Politik mit Herz

Im Wahlkampf und bei der Bildung der neuen US-Regierung hat Religion eine ungewöhnlich große Rolle gespielt. Die republikanischen Kandidaten, beide praktizierende Methodisten, stellten ihre religiöse Zugehörigkeit heraus. Immer wieder wurde eine moralisch einwandfreie, eine anständige Politik in Washington angemahnt. Das war eine unverhohlene Spitze gegen den scheidenden Präsidenten – und damit auch gegen seinen Stellvertreter, der ihn beerben wollte.
Bei der Wahl seiner künftigen Minister entschied sich Bush in mehreren Fällen für Politiker, deren religiöse Verankerung bekannt ist. Hatte sich Bush bereits im Wahlkampf den Medien gerne zusammen mit Religions- und Kirchenvertretern gezeigt, so setzte er dies auch als designierter Präsident fort. Vertreter von Religionsgemeinschaften, unter ihnen auch der Vorsitzende der katholischen US-Bischofskonferenz, lud er zum Gespräch. Offenbar will er die Religionsgemeinschaften und Kirchen bei der Durchführung von Sozialprogrammen „subsidiär“ einbinden.
Ein Schlüsselwort seines Wahlkampfes war der „mitfühlende Konservatismus“ gewesen. Dass sich ein republikanischer Präsident für soziale Anliegen stark macht, ließ aufhorchen. So weit, so gut. Man wird abwarten müssen, ob und inwieweit diesen Akzenten auch Taten folgen werden. Die Erwartungen wird man nicht zu hoch schrauben. Die Partei des neuen Präsidenten, die Partei Ronald Reagans, müsste sich schon sehr verändern, sollte sie sich tatsächlich zu einem „mitfühlenden“ Typ von Politik, eine Politik mit Herz in den kommenden vier Jahren entschließen.
Das Abtreibungsrecht – ein in dem Zusammenhang viel genanntes Thema – wird sich in den USA nur ändern, wenn der Oberste Gerichtshof dazu den Weg ebnet. Der Präsident kann dies allenfalls bei der Auswahl künftiger Richter beeinflussen. Viele andere Themen, die hier zu nennen wären, blieben beim Republikanischen Präsidentschaftskandidaten jedoch auffallend ausgeblendet.
Zu einer – wie die Lebensrechtsbewegung dies nannte – „Kultur des Lebens“ würde auch eine andere Haltung zur Todesstrafe gehören. Unter Republikanern ist diese Forderung jedoch noch weniger populär als in der US-Bevölkerung insgesamt schon. Seit langem gehört die katholische Kirche in den USA zu den entschiedensten Gegnern der Todesstrafe.
Zweifel aber auch in einer anderen Frage: Werden die USA künftig bereit sein, jene Verantwortung gegenüber den armen Ländern und in ökologischen Menschheitsproblemen zu zeigen, zu der sie auch aus dem kirchlichen Raum gedrängt werden.

Schließlich: Dass die Möglichkeiten der Kirchen verbessert werden, karitativ tätig zu werden, ist zu begrüßen. Ein Ersatz für eine nachhaltige Politik zu Gunsten der Armen, der Bedürftigen und der Minderheiten, eine Politik, die die ungeheuren sozialen Spannungen des Landes ernsthaft in den Blick nimmt, ist dies aber nicht.

Klaus Nientiedt