerade Kirchen und Religionsgemeinschaften könnten hier Übersetzungsarbeit leisten.
Der Islam als solcher war und ist nicht Urheber dessen, was in diesen Tagen die Welt erschüttert. Der Islam wird hier für etwas benutzt, was zahlreiche Muslime ebenso verabscheuen wie die Menschen der westlichen Welt.
Die viel beschworene Frontstellung christliche Welt hier, islamische Welt dort, beschreibt nicht die wirkliche Lage. Die gemeinsamen Interessen zwischen gemäßigten arabischen Regimen und dem Westen sind dafür viel zu zahlreich geworden, die Verflochtenheit in den politischen und wirtschaftlichen Zielen viel zu groß.
Der Kampf gegen gewalttätige Fanatiker ist unabweislich. Letztlich erfolgreich wird er aber nur sein, wenn sich der Westen hier auch um mehr Glaubwürdigkeit bemüht. Terroristen sind auch dann Terroristen, wenn sie den eigenen Interessen nutzen. Eine Politik gegen den weltweiten Terrorismus ist unteilbar.

Bedürfnisse nach Rache und Vergeltung sind in diesen Tagen die falschen Ratgeber. Rache ist nicht nur unmoralisch, sie ist gerade auch in diesem Moment unvernünftig. Sie würde nur anheizen, was der Westen ansonsten bekämpft; sie bestätigte die Fanatisierten lediglich in dem einseitigen Bild, das sie von der westlichen Gesellschaft haben.

Klaus Nientiedt